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Barcelona

Trauer um Monserrat Caballé: Eine Stimme für die Ewigkeit

Claus Ambrosius

Es war in den 80er-Jahren, auf der Höhe ihres Ruhms auf den Opern- und Konzertbühnen, als Montserrat Caballé eine außergewöhnliche Anfrage erhielt: Der Rocksänger Freddie Mercury erkundigte sich, ob die in Klassikkreisen weltberühmte Sopranistin nicht Lust auf ein gemeinsamen Album hätte. Ein unmoralisches Angebot? Für Klassikpuristen möglicherweise, für eine vielseitige Künstlerin wie die 1933 in Barcelona geborene Caballé keinesfalls. Berührungsängste links und rechts des gewohnten Opernkanons kannte sie ohnehin nicht, hatte von spanischen Zarzuelas bis Wiener Operette, von Barock über Belcanto bis zu den großen Verdi- und Puccini-Rollen bis zu Kunstliedern in vielen Sprachen schon eine ungewöhnliche große Bandbreite erobert. Zweitens handelte es sich beim Bittsteller ja nicht um irgendjemanden – und Mercury, der mit Queen etwa in „Bohemian Rhapsody“ selbst opernhafte Qualitäten gezeigt hatte, zog beim Umschwärmen der von ihm geschätzten Opernsängerin alle Register.

Foto: picture-alliance

Singen beinahe bis zum Ende

Der Rest ist Geschichte. Am Samstag ist Montserrat Caballé im Alter von 85 Jahren in ihrer Geburtsstadt gestorben. Deren Name, „Barcelona“, ist über die 1987 erschienene Single der Sängerin gemeinsam mit Freddie Mercury auf ewig und für Abermillionen Menschen mit der stimmgewaltigen Sängerin verbunden.

Als der pathosgeladene Titel 1992 die Olympischen Sommerspiele in Barcelona eröffnete, war Mercury bereits verstorben – die 13 Jahre jüngere Operndiva setzte ihre aktive Gesangskarriere trotz vieler, auch heftiger gesundheitlicher Probleme bis in ihr letztes Lebensjahr fort. Der musikalische Grenzgang zur Hymne „Barcelona“ sollte nicht der letzte sein, Aufnahmen beispielsweise mit dem griechischen Musiker und Filmkomponisten Vangelis folgten ebenso wie Weihnachtsliederalben und immer wieder Auftritten im deutschsprachigen Fernsehen, wo die nach außen immer gut gelaunte Sängerin mit dem ansteckenden Lachen und der entwaffnenden Selbstironie ein Millionenpublikum eroberte.

So war die weltweit gefragte Opernsängerin nahtlos in eine zweite Karriere als Entertainerin hinübergeglitten – und hatte eine weltweite Bekanntheit erlangt, die aus dem Reich der Oper zuvor bei den Sängerinnen nur die griechisch-amerikanische Sängerin Maria Callas und bei den Männern Tenorlegenden wie Mario Lanza oder später Luciano Pavarotti erreichten.

Lustig, mit schwarzem Haarhelm bewaffnet, hinreißend charmant und humorvoll: Das war die Caballé, wie die Welt sie kennt. Wer aber wissen will, warum Freddie Mercury sich genau diese und keine andere Sängerin als Gesangspartnerin erträumte, muss nur frühere Aufnahmen hören, um eine teils geradezu überirdische Schönheit zu erleben. Gestählt am deutschsprachigen Theatersystem – in ihren Anfangsjahren hatte Caballé in Bremen, Saarbrücken und Basel ein ungewöhnliches breites Rollenspektrum bis hin zu vokalen Schwergewichten wie Strauss' „Salome“ gemeistert –, wurde sie als Einspringerin für ihre schwangere Kollegin Marilyn Horne bei der konzertanten Aufführung von Donizettis „Lucrezia Borgia“ über Nacht in Fan- und Fachkreisen berühmt, erstürmte bald alle großen Bühnen der Welt.

Forte ist schön, Piano schöner

Was rund um den Globus geschätzt wurde: Ihre ohnehin angenehme, voluminöse und samtene Sopranstimme konnte Caballé in ihren besten Jahren wie ein Instrument beherrschen und zu – für die Zuhörer – atemberaubenden Effekten einsetzen. Das Anschwellen des Tons mit anschließendem Zurücknehmen bis ins fast Unhörbare, überhaupt die zarten Pianissimo-Töne auch in höchsten Lagen, die baumstark die größten Hallen und Theater füllten, machten Montserrat Caballé zur Diva aller Stimmliebhaber.

Die Elisabetta in Verdis „Don Carlo“, seine „Aida“, Puccinis Lìu in „Turandot“ und früh in ihrer Karriere auch Strauss' Salome: Vor allem diese Partien hat Montserrat Caballé auch im Tonstudio mustergültig verewigt. Und Stimmliebhaber schwören auf zahlreiche, oft in der Tonqualität mangelhafte Livemitschnitte aus Opernhäusern, in denen die mit scheinbar unendlichem Atem ausgestattete Sängerin oftmals Unglaubliches vollbringt und das Publikum zur Raserei bringt. Diese Leistungen werden im Gedächtnis bleiben, wenn die Irritation über späte, allzu späte Konzerttourneen schon lange vergessen sein werden. All das verblasst hinter der Erinnerung an eine der ganz großen Sängerinnen in der Operngeschichte, die auch auf Nebenpfaden viele für diese Kunstform erreicht hat.

In Sachen weltweiter und genreübergreifender Popularität hat seit Jahren die Russin Anna Netrebko das Zepter der Universal-Diva übernommen – in Sachen des überirdischen schönen Gesangs ist noch keine Nachfolgerin für Montserrat Caballé in Sicht. Wie gut, dass auf Hunderten Stunden Video- und Tonmaterial das Erbe dieser Stimme erhalten ist: Wiederhören macht Freude – und das wohl noch für Generationen.

Claus Ambrosius

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