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    Koblenz

    Eine Lesung wie ein Popkonzert

    Diese Lesebühne macht sichtlich Eindruck auf Benedict Wells. So viel, dass er irgendwann eine kleine Kamera aus der Jackettasche zieht, sein Buch für einen Moment Buch sein lässt und stattdessen lieber lächelnd Fotos von dem schießt, was er vor sich erblickt: Gut 400 begeistert klatschenden Zuhörern sieht er sich gegenüber, vom Parkett bis in den zweiten Rang, als er von der Bühne des voll besetzten Großen Hauses des Theaters Koblenz schaut.

    Lebhaft und lässig: Bestsellerautor Benedict Wells in der Literaturmatinee im Theater Koblenz. Sie war der Auftakt für die Koblenzer Literaturtage „Ganz Ohr“ und die Leseaktion „Koblenz liest ein Buch“.  Foto: Sascha Ditscher
    Lebhaft und lässig: Bestsellerautor Benedict Wells in der Literaturmatinee im Theater Koblenz. Sie war der Auftakt für die Koblenzer Literaturtage „Ganz Ohr“ und die Leseaktion „Koblenz liest ein Buch“.
    Foto: Sascha Ditscher

    Von unserer Redakteurin Anke Mersmann

    Eine solche Zuschauermenge ist für einen Schriftsteller eben nicht alltäglich, selbst für einen Bestsellerautoren wie Benedict Wells nicht. Weder die Größe des Publikums ist es noch der Ort, um eine Lesung zu halten. Deshalb ist Wells an diesem Sonntagvormittag in Koblenz. Er liest aus seinem Debütroman „Becks letzter Sommer“ und eröffnet mit dieser Matinee nicht nur die Koblenzer Literaturtage „Ganz Ohr“, in deren Rahmen in den nächsten 14 Tagen namhafte Autoren wie Harald Martenstein oder Zsuzsa Bánk lesen. Wells setzt auch den Startschuss für die Literatur- und Leseaktion „Koblenz liest ein Buch“, in deren Mittelpunkt von April bis Ende Juni während vieler Veranstaltungen in der Stadt sein Roman über die Figur Robert Beck steht – ein Lehrer, der mitten in der Lebenskrise doch noch versucht, seinen Traum von einer Karriere im Musikbusiness zu verwirklichen. Das zieht nicht nur viele existenzielle Lebensfragen nach sich, sondern auch eine waghalsige Fahrt von Bayern über den Balkan bis zum Bosporus.

    Humorvoll, direkt und unverblümt geschrieben, eine schnelle Handlung, die nicht nur unterhält, sondern Tiefgang beinhaltet: „Becks letzter Sommer“ bringt all das mit sich – und Benedict Wells kitzelt vieles von dem, besonders aber den Humor, im Theater Koblenz heraus. Der 33-Jährige hat eine charmant-lässige Art, die Theaterintendant Markus Dietze schon in seiner Moderation andeutet: „So cool ging es vor Lesungen selten backstage zu“, sagt er und kündigt einen gut gelaunten Autor an.

    Passende Musik

    Begleitet wird dieser von dem ebenso munter gestimmt wirkenden Singer-Songwriter Jacob Brass. Er würzt die Matinee mit seiner Akustikgitarre und atmosphärisch starken Songs von Bob Dylan, Oasis und aus der eigenen Feder. Das ist umso passender, da es im Roman viel um Musik geht – vor allem von Dylan. Das Buch ist formal sogar in eine A- und B-Seite aufgeteilt, so wie ein auf Platte gepresstes Musikalbum. Und immer, wenn Brass spielt, hat sein guter Freund Wells Zeit, sich zurückzulehnen, ein wenig zu lächeln und nicht nur die Musik, sondern die Szenerie auf sich wirken zu lassen: den historischen Theatersaal und ein Publikum, das er von den ersten Minuten an für sich zu gewinnen weiß.

    Wells ist ein guter Vorleser, einer, der es sehr gut versteht, seine Zuhörer in eineinhalb Stunden so durch seinen 452-seitigen Roman zu führen, dass sie in ausschnittsweiser, richtiger Dosierung Vorstellungen von Figuren und Geschehnissen entwickeln. Und wer den Roman kennt, freut sich über ein literarisches Wiedersehen mit Robert Beck, dem musikalischen Wunderkind Rauli Kantas und ein paar anderen Figuren mehr.

    Roman im Vordergrund

    Wells stellt bei dieser Lesung Roman und Geschichte in den Vordergrund, was sinnvoll ist, soll diese Matinee doch das Interesse am Buch wecken, um das das Leseprojekt „Koblenz liest ein Buch“ konzipiert ist. Wells verzichtet daher weitgehend darauf, Einblicke in seine Arbeitsweise zu geben, wie es viele seiner schreibenden Kollegen sonst gern bei Lesungen zu tun pflegen. Zwar haben diese Werkstatteinblicke häufig einen schönen Mehrwert für Literaturfans – im Fall von Benedict Wells aber liegt die Arbeit an „Becks letzter Sommer“ einfach zu lang zurück. Vor zwölf Jahren schrieb er das Buch, 2009 erschien es im Diogenes Verlag. Seither ist viel passiert, Wells veröffentlichte drei weitere Romane, zuletzt den erfolgreichen Titel „Vom Ende der Einsamkeit“. Als Autor hat sich der 33-Jährige seither deutlich entwickelt, was er auch dann und wann in der Lesung sagt: „Ich war echt jung, das würde ich heute nicht mehr so schreiben“, bemerkt er beispielsweise amüsiert, als er eine Passage liest, in der zwei, drei Kraftausdrücke vorkommen.

    In der Hauptsache aber hat er ebenso viel Freude an seinem Buch und dem Vortrag in Koblenz wie seine Zuhörer. Die bejubeln Wells und Musiker Brass stürmisch im Stehen, als nach eineinhalb Stunden die letzte Zeile gelesen und der letzte Akkord gespielt ist. In all dem Beifall gibt Theaterintendant Dietze den beiden noch einen kleinen Exkurs in puncto Verbeugen beim Schlussapplaus, bevor er den Jubel einordnet: „So viel popkonzertartige Stimmung haben wir selten im Theater.“

    Weitere Infos zu den von der Koblenz-Touristik veranstalteten Literaturtagen „Ganz Ohr“ unter www.koblenz-ganzohr.de

     

    Die Aktion "Koblenz liest ein Buch"

    Mit „Koblenz liest ein Buch“ soll an Rhein und Mosel von April bis Ende Juni Benedict Wells Roman „Becks letzter Sommer“ zum Stadtgespräch avancieren. Das Buch und die darin behandelten Themen stehen im Mittelpunkt von Lesungen, Vorträge, Filmvorführung und Workshops, die an ungewöhnlichen und thematisch zum Buch passenden Orten während des Projekts in Koblenz stattfinden. Ziel der Aktion ist es unter anderem, über die Literatur ein generationsübergreifendes Gemeinschaftserlebnis in Koblenz zu erzeugen. Federführend wird es vom Kultur- und Schulverwaltungsamt der Stadt Koblenz und der Koblenzer Buchhandlung Reuffel initiiert und mit vielen Kooperationspartnern ermöglicht.

    Weitere Infos unter www.buch.koblenz.de

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