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    Wenn Falten erzählen könnten: Die Rolling Stones spielten in Düsseldorf

    Wenn diese Falten Geschichten erzählen könnten, es wären zahlreiche Geschichten. Exzessive Geschichten. Nicht jugendfreie Geschichten. Sie würden ganze Bücher füllen. Dass die wilden 60er- und 70er-Jahre nicht spurlos an den Rolling Stones vorübergezogen sind, ist wohl ihren Gesichtern anzusehen. Darüber hinaus ist allerdings recht wenig davon zu merken, dass die Rocklegenden allesamt 70 Jahre oder älter sind. Am Montagabend überzeugen sie vor 45.000 Besuchern in der ausverkauften Esprit-Arena in Düsseldorf. Es ist das letzte von drei Deutschlandkonzerten ihrer „No Filter“-Tour.

    Als der Vorverkauf für die Konzerte begann, mag mancher Fan womöglich vor der Wahl gestanden haben: Urlaub oder Stones-Konzert? Denn mit Preisen bis rund 800 Euro pro Ticket lässt sich auch bequem eine Woche Strand und Palmen buchen. Statt All-inclusive-Bändchen fürs Handgelenk gibt‘s bei den Stones verschiedene Ausweise zum Umhängen oder Aufkleben. „Special Guest“ ist darauf beispielsweise zu lesen – „besonderer Gast“. Für den Preis gilt es schließlich, sich vom gemeinen Fan abzuheben. Jenen, die auf den oberen Rängen ihre Plätze haben. Als „besonderer Gast“ der Stones sind natürlich Plätze in den vorderen Reihen sicher. Exklusivität generieren, wie es im Buche steht. Der Status „größte Rockband aller Zeiten“ will schließlich anständig vermarktet sein.

    Die Anziehungskraft der Gruppe, die auf mehr als 50 Jahre Bandgeschichte zurückblickt, ist ungebrochen. Die Stones strahlen wie ihre geologischen Namensgeber vor allem eines aus: Beständigkeit. Nicht jedoch im Sinne von abgenutzt gleichbleibend, sondern im Sinne von stets auf höchstem Niveau agierend. Mick Jagger stolziert in gewohnt androgyn-zappeliger Pose über die Bühne, mal in glitzernde Jacketts, mal ganz in Schwarz gehüllt. Wenn auch er bei den hohen Tönen von „Gimme Shelter“ die Unterstützung seiner Backgroundsängergin braucht. Keith Richards, wie könnte es anders sein, trägt ein Tuch um den Kopf, steckt sich eine Zigarette zwischen die zum Schmollmund geformten Lippen und begrüßt das Publikum mit den Worten „Great to be here, great to be anywhere“ (Schön hier zu sein, schön überhaupt da zu sein). Dann wirft er die Kippe halb aufgeraucht auf den Bühnenboden, ganz Rock 'n' Roll, und haut wieder in die Saiten seiner abgegriffenen Gibson-Gitarre. Mühelos entlockt er ihr zeitlose Klassiker wie „Happy“, „Paint It, Black“, „Start Me Up“ oder „Brown Sugar“. Jede Macke der Gibson hat wohl ebenfalls ihre eigene Geschichte zu erzählen.

    Die Stones wagen während des Konzerts einen Blick in ihre frühste Vergangenheit. Ins Jahr 1965. Die Briten spielen ein Konzert in Düsseldorf, ebenfalls im Oktober. Am Flughafen werden sie von rund 6000 Fans erwartet. Gitterzäune werden eingerissen, die Flughafenfeuerwehr rückt mit einem Wasserwerfer an. Ein Foto der Szenerie erscheint auf den riesigen Leinwänden der Bühne. Die Menge jubelt. Der ein oder andere im Publikum wird sich sicher erinnern. Es ist die Generation, die schon zu Konzerten ging, als es noch keine Smartphones gab. Heute sieht man sie mit eben diesem Gerät in der ersten Reihe stehen, bei dem Versuch, ein Foto zu machen. Dem gegenüber steht die Teenagertochter eines Paares, die Enkelgeneration, souverän Selfies schießend. Was früher das Tourposter an der Wand des Kinderzimmers, ist heute das Erinnerungsfoto in den sozialen Netzwerken. Die Erinnerungskultur trennt die Generationen, die Stones bringen sie zusammen. Auf sie können sich alle irgendwie verständigen, so scheint es. Das Lächeln in vielen Gesichtern am Ende des Konzerts lässt zumindest einen Schluss: „Satisfaction“, also Zufriedenheit, haben an diesem Abend alle mit nach Hause genommen. Christoph Bröder

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