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    Von Heuchelei und anderem Schwindel

    Tartuffe ist der Böse, der Heuchler, der der Welt übel mitspielt: Mit solchen klaren Fingerzeigen kann Regisseur Kai Festersen nichts anfangen, nicht im Theater, nicht im wirklichen Leben: „Da schaltet sich bei mir immer etwas aus. Es gibt nichts Langweiligeres“, meint er. Diese Aussage ist umso interessanter, als dass Festersen sich für seine aktuelle Regiearbeit just mit einem Stück beschäftigt, das nach einer Figur benannt ist, der genau diese Eigenschaften nachgesagt werden: Heuchlerisch fromm ist sie, ein Intrigant und Betrüger ist dieser Tartuffe, der titelgebend für die 1664 uraufgeführte Komödie von Molière ist. Dieses Stück inszeniert Festersen für das Theater Koblenz. Am Samstag ist Premiere.

    Tartuffe (Mitte, Marcel Hoffmann) hält alle zum Narren: Mit der barocken Komödie „Tartuffe“ von Molière feiert das Theater Koblenz seine nächste Schauspielpremiere.  Foto: Bauss
    Tartuffe (Mitte, Marcel Hoffmann) hält alle zum Narren: Mit der barocken Komödie „Tartuffe“ von Molière feiert das Theater Koblenz seine nächste Schauspielpremiere.
    Foto: Bauss

    Der Dreh in dieser Inszenierung soll ein ungewöhnlicher sein: Der Gastregisseur will den Fokus nicht auf Tartuffe richten, sondern auf die Figuren, die seinen Heucheleien und Verführungen erliegen, allen voran Orgon, der Hausherr. Es geht also um eine Perspektivverschiebung, darum zu hinterfragen, weshalb ein solcher Seelenfänger wie Tartuffe überhaupt Erfolg haben kann, wieso er dazu verführt wird, als Verführer zu agieren. Festersen sagt dazu: „Die Deutschen haben Hitler gewählt, die Amerikaner Trump. Das sind keine Verführer, sondern sie haben Angebote gemacht, und diese sind angenommen worden. Mich interessieren nicht die, die das Angebot machen, sondern diejenigen, die es annehmen.“ Dieser Aspekt ist für den Regisseur spannend. Ihn will er in seiner Inszenierung betonen, in der er auf Aktualisierung weitgehend verzichtet, auch wenn er im Vorgespräch zur Premiere Parallelen zum US-Präsidenten zieht. Aber: „Das Theater ist kein Politikersatz. Ich bin kein Freund von direkten Übersetzungen von Geschichten in die Gegenwart. Ich möchte im Theater eine Geschichte erzählen, aus der heraus man sich seine Gedanken macht.“

    Ebenso wenig will Festersen das Stück mit Religionskritik befrachten, was angesichts der Historie von Molières Komödie naheliegen kann und in anderen Inszenierungen betont wurde. Auf die Uraufführung 1664 folgte ein Skandal, das Stück wurde verboten, weil es religiöse Heuchelei thematisierte. Der Streit darum zog sich über Jahre, Molière schrieb zwei weitere Fassungen, die letzte segnete Ludwig XIV. ab. Sie ist die heutzutage verbreitete Version, in der der Betrüger dank royaler Einflussname letztlich doch noch den Kürzeren zieht.

    Diesen Schluss will Regisseur Festersen in seiner Inszenierung nicht mittragen, denn: „Dieses Happy End hat Molière irgendwann als Dankbarkeitsbeweis für den König hineingeschrieben. Das merkt man – und wieso sollte ich etwas behaupten, wenn ich weiß, dass diese Bedankungsarie eine Dazuerfindung ist? Deshalb haben wir sie gestrichen“, erklärt Festersen. Seiner Meinung nach ist die Geschichte so konsequenter erzählt. „Wir haben es hier mit viel Starrsinnigkeit bei den Figuren zu tun, jede ist es auf ihre eigene Art, um Interessen zu verfolgen. Dieser Abend ist ein Furor der Starrsinnigkeit – genau das möchte ich zeigen.“ Das angehängte Ende, in dem sich alles zum Guten wendet, versteht Festersen als Aufhebung der vorhergehenden Geschichte. Dies hält er für unvertretbar, wohl auch aus einem einfachen Grund sowie aus einem realistischen und lebenserfahrenen Herzen gesprochenen: „Die Figuren verhalten sich die ganze Zeit über so blöde, wenn sie versuchen, ihre Interessen durchzusetzen, dass sie es schlicht nicht verdient haben, gerettet zu werden.“

    Gleichwohl liegt laut Festersen im Taktieren, in der Leichtgläubigkeit und in dem umständlichen Hin und Her im Hause Orgon die komödiantische Würze von „Tartuffe“: „Es ist wirklich komisch, was auf der Bühne gespielt wird.“ Die barocke Komödie funktioniert laut Regisseur nach wie vor unter anderem über den Mechanismus, dass das Publikum klüger ist als die Figuren auf der Bühne. Überdies ist „Tartuffe“ für ihn reich an Ingredienzien, die eine Komödie ausmachen und die bei Stücken von Molière stets zu finden sind: Zwei Liebespaare versuchen, zueinander zu finden, und ein Alter ist dagegen. „Die Gründe variieren in Molière-Stücken, aber so ist ihr Aufbau“, fügt Regisseur Festersen an. Und damit haben sie sich auf den Theaterbühnen bewährt.

    Inhalt:
    Im Hause des reichen, angesehenen Bürgers Orgon hat sich ein Fremder eingenistet: der heuchlerische Tartuffe, dessen religiöser Eifer und strenge Moralvorstellungen die Bewunderung des Hausherren erregen. Dass jedoch hinter der scheinheiligen Maske des Tartuffe Skrupellosigkeit und Gier lauern, übersieht Orgon und lässt den parasitären Mitbewohner zu immer größerem Einfluss gelangen. Zuletzt verspricht er Tartuffe sogar die Hand seiner Tochter Marianne und die Überschreibung seines Vermögens. In der Familie regt sich Widerstand, doch ihr Warnen bleibt ungehört. Erst als Tartuffe versucht, Orgons Gattin Elmire zu verführen, und zugleich der zuvor aus dem Hause gejagte Sohn Damis Beweise für Tartuffes Hinterhältigkeit beschafft, gerät das ideologische Gebäude Orgons ins Wanken.

    Leitungsteam:
    Inszenierung: Kai Festersen, Bühne und Kostüme: Beate Zoff Dramaturgie: Juliane Wulfgramm
    Mit: Ks. Claudia Felke, Reinhard Riecke, Dorothee Lochner, Christof Maria Kaiser, Jennifer Tilesi Silke, Ian McMillan, Jona Mues, Marcel Hoffmann und Isabel Mascarenhas
    Die Premiere des Schauspiels „Tartuffe“ von Molière findet am Samstag, 1. April, um 19.30 Uhr im Großen Haus statt. Die Dauer des Abends beträgt zwei Stunden mit einer Pause. Weitere Termine und Kartenreservierung unter Tel. 0261/129 28 40 sowie online unter www.theater-koblenz.de

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