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Luzern

Tatort-Preview: Vom Sterben und Töten – Schweizer "Tatort"-Kommissare klären Mord an Suizidbegleiterin auf

Es dürfte die bewegendste, berührendste, aufwühlendste Anfangssequenz eines „Tatorts“ in diesem Jahr sein: Fünf Minuten lang zeigt die Schweizer Regisseurin Sabine Boss, wie eine schwer an Parkinson leidende Frau den Weg in den Freitod geht.

Gegner der Sterbehilfe: Gleich zu Beginn des „Tatorts“ katapultiert der Film den Zuschauer mitten in die Debatte um die Suizidbegleitung. Vertreter von „Pro Vita“ greifen die Sterbehelfer von „Transitus“ an.
Gegner der Sterbehilfe: Gleich zu Beginn des „Tatorts“ katapultiert der Film den Zuschauer mitten in die Debatte um die Suizidbegleitung. Vertreter von „Pro Vita“ greifen die Sterbehelfer von „Transitus“ an.
Foto: ARD

Schonungslos, ohne falsches Pathos sieht der Zuschauer, was Sterbehilfe konkret bedeutet. Die Trauer der Tochter, die Angst der Mutter, die Bestimmtheit ihres Willens, aus dem Leben zu scheiden – in der Hoffnung auf Erlösung vom körperlichen Leid –, aber auch die Würde des Sterbens. Diese fünf Minuten gehen sehr nah. Selten zuvor konnte der Zuschauer in einem „Tatort“ das Sterben so intensiv mitempfinden wie in der Szene, in der die Frau den tödlichen Cocktail durch einen gläsernen Strohhalm trinkt.

Allein wegen dieser Anfangssequenz lohnt sich das Einschalten. Doch nach fünf Minuten kommt mehr. Vor dem Haus, in dem der Freitod mit Unterstützung dreier Mitarbeiter der fiktiven Sterbehilfeorganisation „Transitus“ geschehen ist, warten bereits die aufgebrachten Gegner von der Organisation „Pro Vita“. Nach zehn Minuten ist der Zuschauer inmitten der seit Jahren in der Schweiz tobenden Debatte um die sogenannten Suizidbegleiter. Das Geschäft der Sterbehilfe floriert im Land der Eidgenossen: 2015 haben die Schweizer Sterbehilfeorganisationen nach eigenen Angaben 1200 Menschen in den Tod begleitet – 30 Prozent mehr als im Jahr zuvor.

Unter ihnen dürften auch viele lebensmüde Deutsche sein – wie die Frau zu Beginn des „Tatorts“, die mit ihrer Tochter aus Köln angereist ist. Auch ihr Sohn ist in Luzern. Der psychisch kranke Martin Aichinger steht nach dem Tod der Mutter ebenfalls vor dem Haus. Dort attackiert er seine Schwester und die Sterbehelfer – er wünscht ihnen die biblischen Plagen an den Hals. Als in der folgenden Nacht Sterbehelferin Helen Mathys (Ruth Schwegler) niedergeschlagen und mit einem Plastiksack erstickt wird, gerät Aichinger unter Mordverdacht, zumal er mit vielen Tüten umherreist.

Foto: frei

Ins Visier der Kommissare Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) gerät aber auch der Chef der Sterbehilfeorganisation, der einst ein Verhältnis mit der Toten hatte. Und auch der schmierige, eitle und aalglatte „Pro Vita“-Chef Josef Thommsen (Martin Rapold) hat ein Motiv, wusste die Tote doch, dass seine Assistentin schwanger von ihm war, dem mehrfachen Familienvater. Und sie wusste, dass er seine Geliebte zur Abtreibung drängte, obwohl er doch für das Leben kämpft. Dann ist da noch der nierenkranke Mann, der als Einziger noch in dem Haus wohnt, wo gestorben wird. Er lebt direkt neben der Wohnung, in der die Sterbehilfeorganisation ihre Arbeit verrichtet.

Die Stärke dieses „Tatorts“ besteht darin, dass er sich nicht mit Themen überlädt. Ja, Flückiger hat eine neue Freundin. Evelyn. Und sie hebt seine sonst so grantige Grundstimmung deutlich. Doch dieses Thema streift der Film nur kurz. Er konzentriert sich ansonsten auf zwei Stränge: den Mordfall und die Diskussion um die Sterbehilfe. Spielt der Mensch Gott? Oder ist der selbst gewählte Tod die letzte große Freiheit des Menschen?

Die große Kunst der Regisseurin besteht darin, dass sie lange Zeit nicht wirklich Position bezieht. Und doch verknüpfen sich beide Stränge beim großen Finale wieder zu einem. Dann kristallisiert sich eine Haltung der Autoren heraus. Es geht ihnen um die düstere Faszination, die der Tod und der Suizid für Menschen ausstrahlen können. Dies kann Ausdruck einer krankhaften Lust sein oder einfach nur einer normalen Faszination, die jeden Sonntag Zuschauer beim „Tatort“ vor den Fernseher lockt.

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