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Koblenz

Tanzabend im Theater Koblenz: Ein Choreograf ist lebenslang auf der Suche

Claus Ambrosius

Was genau ist ein Choreograf? Theoretisch gesehen ist das einfach zu klären: die Person, die die Schritte für ein Ballett festlegt und somit die Choreografie bestimmt, kann sich mit diesem Titel schmücken. „Das wird in den verschiedenen Ländern aber sehr unterschiedlich gehandhabt“, erklärt Steffen Fuchs im Vorfeld des neuen „50 Grad“-Abends mit Werken junger Choreografen aus der Koblenzer Kompagnie. „Tatsächlich wird sich in den USA jeder als Choreograf bezeichnen, der einmal irgendetwas für Tanz geschaffen hat“, erklärt der Koblenzer Ballettdirektor. Für ihn geht die Bezeichnung aber viel weiter, ist eher Berufung als Tätigkeitsbezeichnung und ebenso universell wie die Profession des Malers oder eines Komponisten: „Wenn ich sage, ich bin Choreograf, dann klingt das sehr fertig – aber ich bleibe letzten Endes lebenslang ein Suchender.“

Auf dem Weg vom Tänzer zum Choreografen: Das ist auch Meea Laitinen, die sich mit „I Mean Every Word“ (Szenenfoto) beim Abend junger Choreografen im Theater Koblenz vorstellt. Heute ist Premiere.  Foto: Dielenhein/Theater Koblenz
Auf dem Weg vom Tänzer zum Choreografen: Das ist auch Meea Laitinen, die sich mit „I Mean Every Word“ (Szenenfoto) beim Abend junger Choreografen im Theater Koblenz vorstellt. Heute ist Premiere.
Foto: Dielenhein/Theater Koblenz

Nicht jeder will Choreograf werden

Fuchs selbst hat seine ersten Schritte als „ordnungsgemäßer“ Choreograf beim Leipziger Ballett unter der Direktion von Uwe Scholz gemacht, wo er lange Jahre als Solist engagiert war. Die Abende der „Jungen Choreografen“ bieten mittlerweile beinahe alle Ballett- und Tanzcompagnien an, doch längst nicht alle Tänzer wollen sich wirklich auch als Choreografen betätigen: Das, so Fuchs, sei eben etwas ganz anderes. Etwas, das natürlich im vollen Umfang mit Tanz zu tun hat, aber: „Es will ja auch nicht jeder Tänzer Ballettmeister werden. Oder jeder Orchestermusiker Dirigent.“

An seinen ersten eigenen Abend kann sich Fuchs noch gut erinnern, dieser stand unter dem Titel „Chopin und guten Abend“. Und, das wird niemanden verwundern, der mit dem Spektrum von Fuchs' Arbeit vertraut ist: „Und er war lustig, das Publikum hat gelacht.“ Dabei gab es bei der Vorbereitungsphase zeitweise ziemlich wenig zu lachen: Eigentlich wollte Fuchs das Stück für eine Kollegin choreografieren, hat es letztlich dann doch selbst getanzt. „Auch das war eine wichtige Erfahrung: Wir beide kamen sehr gut miteinander aus, waren befreundet – aber beim Arbeiten hat das nicht gut funktioniert“, berichtet Fuchs von dieser ersten Erfahrung eines grundlegenden Rollenwechsels.

Im Schulfach Gestaltung an der Ballettschule habe er zuvor eher kläglich versagt: „Da wurde Kreativität nicht wirklich gefördert. Und ich habe leider nie so gestaltet, wie es die Lehrerin gern gehabt hätte.“ Jahre später in Leipzig war die Chance bei den „Jungen Choreografen“ für Fuchs allerdings nicht der berühmte allererste und entscheidende Zündfunke für alles Weitere: „Ich weiß, das klingt sehr kitschig, wenn man es im Lebenslauf liest: Aber ich hatte die Lust darauf schon immer und habe beispielsweise für den Geburtstag meiner Mutter Programme gemacht.“

Eigener Tanz verändert sich

Für die allermeisten Tänzer aber, die erstmals als Choreografen arbeiten, verändert diese Erfahrung auch den eigenen Tanz grundlegend: Als Beispiel nennt Fuchs den seit fünf Jahren in Koblenz engagierten Michael Waldrop, der beim heute zur Premiere kommenden „50 Grad“-Abend zum wiederholten Male als Choreograf dabei ist. Waldrops eigener Tanz habe sich seither ganz entscheidend entwickelt. Und, so Fuchs, das schon über einen ganz wichtigen Schritt hinaus: „Er hat schon länger den Punkt erreicht, wo er nicht mehr wie ein Tänzer denkt und Ansagen macht, sondern ganz wie ein Choreograf.“ Das erkenne er auch daran, wie Waldrop mit den Anregungen umgegangen sei, die von den Gastchoreografen beim Abend „Gefallene Helden“ zum Saisonbeginn kamen.

Aber nicht nur bei Waldrop, sondern bei allen vier Ensemblemitgliedern, die sich heute unter dem, wie es Fuchs nach Ansehen der fertigen Werke ausdrückt, „eher lose aufgefassten Thema“ Vielfalt vorstellen, hat den Koblenzer Ballettdirektor Fuchs eine Sache besonders beeindruckt: Es gab bei den Proben von keinem langes Drumherum. „Sie sind alle vier sehr klar in ihren Ansagen und in dem, was sie erreichen wollen. Und das ist eine unheimliche Leistung, gerade, wenn man es zum allerersten Mal macht“.

Von unserem Kulturchef Claus Ambrosius
50°N 7°O: So lauten die geografischen Koordinaten des Theaters Koblenz – und bei den „50 Grad“-Tanzabenden erhalten einmal pro Spielzeit Mitglieder der Compagnie den nötigen Raum, sich mit ihrem kreativen Potenzial an eigenen Choreografien auszuprobieren. Mitglieder einer Ballettkompagnie kommen sehr oft aus aller Herren Länder. So heterogen ihre Entwicklungen als Künstler und Menschen verliefen, so verschiedenartig sind ihre Geschichten, die sie durch Bewegung erzählen wollen. Dabei entsteht eine Fülle von verschiedenen Arten, Formen oder Ähnlichem, in denen etwas Bestimmtes vorkommt, vorhanden ist, sich manifestiert oder – kürzer ausgedrückt: Vielfalt! So lautet das Überthema des neuen „50 Grad“-Programms.

Choreografen: Chiho Kawabata, Michael Waldrop, Ivan Kozyuk, Meea Laitinen

Tänzer: Clara Jörgens, Chiho Kawabata, Kaho Kishinami, Léa Perichon, Ami Watanabe, Arkadiusz Glebocki, Matheus da Silva Sousa, Michael Waldrop

Künstlerische Leitung, Dramaturgie und Moderation: Steffen Fuchs

Organisation: Pierre Doncq

Premiere am heutigen Donnerstag, weitere Vorstellungen am 8. und 16. Juni, Infos und Karten unter Tel. 0261/129 28 40
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