40.000
  • Startseite
  • » Kultur
  • » Wenn der Irrwitz regiert: Urban Priol blickt auf 2017 zurück
  • Aus unserem Archiv
    Koblenz

    Wenn der Irrwitz regiert: Urban Priol blickt auf 2017 zurück

    Es ist nicht zum Aushalten: Kabarettist Urban Priol hat schon viel erlebt und satirisch aufgespießt, aber das Jahr 2017 hatte eine besondere Qualität – und treibt in fast in die vollkommene Resignation.

    Da kann man sich nur an den Kopf greifen: Urban Priol lässt das Jahr 2017 Revue passieren.
    Da kann man sich nur an den Kopf greifen: Urban Priol lässt das Jahr 2017 Revue passieren.
    Foto: Agentur

    Für ihn war das Jahr 2017 eine politisch irrwitzige Achterbahnfahrt: Nicht nur, dass Deutschland seit einem Vierteljahr „oben ohne“ ist, wie es Kabarettist Urban Priol in Bezug auf die gegenwärtig schwierige Regierungsbildung bezeichnet, auch kommt er einfach nicht darüber hinweg, dass Demokratie in der Theorie zwar Veränderung bedeuten mag, die Deutschen aber scheinbar am liebsten stillstehen. Der Wunsch nach „Ruhe, Stabilität und Sicherheit“ erkläre schließlich, warum sich das „Regierungsvakuum Angela Merkel“ trotz erheblicher Stimmverluste immer noch an der Spitze des Parteienrankings halten konnte. Für Priol nur ein Grund zum Haareraufen. Viele weitere legte er in der nahezu ausverkauften Rhein-Mosel-Halle im Rahmen seines satirischen Jahresrückblicks „Tilt“ in irrem Tempo dar – und klang dabei vor allem eins: ehrlich resigniert.

    Jamaika-Aus als Klammer

    Als roter Faden dient dem langjährigen Kopf des ZDF-Formats „Neues aus der Anstalt“ in seinem dreistündigen Programm das Scheitern der Sondierungsgespräche zwischen CDU/CSU, Grünen und FDP – passend zum Wort des Jahres: Jamaika-Aus. Vergleichsweise kurz kassiert Christian Lindner einige Watschen, wird als Posterboy und Florian-Silbereisen-Verschnitt durch den Kakao gezogen. Auch die Grünen lässt Priol glimpflich davonkommen, verurteilt aber ihr anbiederndes Auftreten, nahezu sekündlich bereit, Ideale zu verraten, nur um mitregieren zu können. Die knappe Schelte verwundert nicht, sympathisierte Priol doch lange inhaltlich mit der Ökopartei, vor allem in deren Anfängen.

    Derber trifft es da Merkel und ihr Gefolge: „Die Frau hat die Verdrängungsleistung eines Hochseetankers“, bilanziert Priol den unreflektierten Umgang mit der Wahlniederlage und wütet zudem wegen ihrer konsequenten Rückgratlosigkeit. Versprechungen wie „Mit mir wird es keine Maut geben“ warf sie doch ebenso selbstgefällig über den Haufen wie die Aussicht „Mit mir wird es keine Obergrenze geben“. Dass statt „Obergrenze“ nur ein anderer Begriff hermuss („atmender Deckel“), damit die Deutschen Merkels politische Gelenkigkeit fressen und ihr diese sogar noch mit Wiederwahl danken – für Priol kompletter Irrsinn. Gleiches gelte auch für Ex-Finanzchef Schäuble, dessen sinnlose Spardiktate in Südeuropas Staaten keineswegs Effekte zeigten, denn: Sparen kurbelt die Wirtschaft nicht an, das lerne schon jeder Grundschüler. Es folgt auch ein kurzer Exkurs zum Hoffnungsträger Martin Schulz (SPD): Den hätten die Medien erst groß- und dann kleingeschrieben, die Wahlniederlage führt Priol zumindest in Ansätzen auf eine über Wochen dauernde Medienkampagne zurück.

    Und damit nimmt der Wahnwitz für ihn lang kein Ende: Dass etwa Siemens Tausende Stellen streicht, obwohl das Unternehmen 2017 sein umsatzstärkstes Jahr verzeichnete – schlichtweg bitter und nur ein weiterer Tiefschlag vor der eigenen Haustür inmitten absurder Entwicklungen weltweit – natürlich bekommen unter anderem rechts stehende Polterer wie Donald Trump, Sebastian Kurz und Gert Wilders ihr Fett weg.

    Kabarett und sein Stammklientel

    Raffiniert verknüpft Priol Innen- und Außenpolitik in atemberaubendem Tempo, ohne bemühte Brücken zu schlagen. In alter Dieter-Hildebrandt-Manier überlässt er es dabei immer wieder dem Publikum, die Pointen zu finden und Erkenntnisprozesse zu durchlaufen, indem er Gedankengänge bewusst nicht ausformuliert. Ob sich dabei aber überhaupt noch ein wachrüttelnder Effekt einstellt? Im Publikum sitzen viele, denen bejahendes Brummen und „Genau so ist es“- oder „Da hat er recht“-Rufe entfahren. Was nützt aber Kabarett, wenn es ohnehin nur sein Stammklientel erreicht? Priol hat dazu einmal in einem Interview gesagt, sein Ziel sei es, jenen, die ihm beipflichten, die Motivation mitzugeben, im Alltag für Themen zu streiten. Sie darin zu bestätigen, Dinge zu hinterfragen und diese im Gespräch mit anderen auszudiskutieren.

    Man möchte ihm glauben, kann aber kaum über den resignierten Unterton hinweghören. Oft fallen Sätze wie „Aber hier passiert ja nichts, hier gibt es ja keinen Protest, hier steht ja alles still.“ Wirklich ermutigend klingt das nicht. Auch selbst scheint Priol nicht recht an einen Ruck zu glauben: Er verabschiedet sich mit dem Satz „Wir können davon ausgehen, dass 2018 genauso bescheuert wird, also machen wir das Beste draus.“ Mit Wortwitz spießt Priol die Probleme politischer, wirtschaftlicher, gesellschaftlicher Natur auf nationalem und internationalem Parkett auf, was jedoch bei aller Treffsicherheit bleibt, ist nicht mehr als ein Fünkchen Hoffnung auf Widerspruch und Veränderung; die stirbt ja bekanntlich zuletzt.

    Von unserer Redakteurin Melanie Schröder

    Kultur
    Meistgelesene Artikel
    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik
    Claus Ambrosius 

    Leiter Kultur

    Claus Ambrosius

     

    Kontakt per Mail

    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

    Redakteurin Kultur

    Anke Mersmann

     

    Kontakt per Mail

    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

    Redakteurin Kultur

    Melanie Schröder

     

    Kontakt per Mail

    Event-Kalender
    Veranstaltungstipps

    Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!