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Mainz

Theaterwunder gibt es hin und wieder: Staatstheater Mainz glückt ein brillanter Abend

Wolfgang M. Schmitt

Ist es übertrieben, angesichts des gerade einmal 90 Minuten dauernden Stücks, in dem noch dazu Arbeiterinnen scheinbar lediglich über die Frage diskutieren, ob sie auf sieben Minuten Pause verzichten wollen, von einem Theaterwunder zu sprechen? Keineswegs.

Grandiose Inszenierung: Eine scheinbar banale Frage stürzt einen Frauenbetriebsrat in eine Diskussion über den Wert von Arbeit.
Grandiose Inszenierung: Eine scheinbar banale Frage stürzt einen Frauenbetriebsrat in eine Diskussion über den Wert von Arbeit.
Foto: Bohumil KOSTOHRY

„7 Minuten/Betriebsrat“ ist zweifellos eines der klügsten Stücke, das die Gegenwartsdramatik in den vergangenen Jahren hervorgebracht hat. Und die deutschsprachige Erstaufführung, die das Staatstheater Mainz in Kooperation mit dem Luxemburger Théâtre des Capucins zeigt, bringt alle Qualitäten des Werks in einer ergreifenden Klarheit auf die Bühne. Der italienische Autor Stefano Massini hat ein von jeglichen Theatermoden unbeeindrucktes, aber hochaktuelles Stück geschrieben, dessen intellektuelle Brillanz sich in schönster Schlichtheit offenbart.

Eine nur scheinbar banale Bitte

Worum geht es? Zehn Arbeiterinnen, die gemeinsam den Betriebsrat bilden, warten im Aufenthaltsraum der Textilfabrik auf Blanche, ihre Betriebsratssprecherin. Blanche sitzt seit vier Stunden mit „den Krawatten“, den Vertretern der Geschäftsführung, im Konferenzraum. Die Firma wird verkauft. Die Arbeiterinnen befürchten das Schlimmste: Entlassungen oder gar eine Schließung der Fabrik vor Ort. Als Blanche zurückkommt, kann sie Entwarnung geben. Alle dürfen bleiben, der Fabriksitz bleibt erhalten, nur eine einzige Bitte hat die neue Geschäftsführung: Sie sollen im Betriebsrat darüber abstimmen, ob sie einverstanden sind, dass die 15-minütige Pause zwischen den Schichten um sieben Minuten gekürzt wird. Eine Petitesse also, da sind sich die zehn Frauen schnell einig.

Was sind schon sieben Minuten weniger Pause in Anbetracht der Tatsache, dass sie auch ihre Jobs hätten verlieren können. Es sei, lässt zudem die Geschäftsführung ausrichten, der höfliche Wunsch nach einem Entgegenkommen seitens der Arbeiterinnen. Blanche aber erhebt Einspruch: Sie will dagegen stimmen; schließlich sei es alles andere als eine freundliche Bitte, sondern pure Erpressung. Haben sie wirklich eine Wahl? Was, wenn die sieben Minuten erst der Anfang sind? Und warum sollen sie überhaupt Dankbarkeit gegenüber der Geschäftsführung zeigen, schließlich arbeiten sie doch hart? Und weshalb sollten sie dem erfolgreichen Unternehmen 600 Arbeitsstunden monatlich schenken?

Weitere Infos zu Tickets und Terminen unter www.staatstheater-mainz.com

Diesen Konflikt inszeniert Carole Lorang mit Präzision. In der von Katrin Bombe funktional gestalteten, von einer Schrankgarderobe aus Holz eingerahmten Bühne mit fahrbaren Tischelementen und einem martialischen Betonpfeiler in der Mitte nimmt das Kammerspiel seinen Lauf. Dank einer akkuraten Personenführung sowie einem Gespür für allzu menschliche Schwächen und Denkweisen macht Lorang aus allen elf Figuren eigenständige Persönlichkeiten.

Jede Schauspielerin hätte es verdient, positiv hervorgehoben zu werden. Stellvertretend für sie alle, obwohl die Stimme eines jeden gleichviel zählt, wie das Ende noch einmal deutlich werden lässt, sei, weil Theaterrezensionen – vielleicht gezwungenermaßen – hierarchisch und nicht nach dem Gleichheitsprinzip strukturiert sind, die Darstellerin der Blanche, Andrea Quirbach, erwähnt.

Vom Bauchgefühl zu Karl Marx

Quirbach glückt das Kunststück, glaubhaft die Betriebsratsleiterin als bodenständige, pragmatische Frau zu spielen, die aber zugleich intellektuelle Überlegungen anstellt, ohne diese intellektualistisch artikulieren zu können. Denn Blanches, wie sie es nennt, „Bauchgefühl“ fußt letztlich auf Gedanken, die exakt 150 Jahre alt sind: Karl Marx hat sie im ersten Band seines Hauptwerks „Das Kapital“ niedergeschrieben. Der Arbeiter muss seine Arbeitskraft verkaufen, er hat keine Minute zu verschenken. Sieben Minuten mögen entbehrlich sein, doch werden durch die Zeitersparnis auch Arbeiterinnen verzichtbar – Entlassungen könnten rasch folgen. Bald ist Blanche nicht mehr die Einzige, die ein Unbehagen verspürt, doch einfach mit Nein zu stimmen, birgt ein hohes Risiko.

Immer wieder ist das Rattern der Webmaschinen, welche einst aus Webern, also Handwerkern, Arbeiter machten, im Hintergrund zu hören. Von der prekären Situation der Weber in der Mitte des 19. Jahrhunderts handelte Gerhart Hauptmanns Stück „Die Weber“. Es ist nicht der einzige theaterhistorische Bezugspunkt in Massinis Stück: Es erinnert bisweilen auch an die Produktionsstücke Heiner Müllers, Erwin Strittmatters oder Volker Brauns, und über allem schwebt selbstverständlich Bertolt Brecht.

Seine Lehrstücke, mit denen er direkt auch die Arbeiter adressieren wollte, setzt Massini genialisch fort. Mehr noch: Massini legt die Tücken einer Demokratie bloß, deren Vertreter jede Entscheidung als alternativlos bezeichnen und behaupten, dass man im Reich des kleineren Übels gut und gern leben kann. Nichts wäre falscher, als „7 Minuten/Betriebsrat“ nur als ein Stück über die Situation von Fabrikarbeitern zu begreifen, denn im Grunde ist die Situation eines jeden mit der der Arbeiterinnen vergleichbar: Die Macht der Konzerne wächst rasant, und immer gibt es irgendwo irgendjemanden, der bereit ist, die Arbeit für weniger Lohn, weniger Pausen und jenseits von arbeitsrechtlichen Hürden zu erledigen. Betriebsausflüge ins Staatstheater Mainz sind zu empfehlen.

Von unserem Reporter Wolfgang M. Schmitt

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