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    Koblenz

    Verblüffende Kollision zweier Lebenswege: Dea Loher und Joseph Breitbach waren schon früh verbunden

    Nur eine halbe Stunde braucht Dea Loher, um sich für einen hoch dotierten Literaturpreis mit einem zu Herzen gehenden Moment zu bedanken. Mit einer überraschend persönlichen Geschichte.

    Foto: dpa

    Als sie, eine der wichtigen Dramatikerinnen unserer Zeit, den Joseph-Breitbach-Preis im Theater Koblenz entgegennimmt, teilt sie eine Erinnerung, die überrascht. Die zu besonders ist, um sie kleinzuschreiben – und zudem zu eng mit dem Leben des Ehrenbreitsteiner Schriftstellers Breitbach verknüpft, der zwischen Deutschland und Frankreich publizierte und nicht nur zeit seines Lebens den öffentlichen Diskurs mitgestaltete, sondern auch heute noch – etwa durch die jährliche Auslobung eines der wichtigsten deutschen Literaturpreise durch die Joseph-Breitbach-Stiftung.

    „Ich glaube, ich bin Joseph Breitbach einmal begegnet, ohne zu wissen, mit wem ich es zu tun hatte“, erinnert sich Loher. 15 oder 16 sei sie gewesen, als sie in den Ferien aus Bayern nach Paris ausbüchste, um eine Freundin zu besuchen – jung und ungestüm – oder, wie Loher sagt, „mit galoppierendem Herzen“. Nichts außer der Adresse hat sie bei sich, purzelt ihrem Ziel vielmehr chaotisch entgegen, als dass sie direkt trifft.

    Beim Warten vor der Tür der Freundin biegt schließlich ein Mann um die Ecke, der Loher ins Treppenhaus lässt. „‚Woher sind Sie denn?’ Ich: ‚Aus Bayern.’ Er: ‚Ach, ich komme aus Koblenz’“, erzählt sie. „Es folgten ein paar freundliche Worte. Am Ende holte der Mann ein Taschenbuch aus seiner Plastiktüte. ,Damit sie etwas zu lesen haben.’“ Es war eine Anthologie mit Erzählungen, darunter eine mit dem Titel „Clemens“. Deren Autor: Joseph Breitbach.

    Die Welt ist so klein

    Dass er selbst es gewesen sein muss, wird für Loher erst viel später zum Schlüsselerlebnis. Eine wunderbar berührende Geschichte über die Kollision zweier Lebenswege inmitten einer Metropole, die nun nach Jahren wieder zusammenführen – erneut verbunden im Geiste der Literatur.

    Und anders als in Lohers Werk, für das sie jetzt die mit 50.000 Euro dotierte Ehrung entgegennahm: Ihre Figuren treffen nicht selten an urbanen Stadträndern aufeinander und begegnen sich oftmals in eher tragischen als magischen Momenten. Meist taumeln sie, führen existenzielle Kämpfe, sehen Utopien beim Scheitern zu. So wie etwa in „Magazin des Glücks“, das der Koblenzer Theaterintendant Markus Dietze kurzfristig in den Spielplan aufgenommen hat, um Loher seinerseits zu würdigen.

    In sieben Kurzdramen ist dabei eine Sache stets abwesend: das Glück selbst. Loher erklärte 2002 anlässlich der Uraufführung am Thalia Theater Hamburg im Gespräch mit der „Welt“: „In vielen der Stücke geht es um den Widerspruch zwischen dem, was jeder für sich als Glück oder als gelingendes Leben bezeichnen würde, und dem, was ihm vom gesellschaftlichen System abverlangt wird, um überhaupt innerhalb dessen existieren zu können.“ Diesen Kontrast breitet Loher in Monologen und Dialogen aus. Lässt etwa Hannelore Kohl in ihrer inneren Zerrissenheit sprechen, die schließlich im Freitod endet. Oder übt Kapitalismuskritik, indem zwei Sanitäter heimlich Patienten sterben lassen, um am Geschäft eines Beerdigungsunternehmens mitzuverdienen. Auch ihnen ist der Tod gewiss. Und ebenso gewaltsam endet auch die Geschichte jener Frau, die Suizid auf einer Mülldeponie begeht, weil sie ihre Familie bei einer Gasexplosion verloren hat.

    Extrakt Lohers Arbeit: Die Sprache

    Loher entwirft eine Insel der Unglückseligen, die durch eins verbunden sind: ihre sprachliche und syntaktische Raffinesse – der Extrakt Lohers Arbeit, der sich etwa in 20 Theaterstücken niederschlägt. Laudatorin Katja Müller-Lange erfasst ihn so: „Um das Ringen mit den Wörtern und um die Worte zu bekräftigen, bleibt mancher Satz unvollendet, schwebt quasi über dem Geschehen.“ Und: „Tonart und Wortwahl variieren von Gestalt zu Gestalt und sogar bei ein- und derselben Gestalt. Mal spricht sie, wie sie womöglich ist und wir es von ihr erwarten, mal träumt sie und sehnt sich danach, so zu sein, wie sie redet. Dann wieder stockt sie verstört oder völlig verzweifelt, weil das, was in ihr vorgeht, so unsagbar antagonistisch, wenn nicht unsäglich ist.“ Pause, Schweigen, Stille zählen deshalb zu Lohers häufigsten Regieanweisungen. Sie schaffen auch Raum zur Besinnung.

    Sich zu besinnen, ist schließlich der Appell, den Loher in Koblenz herausarbeitet, auch aus der Erzählung „Clemens“, die sie nach der Begegnung mit Breitbach in Paris gelesen hat. Diese wurde 1937 in der Zeitschrift „Maß und Wert“ von Thomas Mann veröffentlicht, und bildet ein Kapitel eines gleichnamigen Romans, dessen Manuskript Breitbach 1941 bei einer Hausdurchsuchung der Gestapo in Paris gestohlen wurde.

    Loher appelliert im Sinne Breitbachs

    „Clemens“ erzählt von einem 17-Jährigen, der von zu Hause abhauen will und dazu seinen eigenen Tod inszeniert. Doch er wird überführt und vom strenggläubigen Vater gemaßregelt – den Sarg, der für ihn aufbereitet wurde, soll er aus der Kirche nach Hause tragen. „Dieses Bild ist eines der stärksten und grausamsten, die ich je bei Breitbach gefunden habe“, sagt Loher. „Es kann kein Zufall sein, dass die Erzählung ein Motiv aufgreift und paraphrasiert, das ein Schlüsselmotiv moderner Literatur ist.“

    Die Inszenierung des eigenen Todes, um ein neues Leben zu beginnen, das ist die Urszene der Abenteuergeschichte, wie sie etwa Mark Twain erzählt. Feiert Tom Sawyer die gewonnene Freiheit und Lebenslust, seziert Breitbach hingegen die Enge der Gesellschaft. Etwa, wenn der Vater dem Jungen verheißt, der Sarg werde sein neues Bett, seine Zukunft und der Ort, an dem er träumen wird. „Der Text aber und Breitbach wollen sagen, legt euch nie, nie, niemals in diesen Sarg. Legt euch niemals in das Grab der Fantasie“, fordert Loher – im Geiste für Momente erneut an der Seite des Koblenzer Schriftstellers, wie einst in einem Treppenhaus mitten in Paris.

    Von unserer Redakteurin Melanie Schröder

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