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Berlin

Wenn Mäusekino auf der großen Leinwand scheitert

Das Aufschlussreichste an Gus Van Sants neuem Film ist das anfangs eingeblendete Logo der Amazon Studios. Seit einer Weile produziert der Konzern Serien und Filme. Kinobetreiber sind besorgt, dass Amazon die Kinoauswertung umgehen oder verkürzen könnte, um seine „Prime“-Kunden zu privilegieren. Sicher ist: Digitalriesen wie Amazon, aber auch Netflix oder Apple werden den etablierten Hollywoodstudios Konkurrenz machen.

Wenn so sein nächster Film entsteht, würde das einige Dinge erklären: Regisseur Gus Van Sant auf dem roten Teppich der Berlinale. dpa
Wenn so sein nächster Film entsteht, würde das einige Dinge erklären: Regisseur Gus Van Sant auf dem roten Teppich der Berlinale. dpa
Foto: dpa

Ob der Zuschauer davon profitiert? Momentan scheint Amazon vor allem einstmals berühmten, aber seit Langem glücklosen Regisseuren Zuflucht zu bieten. So erhielt etwa Woody Allen Geld für eine Serie und die lieblos heruntergedrehte Komödie „Wonder Wheel“.

Gus Van Sants Ruhm begann in den 1990er–Jahren als Meister des US-amerikanischen Independentfilms, den letzten Erfolg feierte er 2008 mit „Milk“, einem Film über die Schwulenbewegung in Kalifornien. Danach wurde es still um ihn, weil die folgenden Werke kaum noch der Rede wert waren. Das wird sein Porträtfilm „Don’t Worry, He Won’t Get Far on Foot“ über den im Rollstuhl sitzenden alkoholabhängigen Cartoonisten John Callahan nicht ändern. Trotz Staraufgebot (Joaquin Phoenix, Jonah Hill, Rooney Mara) wirkt der Film auf der imposanten Leinwand des Berlinale-Palastes am Potsdamer Platz verloren. Seine Bilder sind eher darauf ausgelegt, auf Laptops und Smartphones zu wirken. Das Kino bietet nur noch eine Zwischenstation, um größtmögliche mediale Aufmerksamkeit zu generieren, sprich: auf Filmfestivals gezeigt zu werden. Es ist aber nicht mehr die eigentliche Heimat des Films. Van Sants wahllos zusammengeschnittene, überwiegend aus Gruppentherapiesitzungen der Anonymen Alkoholiker bestehende Tragikomödie hält schließlich eine Botschaft bereit, die dürftiger kaum sein könnte: Du kannst alles schaffen, wenn du nur willst!

Wohin dieser amerikanische Irrglaube führen kann, zeigt Laura Greenfields Dokumentation „Generation Wealth“, die sich mit den absurden Auswüchsen des Konsums in Los Angeles beschäftigt. Seit 25 Jahren treibt die Fotografin Greenfield das Thema Reichtum um. „Generation Wealth“ ist das 106-minütige Fazit ihrer Arbeit, das von – na wem wohl? – produziert wurde. Richtig, von Amazon! Ist dies etwa eine Bußübung der Shoppingplattform, die sich, nachdem ihr Chef Jeff Bezos nun der reichste Mann der Welt ist, in Konsumkritik üben will? Kaum, denn die Regisseurin führt lediglich Extrembeispiele absoluter Dekadenz an wie goldbehangene Frauchen, deren Hunde schönheitsoperiert sind, oder mit Dollars um sich werfende Rapper.

Als Alternative dazu dreht Greenfield dem Zuschauer eine Binsenweisheit zum Sonderpreis an: Geld allein macht nicht glücklich. Manchmal, so zeigen die ständig von kaufhaustauglichem Klaviergeklimper untermalten Bildern, kann es schön sein, Zeit mit seinen Kindern zu verbringen. Danke für den Tipp.

Dass man auch ohne Amazon einen schlechten Fim drehen kann, beweist der norwegische Beitrag „Utøya 22. Juli“ über das Attentat von Anders Breivik, der in das Sommercamp von 500 Jugendlichen auf der Insel Utøya eindrang und dort 69 Kinder und Jugendliche erschoss. Der Film ist eine einzige Plansequenz, das heißt, kein Schnitt: 72 Minuten lang verfolgt die Kamera die 19-jährige Kaja, die irgendwie mit ihren Freunden versucht, dem Kugelhagel zu entkommen, bis endlich Hilfe eintrifft. Regisseur Erik Poppe will den Zuschauer diese Extremsituation nachempfinden lassen, dazu ist ihm – bis auf die Tatsache, dass er den schießenden Terroristen nie direkt zeigt – jedes voyeuristische Mittel recht. Ein Film muss keine Moral haben, aber eine Ethik: Diese fehlt dem Film gänzlich. Er giert nach Sensation, heischt Mitleid, badet förmlich im Blut der Opfer. Geschmackloser geht’s nicht.

Von der Berlinale berichtet unser Reporter Wolfgang M. Schmitt

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