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    Rheinland-Pfalz

    Mit dem RZ-Wahlmobil über die Buckelpisten: Wie kaputt sind unsere Straßen? (Mit Videos)

    Unsere Reporter Verena Hallermann, Dirk Eberz und Jennifer de Luca waren in der Region unterwegs, um der Frage nachzugehen, wie es um die Landesstraßen in Rheinland-Pfalz bestellt ist. Dazu haben sie mit Bürgern und Behörden gesprochen und sind die Strecken selbst abgefahren - mit Onboard-Kamera.

    Von Verena Hallermann, Dirk Eberz & Jennifer de Luca

    Die L 205 hat zweifellos einen gewissen Erlebnischarakter. Besitzer von Geländewagen müssen auf der Hunsrücker Buckelpiste für ihr Off-road-Vergnügen nicht mal von der Straße abfahren. Für Lkw-Fahrer wird die Fahrt von Beltheim nach Dorweiler (Rhein-Hunsrück-Kreis) indes zum Abenteuer. Im Lastwagen der Firma Heinrichs werden wir kräftig durchgeschüttelt, als wir über den Abschnitt rumpeln. Mal schwankt der Laster von rechts nach links. Dann hebt er kurz ab, um wieder abzusacken. Dazu bläst der Wind kräftig von vorn. Begegnungsverkehr. Mit Tempo 20 schaukelt ein anderer Brummi an uns vorbei. Für das Manöver muss er mit einem Reifen ins Bankett, das vor sich hin bröselt. Zentimeterarbeit. Bedrohlich nah wanken die Laster aneinander vorbei.

    Kathrin Heinrichs fordert eine Sanierung der L205.
    Kathrin Heinrichs fordert eine Sanierung der L205.
    Foto: Verena Hallermann

    Für Geschäftsführerin Kathrin Heinrichs, die mit uns im Führerhaus Platz genommen hat, ist der Spaßfaktor aber eher begrenzt. "Auf der Ladefläche hüpfen jetzt unsere Schrauben auf und ab", sagt sie. Präzisionsprodukte für Automobilindustrie und Maschinenbau. 15 000 Tonnen transportiert die Firma Heinrichs pro Jahr über die marode Landesstraße. "Es kommt immer wieder zu Beschädigungen." Nicht eben die beste Visitenkarte für Kunden. Deshalb hat sie sich mit 80 anderen Unternehmen der Region zusammengeschlossen, damit endlich was passiert. "Die Straße muss ja nicht breiter werden", sagt Kathrin Heinrichs. "Sie soll nur endlich mal richtig saniert werden."

    Nun sind Hunsrücker ja geduldig. Ein Jahr oder zwei warten sie gern. Vielleicht auch fünf. Mittlerweile sind allerdings mehr als 15 Jahre ins Land gegangen. Und passiert ist - fast nichts. Mischen, stopfen, walzen - ein Fall für die Kosmetikabteilung des Landesbetriebs Mobilität (LBM). Die erbärmlichsten Stellen haben so eine neue Fahrbahndecke erhalten. Wie ein Pflaster. Aber selten über die gesamte Fahrbahnbreite. Und ja, an einem besonders maroden Abschnitt hat der LBM mal ein Tempo-70-Schild aufgestellt. "Das kam dann sofort wieder weg, als sie die wenigen Meter ausgebessert haben", sagt der Dorweiler Ortsvorsteher Eugen Kochhan. "Ich würde mal gern wissen, was die Flickschusterei alles gekostet hat."

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    Und so ist an der L 205 über die Jahre eine Art Kunst am Bau entstanden - ein abstraktes Muster aus unterschiedlichen Fahrbahnhöhen, Spurrillen, Bodenwellen und Flicken, das in der Ortsdurchfahrt Beltheim in eine Schlaglochpiste übergeht. Nur, was will der Künstler uns damit sagen? Für eine richtige Sanierung ist kein Geld da. Dabei haben sie bereits jede Menge Politprominenz herangekarrt. Der Hunsrücker Landtagsabgeordnete Hans-Josef Bracht (CDU) war da, der im Ruf steht, jedes Schlagloch im Kreis mit Namen zu kennen.

    Landtagspräsident Joachim Mertes (SPD), der nur wenige Kilometer entfernt in Buch wohnt, wirkt mittlerweile schon etwas zerknirscht, wenn er die Unternehmerin Heinrichs trifft. Auch Wirtschaftsministerin Eveline Lemke (Grüne) holperte über die L 205 in den Hunsrück. Keine Reaktion. Schließlich überreichten sie dem zuständigen Minister Roger Lewentz eine Liste mit 1300 Unterschriften. Auf der Broschüre ihrer Initiative lächelt Lewentz in die Kamera. Passiert ist - wieder nichts.

    Foto: Verena Hallermann

    Kochhahn ist das Lachen längst vergangen. "Die Bürger glauben nicht mehr, dass sich bei uns überhaupt noch was tut", ärgert er sich. Der Ortsvorsteher hat das Gefühl, gegen Windmühlen zu kämpfen, die sich passenderweise neben der kaputten Landesstraße drehen. "Wir haben schon überlegt, ob wir die Landtagswahl boykottieren sollen." Ein Akt der Verzweiflung. Kein Einzelfall. Bei der Infrastruktur geht's in Rheinland-Pfalz längst an die Substanz. Der Landesrechnungshof in Speyer hat einen Investitionsstau bei den Landesstraßen von fast 1 Milliarde Euro ausgemacht. Demnach sind nicht weniger als 2650 der rund 7200 Kilometer Landesstraßen in einem sehr schlechten Zustand. Und die L 205 ist keineswegs die miserabelste Trasse im Land.

    Die Landesstraßen 96 und L 97 bei Monreal in der Eifel sind noch trostloser. Längst hat sich eine Bürgerinitiative (BI) gebildet. Rund 500 Mitglieder kämpfen dafür, dass die beiden Strecken endlich erneuert werden. "Ab hier muss man langsam fahren", mahnt der BI-Vorsitzende Walter Wendel, als wir mit unserem RZ-Wahlmobil den kleinen Ort Hirten erreichen. Schlaglöcher durchziehen den Asphalt. Der Straßenbelag ähnelt einem Flickenteppich. Die Spezialkamera, die wir vorn an der Stoßstange befestigt haben, wackelt gewaltig. Ein Wunder, dass sie trotz der heftigen Erschütterungen nicht komplett abgefallen ist. "Das kann man doch nicht mehr als Straße bezeichnen", schimpft Wendel und deutet auf die vielen Risse. Überall ist der Belag aufgebrochen, Steine liegen herum.

     

    > Die Schlaglochpiste L 309 zwischen Hillscheid und Vallendar hat es in sich - fahren Sie per Onboard-Kamera mit:

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    Rund 600 Autos fahren jeden Tag durch die 260-Einwohner-Gemeinde. "Wir sind hier ein Verkehrsknotenpunkt", betont Ortsbürgermeister Heinrich-Peter Michels. Wohl der holprigste in der gesamten Eifel. "Wo denken die Leute denn, wo sie hinkommen, wenn sie das hier sehen?" Seit rund 25 Jahren kämpft die Gemeinde nun schon darum, dass die L 97 saniert wird. "In den Gemeinderatssitzungen hat man schon keine Lust mehr", räumt Michels ein. "Wir sind mehr oder weniger dabei aufzugeben." Dabei hat die Region eigentlich eine höchst prominente Fürsprecherin. Denn Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) wohnt in dem kleinen Nachbarort Weiler. "Aber mit dem Dienstwagen fährt es sich ja auch anders, mit so einem großen, dicken Audi", vermutet Michels.

    Auch Laurentius Kugel ist stinksauer über die Untätigkeit. Der Unternehmer betreibt in Hirten einen Onlinehandel und fürchtet ums Geschäft. "Wenn die Zulieferer hierhin kommen, beschweren sie sich bei mir", sagt er, "weil die Paletten auf dem Lkw umfallen." Die Einzigen, die von der Buckelpiste profitieren, sollen die umliegenden Werkstätten sein. Vor allem Stoßdämpfer und Radlager werden Belastungsproben unterzogen.

    Langsam geht's im Wahlmobil auf der maroden Landstraße in Richtung Weiler weiter. Wieder wackelt und ruckelt es. Rechts und links hat die BI Banner mit den Worten "Loch an Loch, wie lange noch?" aufgestellt. Mit ihrem Anliegen, die Straße noch in diesem Jahr zu erneuern, haben sie sich mal wieder an den Landesbetrieb Mobilität gewandt. Allerdings mit eher mäßigem Erfolg. "Der Ausbau des Teilabschnitts ist für 2018 geplant", zitiert Wendel aus einem Schreiben des LBM. "Geplant", wiederholt er. "Diese Formulierung haben wir schon öfter gehört. Hat uns bisher noch nichts gebracht." 2,6 Kilometer ist der Straßenabschnitt lang. 2018 ist der BI viel zu spät. "Die Straße ist besonders schlimm. Sie kann keine weiteren drei Jahre mehr in diesem Zustand genutzt werden", betont Wendel. "Ausbessern ist überhaupt nicht möglich. Die Straße muss komplett neu gemacht werden."

    Über Elzbach geht's weiter über die L 96 in Richtung Monreal. Werner Schneider aus Ditscheid fährt vor. Mit seinem tiefergelegten Wagen muss er täglich über diese Landesstraße, erzählt er. Eine echte Herausforderung. Wir halten an einem besonders tiefen Schlagloch. "Das ist eine Katastrophe. Ich bin diese Strecke das erste Mal mit 18 Jahren gefahren", sagt der 45-Jährige. "Es sind zwar immer wieder ein paar Ausbesserungen vorgenommen worden, aber sonst tut sich da nicht viel." Keine 20 Kilometer entfernt liegt übrigens der Nürburgring, in dem das Land bekanntlich Hunderte Millionen versenkt hat. "Das Geld hätte man besser investieren können", ärgert sich Schneider. Im Sommer ist er gern mit dem Motorrad unterwegs. Die L 96 meidet er. "Wenn es nass ist, ist das gerade in den Kurven gefährlich", weiß Schneider. "Obwohl das von der Strecke her eigentlich toll wäre, hier zu fahren." Toll, aber potenziell lebensgefährlich.

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    Rund 2000 Fahrzeuge sind pro Tag auf dieser Landstraße unterwegs. Gut vier Kilometer befinden sich in einem miserablen Zustand. "Und das, obwohl diese Straße die Lebensader für die Anliegerorte ist", ärgert sich der BI-Vorsitzende Wendel. Die ganze Umgebung leide darunter. "Die Leute fahren Slalom, und das ist gefährlich. Sie nutzen etwa die linke Spur, wenn die besser ist." Bisher ist noch nie etwas Schlimmeres auf der Strecke passiert. "Das ist wohl der Grund, warum nichts gemacht wird", ist Walter Wendel überzeugt. "So lange werden die Straßen zurückgestellt. Da kann ich zornig werden."

    Aber die BI gibt nicht auf. Infrastrukturminister Roger Lewentz, Landtagsabgeordnete und LBM hat Wendel bereits angeschrieben. Das Ergebnis: Ein Stück von etwa einem Kilometer bei Monreal wird saniert. Ein Teilerfolg. Allerdings handelt es sich ausgerechnet um einen Abschnitt, der eigentlich in Ordnung ist. Für Wendel sind die Kriterien schleierhaft, nach denen saniert wird. Jedenfalls will sich der Vorsitzende damit nicht abspeisen lassen. "Damit ist die Bevölkerung nicht mehr zu beruhigen."

    Foto: Verena Hallermann

    Lewentz weist in einem Schreiben darauf hin, dass Handlungsbedarf eben nicht nur bei diesen Streckenabschnitten besteht. Das ist in der Tat unbestreitbar. Für Wendel aber kein Argument. "Für mich stellt sich die Frage nach der Wertschätzung für unsere Region. Schon wieder will die Landesregierung unsere Region vernachlässigen", ärgert er sich. Eine Fortsetzung scheint garantiert.

    Die Wirtschaft schiebt schon lange Frust über den Zustand der regionalen Infrastruktur. Die IHK Koblenz etwa fürchtet, dass die Kosten irgendwann explodieren, wenn die Mittel nicht endlich aufgestockt werden. Die Industrie- und Handelskammer fordert deshalb 100 Millionen Euro pro Jahr für die Landesstraßen - mindestens. Und nicht nur das. Zudem müsse ausreichend Personal bereitgehalten werden, um die zahlreichen Problemzonen abarbeiten zu können.

    An der L 309 könnten sie gleich loslegen. Der Abschnitt zwischen Vallendar und Hillscheid (Westerwald) ist der mieseste, den wir mit dem Wahlmobil gesehen haben. An einigen Stellen hat sich die Landesstraße bereits zum Kleinbiotop entwickelt. In den zahlreichen Schlaglöchern hat sich das Wasser längst zu veritablen Pfützen gesammelt. Nur eine Frage der Zeit, bis sich die ersten Tiere und Pflanzen ansiedeln. Nur für Auto- und Radfahrer wird's gefährlich.

    Foto: Verena Hallermann

    Und was sagt das Mainzer Infrastrukturministerium dazu? Pressesprecher Joachim Winkler beruft sich auf die letzte Zustandserfassung des Landesbetriebs Mobilität von 2012. Insgesamt befinden sich demnach die Landesstraßen in einem "verkehrssicheren, leistungsfähigen und damit ordentlichen Zustand", sagt er. Er räumt allerdings ein, dass die finanziellen Mittel für den Landesstraßenbau zuletzt verringert worden sind. Das wird sich aber nun ändern: 2016 steigen die finanziellen Mittel gegenüber dem Vorjahr um rund 12 Millionen Euro auf etwa 87 Millionen Euro.

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