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Koblenz

Theater: Gegen rechts netzwerken und im Netz wirken

Claus Ambrosius

Wenn es von allen Seiten hektisch "Heimat!" ruft und am rechten Rand der Ruf nach "deutschen Stücken auf deutschen Bühnen" laut wird, ist es höchste Zeit für die Intendantengruppe des deutschen Bühnenvereins, sich mit der Rechtsaußen-Rhetorik und Reaktionen auseinanderzusetzen – wie jetzt beim Jahrestreffen der Theaterleiter in Koblenz.

Der Weimarer Intendant Hasko Weber.  Foto: Theater Koblenz
Der Weimarer Intendant Hasko Weber.
Foto: Theater Koblenz

Von unserem Kulturchef Claus Ambrosius

Kulturpolitik in Deutschland anno 2018: Eine „Pflicht, einen positiven Bezug zur eigenen Heimat zu fördern“, möchte die AfD in Sachsen-Anhalt, die dort seit April 2016 im Landtag sitzt, den Theatern verordnen. Ihr kulturpolitisches Programm sagt auch, wie das aussehen soll: „Klassische deutsche Stücke spielen und sie so inszenieren, dass sie zur Identifikation mit unserem Land anregen.“ Nicht nur in Sachsen-Anhalt formuliert die AfD Vorstellungen, die die Kunstfreiheit, sollten diese Pläne umgesetzt werden, deutlich einschränken würden.Solche und ähnliche Forderungen sind nicht neu – doch seit dem Einzug der AfD in die Landtage sehen sich Theaterleitungen auch direkt mit Vertretern der Partei in Aufsichtsräten und anderen Kontrollgremien konfrontiert. Was zuvor eine mehr oder weniger greifbare Teilmeinung der Gesellschaft war, sitzt manchem Intendanten jetzt qua Parteienproporz gegenüber. War dies ein Grund für die Intendantengruppe des Deutschen Bühnenvereins, sich bei der Sitzung im Theater Koblenz erneut mit dem Umgang mit rechten Ideologien auseinanderzusetzen?

Hasko Weber, Vorsitzender der Intendantengruppe und seit 2013 Generalintendant und Geschäftsführer des Deutschen Nationaltheaters und der Staatskapelle Weimar, möchte dieses Thema nicht speziell auf die AfD gemünzt wissen. Auch nicht die Anzeige, die eine Gruppe von 80 Unterzeichnern aus den Reihen der Intendantengruppe als private Initiative kurz vor der Bundestagswahl in der „Zeit“ geschaltet hatte: Sie sollte zu einem „offen politischen Diskurs“ aufrufen und damit den gesellschaftlichen Stellenwert aller Theater und Orchester der Bundesrepublik betonen. Das Ross ist genannt, den oder die Reiter mag sich jeder dazudenken.

Programmatik im Blick behalten

Dabei ist die direkte Auseinandersetzung etwa mit AfD-Vertretern in politischen Gremien die eine Seite: „Die AfD bewegt sich im durch Wahlen entstandenen Spektrum, so ist das in einer Demokratie, und da treffen wir auch auf ganz unterschiedliche Vertreter“, sagt Hasko Weber im Gespräch mit unserer Zeitung. „In Gesprächen mit ihnen ist oftmals viel Unkenntnis zum Thema Theater vorhanden, was erst einmal nicht schlimm ist. Wenn es aber programmatisch gefährlich wird wie bei der AfD Sachsen-Anhalt, muss man dagegen Position beziehen.“

Die kulturpolitischen Impulse der Partei seien noch überschaubar, aber: „Dahinter, und da müssen wir auch an einen Bereich wie die sogenannten Reichsbürger und die ,Identitären' denken, stehen Positionen, die mit Rassismus und Ausgrenzung zu tun haben und sich einer Wortwahl bedienen, die in den öffentlichen Raum hineinspielt.“ Wie beispielsweise die ständige Warnung vor einer angeblichen „Überfremdung“ Deutschlands – ein teils im öffentlichen Diskurs übernommener und dann auch kaum noch in seiner Absicht hinterfragter Begriff.

Markus Dietze, Intendant des gastgebenden Koblenzer Theaters, sieht bei diesem Thema Theater und Medien als „Geistesverwandte“: „Beide begegnen der Gesellschaft vornehmlich mit Sprache.“ Deswegen sei es wichtig, früh zu registrieren, wenn politische Strömungen „im Kern und im Hintergrund aktiv versuchen, das demokratische Gemeinwesen und die demokratische Verfasstheit dieses Staates abzuschaffen“. Schon mit der Bewusstheit, wie man über gesellschaftliche Phänomene spricht, könne man politisch mitgestalten – dazu referierte in Koblenz der Soziologe Dr. Matthias Quent vom Institut für Demokratie und Zeitgeschichte vor den Theaterleitern zum Thema „Besetzte Sprachräume – der schwierige Umgang mit rechten Ideologien“.

Dass dieser Umgang das gewohnte Verhältnis von Theater und Publikum verändern kann, haben alle Intendanten auf dem Schirm: Denn der Raum, in dem das Theater Stellung beziehen kann, ist von gewohnten Orten immer mehr ins Internet abgewandert. Und nicht zuletzt, weil aus dieser Form der Beteiligungs- zunehmend eine Beleidigungskultur geworden ist, haben sich die in Koblenz versammelten Theaterleiter auch zu Themen rund um die Digitalisierung ausgetauscht.

Dieser Bereich, der an den meisten Häusern gewöhnlich der Öffentlichkeitsarbeit zugeordnet wird, ist von Theater zu Theater ganz unterschiedlich ausgestaltet und ausgestattet – und er entwickelt sich rasend schnell, schneller, als Theater in diesen Bereichen etwa im Vergleich zur Privatwirtschaft Veränderungen umzusetzen gewohnt sind, wie Markus Dietze einräumt.

Praktische Fragen zu Social Media

Was heute noch wichtig, richtig und beherrschbar erscheint, kann im nächsten Jahr vergessen sein. „Wer weiß, vielleicht ist Instagram als Social-Media-Plattform schon bald passé“, berichtet Weber von diesem zweiten Schwerpunkt der Intendantensitzung. Wo Facebook heute steht, wo Twitter in einem Jahr stehen könnte: Solche und andere praktische Themen bestimmten in Koblenz einen auf Netzwerkstärkung zu Erkenntnisgewinn angelegten Austausch. Ein bemerkenswert uneitler Ansatz für Menschen, die – mit einer Machtfülle auf Zeit ausgestattet – von der Gesellschaft meist eher wahrgenommen werden als Einzelkämpfer, die im Alleingang Geschicke und künstlerisch-programmatische Leitlinien von 127 deutschen Theaterhäusern bestimmen.

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