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Koblenz

Von Tosca, Callas – und "Jackpot-Rollen" der Oper: Sara Rossi Daldoss im Interview

Die italienische Sopranistin Sara Rossi Daldoss singt die Puccini-Heldin Tosca in drei konzertanten Vorstellungen am Theater Koblenz. Im Interview verrät sie vorab alles rund um praktische „Jackpot-Rollen“ in der Oper.

Voll konzentriert bei den Proben im Koblenzer Görreshaus: Sara Rossi Daldoss (Tosca), hinter ihr Deniz Yilmaz (Cavaradossi).
Voll konzentriert bei den Proben im Koblenzer Görreshaus: Sara Rossi Daldoss (Tosca), hinter ihr Deniz Yilmaz (Cavaradossi).
Foto: Theater Koblenz

Es ist für manche Sängerin die Rolle aller Rollen: In seiner Oper „Tosca“ hat der Komponist Giacomo Puccini der Hauptfigur aus Victorien Sardous Schauspiel „La Tosca“ ewigen Ruhm beschert. Die Geschichte einer berühmten Sängerin, die den brutalen römischen Polizeichef Scarpia umbringt, um mit ihrem Geliebten Cavaradossi fliehen zu können – am Ende des Stückes sind bekanntlich alle drei Hauptpersonen tot –, ist auf der Opernbühne so dramatisch ausgefallen, dass das zugrunde liegende Schauspiel komplett in Vergessenheit geriet – und die Oper seit ihrer Uraufführung vor 117 Jahren zu den meistgespielten Werken des Musiktheaterrepertoires gehört.

In dieser Saison widmet sich das Theater Koblenz bereits Giacomo Puccinis ebenso unsterblichen Oper „La Bohème“, für die tragische Rolle der Mimì wurde die italienische Sopranistin Sara Rossi Daldoss als Gast verpflichtet. Und sie wird auch in den drei Vorstellungen von „Tosca“, die das Theater jetzt konzertant anbietet, in der Titelrolle zu erleben sein. Im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt die Sängerin die wichtigen Unterschiede der beiden Aufgaben, Vorsichtsregeln für den dramatischen zweiten Akt und rundherum praktische „Jackpot-Rollen“ in der Oper.

Liebe Frau Rossi Daldoss, Sie sind derzeit in Koblenz als Mimì in Puccinis „La Bohème“ zu erleben – und übernehmen jetzt bei konzertanten Aufführungen der Oper „Tosca“ des gleichen Komponisten die Titelrolle. Ist das ein Debüt für Sie?

Nicht ganz – ich bin mit der Musik Toscas schon zweimal in Berührung gekommen. Einmal in einem kleinen italienischen Theater in der Nähe von Modena – aber das war eine Produktion speziell für junge Leute. Und dann begegnete ich Tosca noch einmal: In Italien lebt am Gardasee Maria Francesca Siciliani, die Tochter von Francesco Siciliani, der Intendant an der Mailänder Scala zu Zeiten von Maria Callas war. Sie ist Regisseurin, aber auch Mentorin, die gern mit jungen Künstlern arbeitet. In ihrer Produktion zu den Frauengestalten der Opern Puccinis habe ich Musik aus verschiedenen Werken gesungen – auch aus „Tosca“.

Auf Callas müssen wir gleich zurückkommen, zunächst aber: Sie sangen und singen in Koblenz ja auch weiterhin die Mimì, wie Tosca eine der großen tragischen Heldinnen Puccinis. Aber beide Partien haben durchaus unterschiedliche Ansprüche. Können Sie das aus Ihrer Sicht erklären?

Es gibt zwei große Unterschiede! Einmal die rein musikalischen vom Anspruch an den Gesang: Mimì ist eine volllyrische Partie, Tosca ist schon etwas dramatischer. Aber der größte Unterschied findet sich im Charakter der Figuren: Mimì ist wirklich eine fragile Frau …

… ein bisschen passiv, wie man es oft auf der Bühne sieht?

Das ist ein großes Problem! Es kann für das Publikum langweilig werden, wenn Regisseure sagen: Bitte spiele die „klassische“ Mimì, und meinen damit „ein bisschen passiv“. Ich denke, sie ist eine sehr aktive Frau. Sicher, Rodolfo ist ein Poet – aber er ist nicht der Aktive in dieser Beziehung, für mich ist das eher Mimì. Aber Tosca ist natürlich etwas ganz anderes. Sie hat zwei ganz starke Qualitäten, eine ist positiv, die andere aber auch negativ. Zuerst ist sie natürlich voll von Leidenschaft. Aber: Sie ist auch völlig von ihrem Instinkt getrieben, den sie nicht kontrollieren kann. Sie ist immer völlig offen und ehrlich wie Verdis Otello – und das wird ihr ebenso zum großen Problem.

Der Charakter der Tosca dürfte für Sie ja sehr gut nachzuvollziehen sein – schließlich ist Tosca in der Oper ja eine berühmte Sängerin, und wer wüsste das besser zu verstehen als eine Sängerin?

(lacht) Ja, alle Sopranistinnen können sich da voll hineinfühlen!

Zum Glück haben Sie sie vorhin selbst erwähnt: Kann man die Tosca singen, ohne auch an Maria Callas zu denken, die dieser Rolle so stark ihren Stempel aufgedrückt hat?

Nein, es geht gar nicht, dass man dabei nicht auch Callas im Kopf hat. Sie hat sich diese Rolle so komplett angeeignet … Wenn man sich nur die Aufnahme des zweiten Aktes mit Tito Gobbi auf YouTube ansieht – was sie allein mit den Augen ausdrückt, das ist unglaublich. Aber: Es ist auch sehr gefährlich! Sie macht mit ihrer Stimme Sachen, die nur sie so machen konnte. Da muss man wirklich aufpassen: Es ist eine große Versuchung, im zweiten Akt alles zu geben. Das ist so ein gewaltiges Drama, du bist voll drin – und vergisst alle Technik. Dieser zweite Akt ist wirklich gefährlich!

Und wenn Sie schon von Vorsicht reden: Eigentlich singen die meisten jungen Sängerinnen nach der Mimì nicht sofort Tosca, womöglich erst einmal, quasi als Zwischenstufe, die Cio-Cio-San in „Madama Butterfly“. Haben Sie die übersprungen?

Die habe ich leider noch nicht gesungen, das hat sich nicht ergeben. Ja, ich hätte das sehr gern in dieser Reihenfolge gemacht.

Vorstellungen am 2., 18. und 25. Dezember, Tickets unter Tel. 0261/129 28 40 sowie unter www.theater-koblenz.de

War es denn von Anfang an klar, dass mit Ihnen ein Puccini-Sopran heranwächst?

Nein, gar nicht! Ich habe ja in Parma studiert – da spürt man die Gegenwart Giuseppe Verdis an jedem Ort. Und ich dachte eher, ich bin ein Verdi-Sopran. Aber in den vergangenen eins, zwei Jahren kam immer mehr Puccini und französische Musik auf mich zu – meine musikalische Entwicklung geht in diese Richtung.

Aber Verdi geben Sie dafür doch sicher nicht auf, eine Elisabetta in „Don Carlo“ oder die „Trovatore“-Leonora wären doch ideal für Sie?

Die Elisabetta wäre natürlich wunderbar! Und Leonora habe ich schon gemacht, schon drei Mal.

In dieser Rolle ist ja wirklich alles drin – sogar ein bisschen Koloratur, also Verzierungen und schnelle Läufe …

Ja, aber das sind eben Verdi-Koloraturen – das geht! Ich bin leider keine Sängerin, die Rossini singen kann. (lacht)

Also geht auch die Traviata noch, wenn man am Ende des ersten Aktes ein bisschen das Tempo drosselt?

Oh, die habe ich schon gesungen, und die würde ich gern auch weiterhin machen! Da ist alles gefordert, es tut unheimlich gut, diese Rolle zu singen.

Dass sie der Stimme gut tun, hört man sonst eher von den Rollen in Mozart-Opern, wie sieht es für Sie damit aus?

Die „Figaro“-Gräfin habe ich in Placido Domingos Opernstudio in Valencia gemacht, und bei meinem festen Engagement in Münster habe ich über vier Jahre pro Saison eine Mozart-Partie gesungen: Fiordiligi in „Così“, die Erste Dame in der „Zauberflöte“, und als nächstes kommt Donna Anna in „Don Giovanni“ in Cottbus …

Das klingt doch nach einer überaus erfreulichen und gesunden Entwicklung. Wenn Sie jetzt einen Blick in die Zukunft werfen und wir bleiben bei den Frauen Puccinis: Ist dann das große Ziel die ziemlich hochdramatische Turandot – oder doch lyrischere, traurige Sklavin Liù in derselben Oper?

Im Moment kann ich mir ehrlich gesagt noch nicht vorstellen, einmal die Turandot zu singen. Und, wissen Sie: Es ist doch viel schöner, die Liù zu singen. Das ist eine echte „Jackpot-Rolle“ – übrigens genau wie die Micaela in „Carmen“. Du singst gerade einmal eine Arie und ein Duett, und das Publikum ist immer auf deiner Seite. Warum sollte man so eine Rolle aufgeben?

Frau Rossi Daldoss, herzlichen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte unser Kulturchef Claus Ambrosius

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