40.000
Aus unserem Archiv

Wer ist Michel Houellebecq? Ein Rätsel

Wolfgang M. Schmitt

Michel Houellebecq gehört zu den bekanntesten Autoren der Welt, dennoch ist er der große Unbekannte des Literaturbetriebs. Interviews, nicht selten skandalträchtige, hat er viele gegeben. Seine Selbstinszenierungen als ketterauchender Apokalyptiker auf Fotos und in Fernsehtalkshows sind legendär.

Für einen großen Unbekannten ist er ernorm erfolgreich: der französische Autor Michel Houellebecq.  Foto: dpa
Für einen großen Unbekannten ist er ernorm erfolgreich: der französische Autor Michel Houellebecq.
Foto: dpa

„Andere Autoren ziehen sich einfach zurück und schreiben an ihrem nächsten Werk, Michel Houellebecq macht auch daraus eine große Inszenierung, von der wir am Ende nicht sicher sein können, wie sie wirklich gemeint ist“, schreibt die Literaturkritikerin Julia Encke in ihrem gerade bei Rowohlt erschienenen Porträt über den Autor. „Wer ist Michel Houellebecq?“ fragt der Titel. Der Versuch einer Antwort ist rund 230 Seiten lang – doch der Skandalautor bleibt ein Rätsel. Warum?

Ein Mann erfindet sich selbst

Encke zeigt in ihrer verhinderten Biografie, dass Houellebecq bereits mit 15 Jahren begann, sich als Persönlichkeit zu entwerfen. Das beginnt damit, dass sein Geburtsjahr bis heute unklar ist: Die Geburtsurkunde besagt 1956, er selbst behauptet, er sei zwei Jahre später geboren, doch seine Mutter habe das ändern lassen, damit er schon mit vier Jahren eingeschult werden kann. Er spürte früh, dass er etwas Besonderes ist – Intelligenztests unterstrichen seine Annahme. Das Verhältnis zu seinen Eltern schwierig zu nennen, wäre euphemistisch.

Später rechnete er in seinem Anti-68er-Roman „Elementarteilchen“ mit seiner Mutter ab – die Mutterfigur im Buch ist hedonistisch, egozentrisch und wird von ihren Kindern gehasst. Houellebecq übernimmt als junger Erwachsener den Mädchennamen seiner Großmutter väterlicherseits, studierte Agrarwissenschaft, arbeitet 1983 als Informatiker, heiratet, sein Sohn Étienne kommt zur Welt. Bald lässt er sich scheiden, heiratet in den 90ern wieder, trennt sich, schmückt sich bei öffentlichen Auftritten hie und da mit jungen Frauen. Doch Encke hat weder Weggefährten noch Familienmitglieder aufgespürt, um ein Enthüllungsbuch zu schreiben, sie arbeitet vielmehr mit vorhandenem Material, das heißt, mit Büchern und vor allem Zeitungsartikeln.

Bisweilen ist Houellebecq durchaus auskunftsfreudig, wenngleich sein Verhältnis zur Wahrheit ein eher schwieriges ist. Dies aber, so macht Encke deutlich, gehört zum Konzept des Autors. Authentizität ist für Houellebecq keine Kategorie, er spielt mit seiner Identität und somit auch immer mit den klatschsüchtigen Medien. Wenn er etwa in seinem Ferienhaus in Irland eine Journalistin in seinem Ferienhaus empfängt, dann jedoch nur auf dem Sessel kauert, kaum ein Wort spricht und bei Tisch einen völlig weltabgewandten, ja, beinahe apathischen Eindruck hinterlässt, weiß Houellebecq sehr genau, dass die Reportage der Journalistin in wenigen Tagen um die Welt gehen wird. Encke kann ihrem Protagonisten folglich kaum näherkommen, lediglich vermag sie es, einige Selbstdarstellungsstrategien transparent machen. So konzentriert sie sich vor allem auf seine Bücher – weshalb es nicht falsch ist, „Wer ist Michel Houellebecq?“ als Werkbiografie zu bezeichnen. Dabei geht es immer auch um die Frage, ob der Literat der Prophet unserer Zeit ist. Anlässlich des Erscheinens von „Plattform“, seinem analytisch brillanten, weil bitterbösen Roman über den globalen Sextourismus, sagte er in einem Gespräch mit der „New York Times“, dass die Gefahr des Islamismus verkannt werde. Das Interview stand am 11. September 2001 in der Zeitung. Und am Tag des Attentats auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ in Paris erschien „Unterwerfung“, Houellebecqs Roman über die Islamisierung Frankreichs.

Encke konzentriert sich in erster Linie darauf, die Debatten um Houellebecqs Islamkritik nachzuzeichnen – den Islam bezeichnete Houellebecq beziehungsweise die Figur, die er in der Öffentlichkeit vertritt, als „die bescheuertste Religion von allen“. Doch handelt es sich, wie Encke verdeutlicht, bei „Unterwerfung“ keineswegs um ein islamfeindliches Buch – vielmehr porträtiere es eine erschlaffte westliche Gesellschaft, deren Mitglieder an Nietzsches „letzte Menschen“ erinnern. Dem gegenüber steht ein vitaler Islam, dessen Einfluss vor allem durch das geschwächte Christentum stark ist.

Warum der Autor 1968 hasst

Der liberale Kapitalismus – vielleicht Houellebecqs eigentlicher Feind – bietet ohnehin kein festes Wertegerüst, geht dieser doch, im übertragenen Sinne, mit jedem ins Bett. Alles wird von der Ökonomie durchdrungen – dank der Linksliberalen von einst. Für Houellebecq, so zeigt die „FAZ“-Journalistin anhand von „Elementarteilchen“ auf, ist „1968 das womöglich erfolgreichste kapitalistische Projekt der Geschichte. Nicht trotz, sondern wegen Achtundsechzig sitze das kapitalistische System heute fester im Sattel als jemals zuvor. Auf verbreiterter Geschäftsgrundlage wurde es leistungsfähiger durch Liberalisierung, attraktiver durch Entkrampfung der Lebensstile“.

Wer die Romane kennt, liest in Enckes Buch wenig Neues – vielmehr fasst es die Thesen noch einmal brav zusammen. Zwar kommt man auch durch die Lektüre der Romane Houellebecq nicht näher, aber zumindest der Gesellschaft, in der wir leben. Denn viel wichtiger als die Frage „Wer ist Michel Houellebecq?“ ist doch: Wer sind wir?

Julia Encke: „Wer ist Michel Houellebecq?“, Rowohlt, 256 Seiten, 19,95 Euro

Die drei Houellebecq-Werke, die man gelesen haben sollte
1. Ausweitung der Kampfzone (1999). Die westliche Welt verwandelt sich in einen riesigen Supermarkt, so die These des Romans. Auch der Sex wird vollkommen von den Gesetzen des Marktes regiert. (Taschenbuch, Klaus Wagenbach Verlag, 160 S., 9,90 Euro)

2. Lanzarote (2000). Houellebecq blickt in die Touristenhölle. Nach der Lektüre der wunderbar lakonischen und sehr bösen Erzählung will man nie mehr in den Urlaub fahren. (Taschenbuch, DuMont Buchverlage, 80 S., 9,99 Euro)

3 Unterwerfung (2015). Die Universität ist trostlos, Frankreich auch. François, der Protagonist des Romans, glaubt an nichts mehr – warum nicht zum Islam konvertieren? Dort sind ihm junge Frauen gewiss. Er hätte nichts zu bereuen. (Taschenbuch, DuMont Buchverlag, 272 S., 10,99 Euro)

Von unserem Reporter Wolfgang M. Schmitt

Kultur
Meistgelesene Artikel
Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik
Claus Ambrosius 

Leiter Kultur

Claus Ambrosius

 

Kontakt per Mail

Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

Redakteurin Kultur

Anke Mersmann

 

Kontakt per Mail

Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

Redakteurin Kultur

Melanie Schröder

 

Kontakt per Mail

Anzeige
Event-Kalender
Veranstaltungstipps

Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!