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Sonne im Herzen, aber nicht am Himmel: Seeed macht den Regentanz auf der Loreley

Goarshausen. Sonnenschein, T-Shirt-Wetter, ein schöner Sommertag mündet in einen lauen Abend. So hätte die ideale Szenerie für ein Konzert von Seeed auf der Freilichtbühne Loreley aussehen sollen, wenn die Berliner Truppe mit ihrem tanzbaren Mix aus Reggae, Dancehall, Rap und Pop schon mal an den Rhein reist. Allerdings blieb es beim Wunsch. Die meteorologische Realität sah am Wochenende gänzlich anders aus.

Seeed machte am Samstag mächtig Stimmung auf der Loreley. Mit ihrem tanzbaren Sound spielte die Band gegen den Regen an.  Foto: Tobias Lui
Seeed machte am Samstag mächtig Stimmung auf der Loreley. Mit ihrem tanzbaren Sound spielte die Band gegen den Regen an.
Foto: Tobias Lui

Von unserer Redakteurin Anke Mersmann

Es regnet in Strömen, als die Musiker der Band plus zwei zusätzliche Bläser auf die Bühne treten und gleich zu einem satten, von der vierköpfigen Bläsersektion dominierten Instrumental-Intro anheben. Dazu marschieren die Herren am Mikrofon ein, Pierre Baigorry alias Peter Fox, Demba Nabé und Frank Dellé. Im feinen Zwirn stellen sich die drei dem Publikum.

Trainingsanzüge

Tanzten Seeed in früheren Jahren in bunten Trainingsanzügen oder mit schrillen Hüten auf der Bühne herum, fällt die Wahl jetzt auf Anzüge. Diese schränken die drei allerdings nicht in ihrer Dynamik ein. Kaum mündet das Intro in die Melodie von "Augenbling", einem mit seinen Anleihen an orientalische Klänge extrem tanzbaren Song, werden Fox und Kollegen locker in der Hüfte, zeigen synchrone Schrittfolgen: Seeed ist bereit für den Regentanz.

Zu diesem Zeitpunkt haben die Besucher auf der seit Wochen ausverkauften Loreley schon diverse Schauer hinter sich – und eine famose Janelle Monáe im Vorprogramm. Die US-amerikanische Funk- und Soulsängerin gilt als eine der spannendsten jungen Künstlerinnen in diesem Genre, weil sie es mit einem eigenwilligen, ebenso tanzbaren wie emotionalen Mix aus Pop, Folk, Jazz und Hip-Hop locker-leicht erweitert.

Vorgruppe macht Lust auf mehr

Mit Prince ist einer der Superstars des 20. Jahrhunderts bekennender Fan und eine Art Mentor der 28-Jährigen. Auf der Loreley stellt sich Janelle Monáe, Markenzeichen üppige Haartolle, als Energiebündel mit glasklarer Soulstimme vor. Ihre Show, die optisch in Ausstattung und Bühnenbild voller Zitate an die frühen 70er-Jahre ist, verfolgt ein Großteil des Publikums jubelnd – was bei Vorbands nicht unbedingt die Regel ist. Und Janelle Monáe macht Laune auf noch mehr Tanzbares. Diesen Wunsch erfüllt Seeed.

Von der ersten Minute an hat die Band um die markanteste Stimme am Mikrofon, Peter Fox, die Loreley im Griff. "Augenbling" wird zum Startschuss für einen rasanten Ritt durchs Repertoire. Immer wieder ist der Fokus auf die vierköpfige, zackig spielende Bläsersektion gelegt und natürlich auf Bass, viel Bass. "Molotov" mit seinem rockigen Riff kommt da gleich noch einmal satter daher, die sich auf den Reggae besinnende aktuelle Single "Cherry Oh" pumpt sich druckvoll in den Abendhimmel.

Dabei machen Peter Fox und Konsorten mächtig Stimmung, treiben die Loreley an, hüpfen ein ums andere Mal von der Bühne auf große, davor stehende Würfel in den Regen, um dem Publikum näher zu sein. Handtücher kreisen über dem Kopf – ein Spiel, das irgendwann das ganze Publikum mitspielt. Regenjacken, Schals und Kappen rotieren im Regen. Ein tolles Bild, was sich da im Glanz der üppigen Lichtshow abzeichnet. Die Band spielt ein Set, das sowohl treuen Fans gerecht wird als auch jenen, die das Kollektiv vor allem übers Radio kennen. Seit 1998 sind etliche massenkompatible Songs wie "Augenbling", "Aufstehn/Rise & Shine" oder "Dickes B." als Hymne an die Heimatstadt Berlin über den Äther geschickt worden.

Sehenswerte Liveband

Dazu hat sich Seeed einen Ruf als sehenswerte Liveband erarbeitet – nicht nur in Deutschland. Europaweit füllt Seeed die Hallen und lockt Zehntausende vor die Bühnen der großen Open-Air-Festivals.

Seeed zieht, weil die Band live – so gut man sie auch zu kennen scheint, so häufig man sie bereits gesehen hat – stets musikalisch überrascht. So auch auf der Loreley. Etlichen Songs verpasst Seeed eine andere Version, "Dickes B." etwa singen sie zu Rhythmus und Melodie von M.I.A.s "Paper planes", die das Lied so prägenden Revolverschüsse klatscht das Publikum auf der Loreley euphorisch mit. Soft Cells Hit "Tainted love" remixt die Band mit ihrem Titel "Tight pants", die Menge tanzt und feiert. Das ist gut, das ist kreativ – und wird doch noch getoppt: Irgendwann zieht die Marching Band Cold Steel ein, die vier Trommler aus North Carolina verpassen dem satten Sound einen zusätzlichen Schub.

Obwohl derart verstärkt, verabschiedet sich Seeed nach gut 75 Minuten erstmals von der Bühne, auf die sie sich allerdings zweimal zurückklatschen lässt. Was danach bleibt: das Gefühl, eine gute Show gesehen zu haben. Aber letztlich auch leider Unmut über eine chaotisch geregelte Abfahrt von den Parkplätzen. Wieder einmal.

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