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Köln

"Wilhelm Tell" als Schiller-Rap für Ahnungslose

Man könnte "Wilhelm Tell" ertragreich als Stück über topaktuelle Themen wie etwa Autonomiebestrebungen inszenieren – oder man ergibt sich ironisierender Effekthascherei wie jetzt das Schauspiel Köln.

Foto: Tommy Hetzler

Das Schauspiel Köln zeigt Friedrich Schillers Drama „Wilhelm Tell“ zur rechten Zeit: Großbritannien vollzieht gerade den Brexit, hingegen muss sich Griechenland trotz anfänglicher Kampfeslust Brüssel unterwerfen, während in Katalonien der Ausgang noch offen ist. Vor allem die Autonomiebestrebungen der Katalanen erinnern dabei an Schillers Stück, handelt es doch von widerständigen Schweizern, die sich im Jahr 1307 gegen die habsburgische Fremdherrschaft verschwören, um unabhängig als Eidgenossen zu leben. Gemeinschaftliches Denken und Handeln ist unabdingbar, doch der mutige Wilhelm Tell will in dieser Gemeinschaft zunächst nicht recht aufgehen, zu wichtig ist ihm die individuelle Freiheit.

Wie kann der Einzelne Teil einer Gruppe werden, ohne sein Ich zu verlieren? Das ist die liberale Grundfrage der Schweizer bis heute, sie tritt aber generell überall dort auf, wo Menschen sich zu Gemeinschaften zusammenschließen. Beil Schiller ist es ein pragmatischer, politischer Zusammenschluss, der nicht auf Dauer, sondern lediglich für die Zeit des Freiheitskampfes angelegt ist, damit anschließend alle wieder eigenständig existieren können.

Dabei lehrt das Stück: Widerstand ohne Gewalt, und sei sie noch so minimal, ist nicht denkbar, weshalb Tell mit seiner Armbrust, sobald der autoritäre Landvogt Gessler durch die hohle Gasse kommt, den entscheidenden Schuss tun wird. Wann aber ist gewaltsamer Widerstand legitim? Schillers Figuren geben darauf bis heute gültige Antworten.

Für einen Regisseur ist die politische Komplexität von „Wilhelm Tell“ eine große Herausforderung, muss er nämlich noch ein weiteres Motiv problematisieren, das Schiller allzu positiv darstellt: Der Wunsch nach Abspaltung, bekräftigt im Rütlischwur, hat auch eine gefährliche nationalistische Tendenz – die Idee von einer homogenen Gemeinschaft schließt vieles und viele aus.

Was also macht die Kölner Inszenierung mit all dem? Gar nichts. Genauer gesagt: Sie lenkt von diesen Themen ab, entpolitisiert das Drama auf dümmliche Weise und flüchtet sich in die Travestie – männliche Schauspieler mimen blödelnd Schweizer Madeln – und in die Ironie.

Dabei hätte die von Bühnenbildner Olaf Altmann aus Holz gezimmerte, gleich hinter dem Vorhang stehende bühnenhohe Wand mit einer horizontalen und einer vertikalen Gasse für die Schauspieler die nötige Konzentration auf den Inhalt gewährleistet. Während Schiller im Nebentext üppige Landschaftskulissen verlangt, müssen Tell, Stauffacher, Melchtal und die anderen nun knien, hocken oder sich mühsam vom Bühnenhimmel abseilen.

Im Versmaß aller Dinge

Doch der Regie führende Intendant Stefan Bachmann hat sich dazu entschieden, den Text sinnentleerend sprechen zu lassen. Das heißt: Der auf fünfhebigen Jamben bestehende Blankvers wird über den gesamten Abend hinweg so überbetont, wie man es im Deutschunterricht macht, wenn man das Metrum, also das Versmaß, bestimmen will. Bald schon leiern die Schauspieler die Verse nur noch, daran ändern auch die elektronisch eingespielten Beats, mit denen man offenbar eine Nähe zu Hip-Hop und Poetry-Slams herstellen will, rein gar nichts.

Für ein Jugendzentrum, das „Wilhelm Tell“ mit schwererziehbaren Teenagern aufführen wollte, wäre dieser Schiller-Rap möglicherweise ein probates Mittel, um junge Leute dort einzufangen, wo sie stehen. Für das Theater einer Millionenstadt ist es einfach nur albern und peinlich. Und noch dazu entsetzlich eintönig. Denn Schillers formale Strenge muss wie selbstverständlich vorgetragen werden, nur so kann sie unterschwellig wirken, in Köln aber wird sie zum bloßen Effekt.

Hinzu kommt die Unsitte des deutschen Theaters, die Dialoge zu ironisieren: Darin offenbart sich die Hybris der Spätgeborenen, die glauben, ein Denkmal vom Sockel stoßen zu müssen. Als Max Frisch 1971 dem seriösen Nationalmythos seine komische Erzählung „Wilhelm Tell für die Schule“ entgegenstellte, war das durchaus kühn. Heute aber rennt man damit offene Türen ein – wirklich mutig wäre es, wenn Stefan Bachmann das Stück jetzt wieder ernst genommen hätte.

Dies aber würde eine intellektuelle Auseinandersetzung mit Schillers Klassiker voraussetzen. Die Ironie aber lässt selbst die Ahnungslosen – auch im Publikum – intelligent wirken, weil es stets so scheint, als habe man alles durchschaut und setze es deshalb in Gänsefüßchen. Auf gerade einmal 110 Minuten wurde das Werk zusammengestrichen – der Rotstift im Haus erspart den geduldigen Zuschauer; zudem kann dieser sich stärken: Im Foyer liegen saftige Äpfel bereit. Wenn man schon durch diesen Theaterabend nicht klüger wird, so bleibt man wenigstens gesund.

Wolfgang M. Schmitt

Tickets und Termine unter www.schauspiel.koeln

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