40.000
Aus unserem Archiv
Berlin

Unser Lied für Lissabon: Was war das denn?

Claus Ambrosius

Die beste Frage stellt ein merklich irritierter ausländischer Freund während der heimischen Fernsehrunde zum ESC-Vorentscheid: „Müsst ihr davon wirklich einen Titel auswählen?“ Ja, wir müssen – und zum Glück tritt gleich darauf Michael Schulte auf, der rothaarige YouTube-Star, der prompt unser Lied für Lissabon singt. Mit Superstar Ed Sheeran teilte Schulte schon mal die Bühne, auch die Haarfarbe sowie Klang und Stil des Gesangs. Und das jetzt in einem Siegertitel, der klingt, als würde die Britin Adele gleich den Refrain ihres Hits „Someone Like You“ hineinsingen.

Ein gefühlvoller Titel zur Erinnerung an seinen verstorbenen Vater verhilft Michael Schulte zum Sieg.  Foto: dpa
Ein gefühlvoller Titel zur Erinnerung an seinen verstorbenen Vater verhilft Michael Schulte zum Sieg.
Foto: dpa

Seit Jahren fährt Deutschland beim Eurovision Song Contest miserable Platzierungen ein, im vergangenen Jahr ging es homöopathisch aufwärts, als Deutschland nach zwei Jahren auf dem letzten Platz mit Levina und ihrem längst vergessenen Titel „Perfect Life“ auf dem vorletzten Platz landete.

Das Schlusslicht dürfte dem sympathischen Schulte mit seiner guten Stimme und dem souveränen Auftreten kaum drohen, wohl kaum aber auch ein Sieg. Doch der war abgesehen von Nicoles „Ein bisschen Frieden“ und Lenas frechem „Satellite“ für Deutschland eher selten in Reichweite. Schlager, Chanson oder Neues Deutsches Lied: Die Nation tut sich schwer mit ihrer Unterhaltungsmusik, wer will, kann das auf die große, dunkle Geschichte zurückführen, was auch wenig weiterhilft.

Olympisch betrachten kann man die Sache auch nicht: Deutschland ist als Top-ESC-Beitragszahler für den Wettbewerb gesetzt und damit immer dabei. Aber es wäre doch trotzdem schön, wenn man Lieder zum Entscheid schicken könnte, für die man sich auf breiterer Basis begeistern oder wenigstens erwärmen könnte. Stattdessen bot der deutsche Vorentscheid mit den bis zur Unsichtbarkeit farblosen Moderatoren Linda Zervakis und Elton eine Handvoll Titel, die man gern vorgespult hätte.

Der Reihe nach: Die aktuelle „The Voice of Germany“-Gewinnerin Natia Todua, das sympathische Ex-Au-pair aus Georgien, ist furchtbar aufgeregt, wird miserabel verstärkt und hat einen ganzen Froschteich im Hals sitzen. Da hätte sich ESC-Dauerkommentator Peter Urban die geleckte Abmoderation zu ihrer „starken Performance“ wirklich verkneifen können. Todua wird Letzte, noch hinter den fünf Buam von Voxxclub, die als ach so moderne, entstaubte Volksmusik durchgehen wollen. Vergleicht man sie aber mit LaBrassBanda, die mit authentischem Bayerisch und flottem Livemusizieren 2013 nur knapp den Vorentscheid gegen Cascada verloren, servieren Voxxclub eher die Sangria-Version im Partyeimer.

Ryc aus Hannover heißt eigentlich Rick, hat Popmusik und Gesang studiert und kann tatsächlich sehr hübsch singen – abgesehen von einem Problem mit einem heftig mittremolierenden Unterkiefer. Sein Lied ist rasch vergessen, was im Gedächtnis bleibt, ist die übermotivierte Tänzerin auf seinem Flügel, die erfolgreich für so viel Ablenkung wie möglich sorgt.

Ivy Quainoo, auch sie eine „The Voice“-Gewinnerin, ist eigens für das Projekt Lissabon von New York nach Deutschland zurückgezogen, um ihre enormen Stimmreserven in „This House Is on Fire“ nicht zeigen zu können. Dazu brennt auf der Bühne zwar das Haus vom Nikolaus, aber kaum die Stimmung im Saal. Xavier Darcy schließlich kommt aus Oberpframmern, seine hyperenge Jeans offenbar aus dem Kochtopf. Sein Folkrock landet beinahe ganz oben – doch das Ticket nach Lissabon geht ohne jede Überraschung an Michael Schulte. Mal sehen, ob Europa nach dem gefühlvollen portugiesischen Gewinner des Vorjahres schon wieder Lust auf einen sensiblen Mann hat.

Von unserem Kulturchef Claus Ambrosius

Kultur
Meistgelesene Artikel
Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik
Claus Ambrosius 

Leiter Kultur

Claus Ambrosius

 

Kontakt per Mail

Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

Redakteurin Kultur

Anke Mersmann

 

Kontakt per Mail

Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

Redakteurin Kultur

Melanie Schröder

 

Kontakt per Mail

Event-Kalender
Veranstaltungstipps

Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!