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Koblenz

Vicky Leandros: Echtes Talent und wahre Größe

Nicht immer bedeutete der deutsche Schlager Discofox zum Mitstampfen und Texte zum Mitgrölen. Der Schlager war einmal vornehm, poetisch, schön – und er ist es noch immer, zumindest dann, wenn Vicky Leandros auftritt. Am vergangenen Samstag machte sie auf ihrer Deutschlandtournee halt in der Koblenzer Rhein-Mosel-Halle. „Das Leben und ich sind oft schwierig, sicherlich“ singt Vicky Leandros in dem von ihrem aktuellen Album stammenden Auftrittssong. Ein eigentlich einfacher Satz, der aber überhaupt nicht banal ist, sondern eine galante Tiefe besitzt, die nicht tiefschürfend daherkommt. Genau das leistet der deutsche Schlager in seinen besten Momenten – und von diesen gibt es bei Leandros‘ Konzert unzählige, denn ihre Lieder, die frühen wie die späten, haben es stets verstanden, in einfachen Worten Großes auszusprechen.

Vicky Leandros bezaubert seit mehr als 50 Jahren ihr Publikum. So auch am Wochenende in der Koblenzer Rhein-Mosel-Halle.  Foto: Sascha Ditscher
Vicky Leandros bezaubert seit mehr als 50 Jahren ihr Publikum. So auch am Wochenende in der Koblenzer Rhein-Mosel-Halle.
Foto: Sascha Ditscher

„Ich hab die Liebe geseh’n, beim ersten Blick in deine Augen, Auf einmal fing die Welt an sich zu dreh’n, wir schauten uns nur an, und das Glück begann.“ Für diese beinahe arkadische Schönheit der Zeilen bedarf es der unaufdringlichen, aber durchdringenden Stimme einer Vicky Leandros. Auch heute noch gelingen ihr die großen schlanken Bogen, mit denen sie die Liebe sieht oder das Leben liebt, mühelos. Die Jahrzehnte scheinen an der laut eigenen Angaben 65-Jährigen und ihrer Stimme spurlos vorübergegangen zu sein. Nur drei Musiker (Klavier, Gitarre, Bass – kein Schlagzeug, denn perkussiv ist das mitklatschende Publikum ohnehin) – mehr braucht Vicky Leandros nicht, um ihr Publikum zweieinhalb Stunden lang zu begeistern.

Das Konzert ist auch eine kleine Zeitreise, wenn Leandros in charmanten Moderationen von einigen Stationen ihrer Karriere erzählt, wie von ihren beiden Auftritten beim Grand Prix oder ihren Erlebnissen in Japan, die sie dann auch mit einem japanischen Lied unterstreicht. Vicky Leandros steht für Internationalität, folglich singt sie deutsch, französisch, englisch und natürlich griechisch an diesem Abend. Der Grand-Prix-Hit „Après toi“ fehlt dabei ebenso wenig wie die Lieder ihres Landsmanns Mikis Theodorakis. Jeder Ton sitzt und berührt, zum einen, weil Leandros eine hervorragende Interpretin ist, zum anderen, weil sie das Glück hat, dass in ihrer Stimme selbst immer schon Bedeutung liegt. Leandros hat nicht nur einen Schlafzimmerblick, sie singt auch mit einem – das Erotische erklingt mit einer entwaffnenden Selbstverständlichkeit, mit der Leandros übrigens auch ihre wirklich sehr hohen High Heels und hautengen Kleider trägt. Sie hat sich dabei etwas Mädchenhaftes bewahrt, von dem sich der männliche Teil des Publikums gern verzaubern lässt. Die Sängerin ist hochprofessionell, jede Geste stimmt, doch ohne je aufgesetzt zu wirken – sie scheint wirklich aus tiefem Herzen ihren Fans dankbar zu sein. Als sie ins Publikum geht, um mit Zuschauern zusammen „Blau wie das Meer“ und „Die Bouzouki klang durch die Sommernacht“ zu singen, ist dies kein gefälliges Anwanzen an ihre Fans, sondern ernst gemeinte Verbundenheit. Selbst wenn die Sängerin nur einen Meter von einem entfernt steht, sie also volkstümlich nah zu sein scheint, versprüht sie trotzdem die Vornehmheit eines Stars.

Gerade durch die minimalistische Begleitung, später wird sie sogar a cappella singen, zeigt sie, was sie kann. Und man versteht, warum sie noch immer Hallen füllt, während viele andere Schlagerstars der 70er durch Baumärkte und Festzelte tingeln müssen. Sicherlich hatte Vicky Leandros Glück, schon weil ihr Vater Leo Leandros ein erfolgreicher Musikproduzent war und ihr einige Hits auf den Leib schrieb, doch auf Dauer hilft nur eines: Talent. Die Größe von Vicky Leandros besteht darin, dass sie es seit mehr als einem halben Jahrhundert vermag, ihrer aufrichtigen Schlichtheit einen internationalen Glanz zu verleihen, der heller strahlt als jeder Showzirkus, den viele ihrer Kolleginnen vor allem deshalb benötigen, um davon abzulenken, dass sie nicht Vicky Leandros sind.

Zum Finale des Abends stehen wir alle, einige Fans tanzen ausgelassen vor der Bühne. Vicky Leandros nimmt üppige Blumensträuße entgegen. „Grüße an Sarah“, „Ja, ja der Peter, der ist schlau“, „Verlorenes Paradies“ – man denkt in diesen Minuten nicht darüber nach, wie oft sie diese Lieder in ihrem Leben schon gesungen haben mag, weil sie sie so mitreißend und jugendlich frisch wie eh und je präsentiert. Bei der Zugabe fragt Vicky Leandros plötzlich, was sie denn noch singen soll und muss dabei selbst schmunzeln, denn sie kennt die Antwort zu genau: „Theo, wir fahr’n nach Lodz“. Und so singen wir gemeinsam mit ihr jenen Ohrwurm, der so amüsant wie originell dem Wunsch eines jeden nach „Musik und Tanz und etwas Eleganz“ Ausdruck verleiht. Ein Wunsch, der sich an diesem Abend erfüllte. Dank Vicky Leandros.

Nächste Termine: 12. April in Hagen, 12. Mai in Düsseldorf, Infos und Tickets auch unter www.vickyleandros.eu

Von unserem Reporter Wolfgang M. Schmitt

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