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    Koblenz

    So klingt Science-Fiction auf der Opernbühne

    Die Augen strahlen, die blonden Haare wippen dynamisch, als er mit großen Schritten ins Foyer eilt: Søren Nils Eichberg verbirgt die große Zufriedenheit mit dem, was er gerade bei der Generalprobe seiner Kammeroper „Glare“ im Koblenzer Theater erlebt hat. Die Science-Fiction-Oper erlebt dort am Samstagabend ihre deutsche Erstaufführung. Wir sprachen mit dem 43-Jährigen Deutsch-Dänen über Synthesizer im Orchestergraben und den Markt für zeitgenössische Komponisten und neue Pläne.

    Seit einem Projekt in Stendal verbunden: Komponist Søren Nils Eichberg und Intendant Markus Dietze. Foto:  M. Baus
    Seit einem Projekt in Stendal verbunden: Komponist Søren Nils Eichberg und Intendant Markus Dietze.
    Foto: M. Baus

    Herr Eichberg, in „Glare“ implodiert eine Beziehung, weil der Mann den Verdacht hegt, seine neue Freundin könnte ein Roboter sein. Und das hört man auch: Aus dem Graben klingt nicht nur das Orchester, sondern auch Techno-Beats, gruselige Horrorfilm-Klangeffekte, Geräusche wie aus Science-Fiction-Filmen: Wie funktioniert das?

    Diese Effekte werden alle live von einer Pianistin gespielt. Sie hat einen Rechner neben sich stehen, auf dem die Klänge, die ich gemacht habe, programmiert und live vom Keyboard aus spielbar sind.

    Ihr Werk wurde 2014 in London uraufgeführt – mit Umstellungen der Reihenfolge. In Koblenz spielt es im Bühnenbild, das auch für die Oper „The Fall of the House of Usher“ genutzt wird – wie gehen Sie mit Änderungen Ihrer Ideen um?

    Ich habe in der Probe in Koblenz zuerst durchaus kurz gewundert: Warum spielt das in einer Art Spukschloss? Aber dann habe ich den Zusammenhang mit dem anderen Stück verstanden, und das Ganze gewinnt so einen anderen, sehr morbiden Charme.

    Sie und Ihre Librettistin haben sich ja auch szenische Gedanken gemacht, in Koblenz wird eine Szene viel drastischer ausgeführt als von Ihnen erdacht, auch das Ende verändert: Stört Sie das?

    Das ist immer ein Wechselspiel. Szenisch ist das hier alles locker im Rahmen der selbstverständlichen künstlerischen Freiheit. Und auch sonst wünsche ich mir geradezu, dass Musiker meiner Partitur auf ihre Art begegnen. Viele Komponisten der Vergangenheit waren begeistert, wenn die Aufführenden Dinge angepasst haben – und auch ich will unbedingt, dass sich die Musiker in meiner Musik finden und sie sich zu eigen machen.

    Ihre Musik führt immer wieder mit Zitaten von Musikstilen und Stimmungen auf falsche Fährten – und auf einmal erklingt eine wunderbare, prachtvolle Sopranarie. Hat Ihnen die Kritik das schon als zu gefällig vorgeworfen?

    Natürlich, aber das ist generell mit meiner Musik so. Ich komme eher vom Musikerblickwinkel her. Ich habe zuerst Klavier studiert, dann Dirigieren – und das Komponieren kam viel später. Ich wollte sogar lange nicht Komposition studieren, um mir nichts kaputt zu machen. Ich möchte einfach gern Musik machen. Natürlich muss man dann bei einer neuen Oper nach Stoffen suchen, damit keine Gefahr besteht, dass es zu banal wirken könnte.

    Stark verkürzt, könnte man meinen: Als qualitätsvoll wird im Feuilleton gehandelt, was kaum zu verstehen ist und Theaterzuschauer eher befremdet. Wenn ein Komponist wie Sie aber auch tonale Passagen einflicht und nicht nur die Musiker, sondern auch die Zuhörer daran Freude haben können, gilt das beinahe als ehrenrührig ...

    Ein Standardkommentar, den ich oft höre, lautet: „Ich mag normalerweise keine Neue Musik. Aber Ihre ...“ Das ist mir ehrlich gesagt lieber als andersherum.

    Nun spielen Opernhäuser im Gegensatz zu Schauspielbühnen nur wenige aktuelle Stücke, der Markt ist übersichtlich. Wenn Sie ausschließlich vom Schreiben von Opern leben müssten: Wie viele Aufträge bräuchten Sie dazu?

    Das kommt darauf an, wie hoch sich das von Fall zu Fall hinaufschaukelt. Wenn eine Oper von vier oder gleich fünf großen Häusern in Auftrag gegeben wird, etwa für die Komponistin Kaija Saariaho, dann reicht sicher ein Auftrag alle sechs Jahre. Mir würde ein Auftrag alle zwei Jahre reichen, andere bräuchten mehr – wobei mehr als eine Oper alle zwei Jahre beinahe nicht zu schaffen ist.

    Viele neue Stücke kommen über die Uraufführung nicht hinaus – Sie überschreiten jetzt mit „Glare“ diese wichtige rote Linie. Wie kommen Sie nach Koblenz, wie Koblenz zu Ihnen?

    Der Koblenzer Intendant Markus Dietze hatte den unglaublichen Mut, an seiner vorherigen Wirkungsstätte Stendal ohne eigene Musiksparte eine Oper in Auftrag zu geben. Zur Tausendjahrfeier der Nachbarstadt Tangermünde hatte die Stadt etwas Geld in der Hand, Dietze wusste, dass ich an Fontanes Stoff um Grete Minde arbeitete – und so wurde eine Oper daraus, für die er Sänger, den Dirigenten und ein Orchester heranholte. Da war klar, dass ich nach der Premiere in London mit ihm sprach, und er hatte die Idee, das Stück mit Glass' „Fall of the House of Usher“ zu verschränken. Dafür bin ich ihm unheimlich dankbar – auch, weil ich mein Stück hier erstmals in der Reihenfolge gespielt sehe, wie ich es geplant hatte!

    Und doch werden Sie Dietze untreu: Zur Probe kamen Sie mit Uwe Eric Laufenberg, dem Wiesbadener Intendanten. Was ist denn am Hessischen Staatstheater geplant?

    Ich kann schon sagen, dass es eine große Oper wird, mit vielen Solisten, Chor und Orchester, und im September Premiere hat. Mehr wird erst kommende Woche verraten!

    Das Gespräch führte Claus Ambrosius

    Für die Premiere am heutigen Samstagabend um 19.30 gibt es noch Karten an der Abendkasse. Info unter www.theater-koblenz.de

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