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Mainz

Was sie auch tun, sie tun es einander an: Staatstheater feiert "Hamlet"-Premiere

Andreas Pecht

Einer der größten Klassiker auf kleines Format reduziert: Regisseur K. D. Schmidt lässt „Hamlet“ stramm in nur zwei Stunden auf einem kaum zwei Meter tiefen Bühnenstreifen vor dem eisernen Vorhang spielen. Das ist der sehenswerte Beitrag des Staatstheaters Mainz zum ringsumher opulenten Shakespeare-Reigen der Theatersaison 2017/18.

In Shakespeares „Hamlet“ ist der Tod unausweichlich. So auch in der Inszenierung am Staatstheater Mainz – jedoch in teils humoriger Bearbeitung.
In Shakespeares „Hamlet“ ist der Tod unausweichlich. So auch in der Inszenierung am Staatstheater Mainz – jedoch in teils humoriger Bearbeitung.
Foto: Andreas Etter

Frankfurt eröffnete eben mit „Richard III“ fulminant die Spielzeit und wird mit „Romeo und Julia“ nachlegen. Die tragische Lovestory hat nächste Woche auch in Köln Premiere. In Koblenz läuft eine „Lear“-Neufassung John von Düffels; dessen Zusammenschreibe von „Coriolan“, „Julius Cäsar“ sowie „Antonius und Cleopatra“ kommt im Februar in Wiesbaden heraus. William Shakespeares Dramen passen im 401. Jahr nach dessen Ableben eben trefflich zu einer Gegenwart grundstürzender Umbrüche, allgemeiner Verunsicherung und Beschädigung des Menschlichen im Ringen um Herrschaft und Rechthaben.

Die Welt als hektische Montage

Es geht eng zu in Mainz. Für die neun gut eingestellten „Hamlet“-Akteure gibt es auf Valentin Köhlers Bühne tatsächlich wie sinnbildlich kein Vorwärts und kein Rückwärts. Jedes Ausweichen, Angreifen, Flüchten erschöpft sich in Seitwärtsbewegungen, die nirgendwo hinführen. Der schmale Spielstreifen hat keine Ein- und Ausgänge. Die Welt tobt anderwärts, existiert nur als hektische Montage von Werbe-, Facebook-, Nachrichten-, Videospielschnipseln, die über eine Wand aus Bildschirmen flimmert. Die neun sind mit K. D. Schmidt Kinder unserer Zeit und mit Shakespeare Kinder aller Zeiten: Was sie tun, tun sie einander an. Die historische Ambivalenz spiegelt sich in ihrer Spielweise: Mal gibt‘s klassisches Deklamationspathos wie aus dem Lehrbuch, mal den heutig realistischen Habitus; hier Schlegel‘sche Blankversübertragung, da deren moderne Brechung oder übermütiges Extemporieren. Stets sind alle auf der Bühne – wer gerade nicht spielt, sitzt mit Maske vor dem Gesicht in einer Stuhlreihe; wer spielt, nimmt die Maske ab. Der Mummenschanz zieht eine interessante Deutungsebene hinsichtlich der Charaktere ein.

Weitere Informationen zum Stück gibt es im Internet unter www.staatstheater-mainz.de

Was bist du denn für eine, Königin Gertrude (Anna Steffens)? Maskiert ein sinnlich-keckes Knutschschnütchen, demaskiert ein barmendes Opfer der Politik. Oder du, König Claudius (Johannes Schmidt) unter deinem gülden-glatten Gesichtsschmuck? Brudermörder, Thronusurpator, Ränkeschmied – in natura den staatstragenden, zugleich verständnisvollen Herrn vortäuschend. Oder du, süße Ophelia (Pauline Jolande Alpen), was ist mit dir? Ein naiv-doofes Mondgesicht zeigst du maskiert, legst dann aber das Wesen einer ernsten und empfindsamen, schnippischen wie wild entschlossenen Maid an den Tag – die von der Kälte dieser Welt in lächelnden Wahnsinn getrieben wird.

Eine Maske indes scheint eindeutig: der Totenkopf. Doch bevor ihn am Ende fast alle tragen, weil sie einander gemeuchelt haben, nimmt jener stille Kerl, der diese Maske von Anfang an trug, sie endlich mal ab. Auftritt Totengräber alias Murat Yeginer als Spaßvogel. Der verwickelt Publikum und eine Chorusline aus Toten in gewitztes Plaudern über die unvermeidliche Gleichmacherei des Sterbens. In Mainz kommt die Friedhofsszene aus dem ursprünglich fünften Akt als schwarzhumorige Umarbeitung daher. Der Originaltext ist an dieser Stelle fast völlig aufgegeben, doch sind Shakespeare‘sche Haltungen auf Schmunzeln machende und durchaus kluge Weise neu gefasst.

Hamlet legt Maske nie ab

Schließlich die drängendste Frage: Was bist du für einer, Prinz Hamlet, dessen Gesicht selbst unmaskiert aus lauter Masken zu bestehen scheint? Bist du tatsächlich irre geworden an Mensch und Welt, weil der Onkel den Vater vergiftet, dann die verwitwete Mutter sogleich ins Ehebett gelockt und dich so deines Thronerbes beraubt hat? Oder spielst du den Irren nur, um den Mörder zu entlarven und die „Hure“ zu strafen? Henner Momans Darstellung hält die Titelfigur in gebührender Uneindeutigkeit. Er stürzt von einem Extrem ins andere, bleibt in vielen lauten und überpathetischen, in manchen leisen und innigen Momenten stets geladen wie ein Pulverfass, an dem die Lunte brennt.

Der junge Mann nervt mit seiner nach außen gekehrten Introvertiertheit, seinem Rechthaben und seiner Rechthaberei, seinem aus eigener Verletztheit entspringenden Moralrigorismus. Aber so muss das auch sein. Denn würde Hamlet nicht nerven, es wäre nicht mehr der Shakespear‘sche.

Von unserem Autor Andreas Pecht

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