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    MainzWarum Kaminer keine Nationalhymnen singt: Autor liest in Mainz und Wiesbaden

    Der deutsch-russische Bestsellerautor Wladimir Wiktorowitsch Kaminer ist entschiedener Kritiker des russischen Staates von Präsident Wladimir Putin. Darum reist er derzeit nicht in seine Heimat. Er hält das für gefährlich. Aus seinem aktuellen Werk „Goodbye, Moskau. Betrachtungen über Russland“ liest er am Freitag in Mainz.

    Der Bestseller-Autor Wladimir Kaminer (49) ist ein Kritiker von Wladimir Putin.
    Der Bestseller-Autor Wladimir Kaminer (49) ist ein Kritiker von Wladimir Putin.
    Foto: dpa

    Wladimir Wiktorowitsch Kaminer wurde 1967 in der Sowjetunion geboren, leistete dort seinen Militärdienst ab, absolvierte eine Ausbildung zum Toningenieur und ein Studium der Dramaturgie. 1990 reiste er in die DDR – und ist bis heute in Deutschland geblieben. Seine Bücher erreichen enorme Auflagen. Sein Kurzgeschichtenband „Russendisko“ aus dem Jahr 2000 machte seine gleichnamigen Tanzveranstaltungen mit russischer Popmusik weit über die deutsch-russische Gemeinde hinaus bekannt.

    Am Freitag liest Kaminer ab 21 Uhr im Mainzer Kulturclub Schon Schön aus seinem aktuellen Werk „Goodbye, Moskau. Betrachtungen über Russland“. Die Lesung ist ausverkauft, für die „Russendisko“ ab 24 Uhr gibt es noch Karten. Wir sprachen mit dem Autor über sein neues, offenbar mit alternativen Fakten angereichertes Buch und seine politischen Einstellungen.

    Herr Kaminer, Hand aufs Herz, Sie haben als Kind wirklich Tauben eingesaugt? Mit dem Sowjet-Staubsauger „Möwe 1“?

    Naja, ich hab's zumindest versucht.

    Und Ihren Vater trieb die Angst um, dass „Mamas Katze auf seine sowjetischen Krawatten kackt“?

    Er hatte immer Stress mit der Katze!

    Sie haben auch über Ihre Mutter geschrieben. Sie lernt seit 23 Jahren in der Volkshochschule Englisch, kann es aber immer noch nicht richtig ...

    Oh, da hat sie geschimpft! Meine Mutter nannte das eine gottlose Übertreibung. Okay, es waren eigentlich nur 14 Jahre. Aber 23 Jahre klingt eben lustiger.

    Ihre Bücher stecken voller Anekdoten. Wie viele sind wahr?

    Hin und wieder übertreibe ich. Aber wirklich erfinden kann ich gar nichts. Wir leben doch alle auf demselben Planeten.

    In Ihrem aktuellen Buch berichten Sie von Ihrer Tante Ilma. Sie kam auf einem Flug von Moskau nach Donezk zur Welt und durfte seither in der Sowjetunion stets umsonst fliegen …

    Eine total verrückte Geschichte!

    Durfte sie umsonst fliegen?

    So hat sie es immer suggeriert. Ich glaube schon, dass es so etwas gibt. Übrigens auch bei der Deutschen Bahn. Wenn Sie im Zug geboren werden, können Sie lebenslang umsonst fahren.

    Verrückt! Ich frag bei der Bahn nach.

    Gern.

    Wir haben bei der Deutschen Bahn nachgefragt: Wladimir Kaminers Behauptung enthält ein Fünkchen Wahrheit. Kinder unter fünf Jahren fahren im Fernverkehr kostenlos – aber eine Geburt in der Bahn ist dafür nicht nötig. Einen lebenslangen Freifahrtschein gibt es nicht.

    Sie verließen die Sowjetunion 1990. Warum?

    Weil sie ein autoritärer Staat war, der die Herrschaft über mich übernehmen wollte. Unsere ganze Produktion war Militärproduktion. Alle Makkaroni-Nudeln hatten das Kaliber sieben Millimeter, damit das Nudelwerk im Kriegsfall sofort Munition produzieren konnte.

    Warum sind Sie nach Deutschland gegangen?

    Ich bin weg, als die Sowjetunion schwächelte. Ich hatte keinen Reisepass, hätte auch keinen bekommen. Darum reiste ich in die DDR, das ging ohne.

    Sie sagen, Sie sind privat Russe, beruflich deutscher Schriftsteller.

    Ja, meine Bücher sind deutsche Literatur. Aber ich bleibe Russe.

    Was unterscheidet Russen und Deutsche?

    Die Russen wollten mit der Sowjetunion in die Zukunft. Heute wissen sie – da ist nichts, es gibt keine Zukunft, das Leben ist ein absteigendes Gleis. Sie leben im Hier und Heute. Anders die Deutschen. Sie denken nur an die Zukunft, haben diese Nachhaltigkeit erfunden und wollen schon im Kindergarten wissen, wie hoch ihre Rentenbezüge sein werden. Ich denke inzwischen ähnlich wie die Deutschen.

    Wie oft reisen Sie nach Russland?

    Derzeit gar nicht.

    Warum?

    Weil es gefährlich ist. Ich bin ja Kritiker des Putin-Regimes. Es gibt Idioten, die wegen der Kreml-Propaganda durchdrehen und Andersdenkende auf der Straße angreifen. Und der Staat kann jeden an jedem Ort festnehmen. Es gibt keine Unschuldigen mehr.

    Was kritisieren Sie noch an Putin?

    Er hat in kürzester Zeit geschafft, was keiner zuvor schaffte: Russland hat keine Verbündeten mehr, nicht einmal Weißrussland. Wir laufen weg von Europa wie eine verrückte Ziege in den Wald. Eine Katastrophe!

    Kann US-Präsident Donald Trump ein russischer Verbündeter sein?

    Nein, er muss Putin jetzt anfeinden – nach all den Gerüchten, dass Russland ihm half, ins Amt zu kommen. Putin ist ein Anti-Midas. Was der sagenhafte König Midas anfasste, wurde zu Gold. Was Putin anfasst, wird zu Scheiße. Aber: Er ist nicht abwählbar.

    Halten Sie Russland für eine Diktatur?

    Das Putin-Regime ist eine mildere Variante davon, mit mächtigem Sicherheitsapparat, beschränkter Pressefreiheit und ohne Opposition. Manche Kritiker werden auf der Straße erschossen, andere „nur“ außer Landes gepresst.

    Im Fotointerview mit der „Süddeutschen Zeitung“ wurden Sie auf die russische Nationalhymne angesprochen. Sie simulierten daraufhin Brechreiz. Warum?

    Ich glaube, ich habe noch nie eine Nationalhymne gesungen. Warum sollte man auf das eigene Land stolz sein? Stolz bin ich auf eigene Leistungen. Ich bin Russe, ich mag die Russen sehr, aber dieser russische Staat soll seine Hymne selbst singen!

    Was wurde eigentlich aus Ihren politischen Ambitionen?

    Was meinen Sie?

    2006 kursierten Meldungen, dass Sie Regierender Bürgermeister von Berlin werden möchten?

    Ja, stimmt. Ich wollte mit provokanten Ratschlägen die Hauptstadtpolitik beleben. Aber das gab ich auf. Ich habe als Schriftsteller einen so tollen Job, den würde ich nie gegen einen langweiligen Bürgermeisterposten tauschen.

    Das Gespräch führte Hartmut Wagner

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