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Koblenz

Theater Koblenz feiert 230. Geburtstag mal ... Anders!

Claus Ambrosius

Den ersten Auftritt von Thomas Anders im Theater seiner Heimatstadt, jede Menge Uraufführungen und noch viel mehr Geleitworte: All das gab es zur Feier des 230. Geburtstags des Theaters der Stadt Koblenz.

Kaum zu glauben, aber wahr: Zum 230. Geburtstag des Koblenzer Theaters stand der Sänger Thomas Anders zum ersten Mal auf dieser Bühne seiner Heimatstadt. Das Spektrum der Gala reichte so von Schauspiel über Oper und Ballett und Puppenspiel bis zum klassischen Musical.  Fotos: Matthias Baus
Kaum zu glauben, aber wahr: Zum 230. Geburtstag des Koblenzer Theaters stand der Sänger Thomas Anders zum ersten Mal auf dieser Bühne seiner Heimatstadt. Das Spektrum der Gala reichte so von Schauspiel über Oper und Ballett und Puppenspiel bis zum klassischen Musical. Fotos: Matthias Baus
Foto: Matthias Baus

Zum Geburtstag gibt es Geschenke, gute Wünsche, nette Komplimente. Das gilt für menschliche Geburtstagskinder, aber auch für Institutionen wie etwa ein Theater. Mit einem Unterschied: Bühnengeburtstage werden gewöhnlich nur in festen Rhythmen begangen, zunächst in Fünfer- und Zehnerschritten, später in Abständen von 25 und 50 Jahren. Nun aber feierte das Theater Koblenz seinen etwas „unrunden“ 230. Geburtstag – allerdings mit einem runden Programm mit Beiträgen aus allen Sparten. Und Festreden. Und dem, man sollte es nicht glauben, ersten Auftritt des derzeit „einzigen Weltstars aus Koblenz“ auf dieser Bühne: So kündigt Intendant Markus Dietze den in Koblenz lebenden Sänger Thomas Anders an, der sich mitsamt Kombo, drei Musicaltiteln und dem Modern-Talking-Hit „You're My Heart, You're My Soul“ zum Geschenk machte.

Alles also nach Plan, nur eben mit leicht irritierender Jahreszahl? Keineswegs. Denn auch nach 230 Jahren Theater Koblenz, die acht vergangenen davon unter der Leitung von Markus Dietze, gab es an diesem Abend einiges Neues zu erleben und auch zu lernen. Die Erkenntnisse des Abends in ihrer Reihenfolge und in Kürze:

Leichte Anlasserprobleme

Aller Anfang ist schwer. Der großartige Dramaturg und Dramatiker John von Düffel ist durch seine langjährige, vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Markus Dietze so etwas wie ein inoffizieller Hausautor des Koblenzer Theaters geworden. Für seine Szene zum Koblenzer Theaterjubiläum hatte er sich zwei Dinge ausbedungen: Die Auswahl der Schauspieler aus dem ihm bestens vertrauten Ensemble. Kein Problem, mit der Wahl von Raphaela Crossey und Jona Mues wählt er zwei prägende Ensemblemitglieder. Dass aber Düffels Text nicht mehr verändert werden sollte, erweist sich als Bumerang. Sein launig-skurril angeregter Abriss der Koblenzer Theatergeschichte als fiktive Geschichte der Theaterfamilie Mues gelingt ausgesprochen auf Insiderwissen zugeschnitten und mit Schlagseite zu Redundanz und Überlänge.

Statt einem Auftritt des Staatsorchesters Rheinische Philharmonie, das zum Gesamtkunstwerk Theater Koblenz dazugehört, aber an diesem Abend nicht verfügbar ist, erklingt gebotene Festlichkeit in überraschendem Gewand. Alles andere als eine Notlösung also: Das Vorspiel zu Wagners „Meistersingern“ für acht Hände an zwei Klavieren, gespielt von vier Dirigenten des Theaters – Enrico Delamboye, Karsten Huschke, Mino Marani und Daniel Spogis.

Die politischen Grußworte enthielten eine sichere Bank und ein Fragezeichen: Der scheidende Oberbürgermeister Joachim Hofmann-Göttig hat aus der Not der protokollnotwendigen Begrüßung längst eine Tugend gemacht und diese über die Jahre verfeinert. Nach der humorig absolvierten Pflichtübung für die Stadt gratuliert David Langner, Staatssekretär im Sozialministerium, für das Land – eine reizvolle Situation, übernimmt er doch im kommenden Jahr das Koblenzer Oberbürgermeisteramt. Statt auf die vom Theaterreferenten des Landes verfasste Rede verlässt er sich lieber auf die eigene Spontaneität, seinen familiären Hintergrund (die einstmals am Theater als Schauspieler engagierten Großeltern), den Inszenierungsgeschmack der Großmama und die grundsätzliche Aussagen, zum Theater Koblenz auch in Zukunft stehen zu wollen. Ob man wohl zum Vergleich noch einmal die Rede des Theaterreferenten einsehen dürfte?

Keine Fragen offen lässt der Auftritt der aus Südkorea stammenden Sopranistin Hana Lee. Mozarts „Entführung aus dem Serail“ eröffnete vor 230 Jahren das Koblenzer Theater, Hunderte Male ist seitdem die „Martern-Arie“ der Konstanze in diesem Raum erklungen – ob wohl viele Sängerinnen diese technische Brillanz und Perfektion erreichten?

Das aufgebotene achtköpfige Musikerensemble (Arrangement: Delamboye) kommt auch zur spektakulären Uraufführung „Supplicium breve“ zum Einsatz. Der neue Erste Kapellmeister Mino Marani hat das Stück für Sopran und acht Instrumente der höhensicheren Hana Lee in die furchtlose Kehle komponiert: Über einer geisterhaften Grundstimmung greift es eindrucksvoll das traditionelle Vorbild einer Zwiesprache von Stimme und Instrumenten auf und sprengt die trügerische Sicherheit ruhiger Tonflächen durch Tonhöhen-Achterbahnfahrten. Diese Aufgabe könnte nur von wenigen Sängerinnen weltweit bewältigt werden.

Dass der Abend zu diesem Zeitpunkt schon deutlich fortgeschritten ist, raubt der Rede des neuen Direktors des Deutschen Bühnenvereins, Marc Grandmontagne, einiges an Effekt. Allerlei Bedenkenswertes und in großem Umfang bietet er den ermatteten Geburtstagsgästen an – und etwa sein Schlenker in Richtung AfD und deren Angriffe auf die Kunstfreiheit erzielt kaum die Wirkung, die er verdient hätte.

Ausgerechnet „Trauermarsch“

Auf einer privaten Feier hätte man den antizyklisch platzierten Beitrag der vier Pianisten – ausgerechnet der „Trauermarsch“ aus der „Götterdämmerung“ – wohl gestrichen, hier leitet er über zu Thomas Anders: Wer ihn wegen Modern Talking schätzt, wird mit einer lateinamerikanisch rhythmisierten Version von „You´re My Heart...“ bedient. Als Überraschung hat der Sänger Musicalhits aus „West Side Story“, „Funny Girl“ und dem „Wizard of Oz“ im Gepäck. Und die zu diesem besonderen Anlass vom Theater angemietete, seit der "Cats"-Produktion bei Musicals im Großen Haus zum Einsatz kommende Verstärkeranlage erinnert bittersüß daran, wie umwerfend gute Tontechnik klingen kann.

Zum Abschluss lässt das Theater noch mal die Muskeln spielen – vor allem die des Ballettensembles, für das Ballettdirektor Steffen Fuchs zu „Goodbye For Now“ von Rigmor Gustafsson eine lebendig-unterhaltsame und originelle Choreografie geschaffen hat. Ballroom-Stimmung zur Livemusik des Meander Quartetts und mit der Sängerin Charlotte Irene Thompson: Ein heiter gestimmter Abschluss eines randvollen Feier-Abends.

Und so gibt der von Intendant Dietze gemeinsam mit Mitgliedern der Puppentheatersparte moderierte Geburtstag alles in allem die Antwort, warum man 230 Jahre Theater Koblenz unbedingt feiern muss: In 20 Jahren, wenn regulär ein Jubiläum ansteht, ist von all diesen großartigen Künstlern mit hoher Wahrscheinlichkeit keiner mehr in Koblenz tätig. Und wer im Publikum weiß schon, was dann sein wird? Der Geburtstag des Theaters, und nicht nur in Koblenz, wird an jedem Vorstellungstag begangen – in stets einmaligen, nicht wiederholbaren Erlebnissen. Herzlichen Glückwunsch!

Von unserem Kulturchef Claus Ambrosius

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