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    Wiesbaden

    Wie Ethikunterricht für die Mittelstufe

    Tom Stoppard gehört zu den berühmtesten Dramatikern der Gegenwart. In Deutschland aber weiß das kaum jemand, denn Stoppards Stück werden hierzulande selten gegeben. Sein 2015 uraufgeführtes Drama „The Hard Problem“ erlebt deshalb erst jetzt seine deutschsprachige Erstaufführung am Staatstheater Wiesbaden. Eine gewisse Bekanntheit genießt bei uns Stoppards Tragikomödie „Rosenkranz und Güldenstern sind tot“, einige Filme aber, zu denen er die Drehbücher schrieb, kennt nahezu jeder – wie etwa „Shakespeare in Love“.

    Ist Bewusstsein Materie? Das verhandeln unter anderen Tom Gerber und Mira Helene Benser in „The Hard Problem“.  Foto: Karl und Monika Forster
    Ist Bewusstsein Materie? Das verhandeln unter anderen Tom Gerber und Mira Helene Benser in „The Hard Problem“.
    Foto: Karl und Monika Forster

    Für deutsche Bühnen heikel

    Warum aber fremdeln die deutschen Theater mit Stoppard? Liegt es an seiner Popularität, die den Vertretern der Hochkultur verdächtig ist? Kaum, denn seit Jahren buhlt man um alles, was populär ist; man dramatisiert Bestseller oder adaptiert Kinohits. Vielmehr heißt der Grund für die Stoppard-Abstinenz: Regietheater. Jene Theaterpraxis, bei der die Stücke nicht möglichst so, wie vom Autor im Nebentext gefordert, auf die Bühne gebracht werden, ein Regisseur also in erster Linie Erfüllungsgehilfe von Autorintentionen ist, sondern bei der der Regisseur selbst als Autor fungiert, um – mal mehr oder weniger frei – auf der Textgrundlage ein eigenes, im besten Falle originelles Werk auf der Bühne zu realisieren. Stoppard ist ein Gegner dieser deutschen Eigenart, und seine Bühnenwerke lassen solche Regiekünste auch schlichtweg nicht zu. Viele Stücke des 80-jährigen Briten stehen in der Tradition der well-made plays (übersetzt ungefähr: handwerklich gut gemachten Schauspiele), in denen Personen meist psychologische oder weltanschauliche Konflikte austragen. Reibungslos wie ein gut geöltes Räderwerk funktionieren diese Werke, solange man nichts an ihnen ändert.

    Das Drama „The Hard Problem“ ist ein Paradebeispiel dieser Theatertradition, und der Regie führende Intendant Uwe Eric Laufenberg tut gut daran, demütig die Regieanweisungen des Autors zu befolgen. Auch Matthias Schaller, verantwortlich für die minimalistisch mit Requisiten und verschiebbaren Wandelementen ausgestattete Bühne, sowie Anne Buffetrille, die die Figuren in hochwertige Business- und Freizeitoutfits schlüpfen lässt, ordnen sich der Vorlage unter. „The Hard Problem“ handelt von einem schwerwiegenden Problem, das der Untertitel mit einer Frage auf den Punkt bringt: „Ist Bewusstsein Materie?“

    Rund um das Leib-Seele-Problem

    Haben die Materialisten recht, die behaupten, es gäbe keine Seele, keinen Gott, nichts außer einem hochkomplexen Gehirn, das aber letztlich wie eine Maschine funktioniert? Die junge Psychologin Hilary (Mira Helene Benser) will das nicht glauben, denn unter dieser Prämisse wären selbst Tugenden nur im Sinne eines Nützlichkeitsdenkens relevant. Der Mensch wäre lediglich ein – dank der Evolution – weit entwickeltes Tier, wie ihr Geliebter Spike, ein zynischer Darwinist, meint, der Raphaels Gemälde „Madonna mit Kind“ am liebsten in „Frau maximiert das Überleben ihrer Gene“ umbenennen würde.

    Trotzdem bewirbt Hilary sich beim Hirnforschungsinstitut eines Milliardärs. Sie kann gleich anfangen, ihr unkonventioneller Ansatz fasziniert viele, weitere Debatten zum Leib-Seele-Problem folgen. Hilary macht Karriere, bleibt aber reichlich naiv – beinahe weinerlich wirkt sie in den Kontroversen, Benser verstärkt diesen Effekt noch.

    Die geführten Diskussionen rangieren auf dem Niveau eines Ethikunterrichts für Neuntklässler, überdies wirkt es seltsam, wenn sich eine Forschungselite gegenseitig wissenschaftliche Grundlagen erklärt, die allen, sonst zählten sie nicht zur Elite, hinlänglich bekannt sein sollten. Ebenso merkwürdig wäre es, Kfz-Mechatronikern dabei zuzusehen, wie sie einander über die Funktion von Zündkerzen aufklären. Dieses Zugeständnis ans Publikum überzeugt nicht: „The Hard Problem“ ist hölzern, weil nur oberflächlich diskutiert wird. Ein gutes Stück würde das Thema ohnehin durch die Handlung verarbeiten. „The Hard Problem“ legt seinen Figuren bloß vereinfachte Forschungsstandpunkte in den Mund – und mitunter verschluckt sich daran mancher Schauspieler.

    Ein Vorteil des Regietheaters liegt darin, dass man die Schuld für einen schwachen Abend leicht dem Regisseur in die Schuhe schieben kann, in diesem Falle geht das nicht. Eine hübsche Überraschung gabes allerdings noch für die Premierenbesucher: Tom Stoppard, der zum Schlussapplaus in einem sehr britischen Anzug höchstselbst die Bühne betrat und lächelnd den freundlichen Beifall entgegennahm.

    Tickets unter Tel. 0611/132.325 sowie online unter www.staatstheater-wiesbaden.de

    Von unserem Reporter Wolfgang M. Schmitt

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