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Dresden/Mainz

Silvesterkonzert in Dresden: Jahreswechsel mit Nazi-Propagandamusik

Die Übertragung des Silvesterkonzertes aus der Semperoper sorgt schon vorab für Aufsehen – wenn auch anders als geplant. Angekündigt ist die Staatskapelle unter Leitung ihres Chefdirigenten Christian Thielemann mit einem Programm zum Jubiläum der Ufa, die seit 100 Jahren Filme produziert. Eine harmlos klingende Einladung zu einer Reise ins „Hollywood Deutschlands“.

Star in „Die große Liebe“ von 1942, dem erfolgreichen NS-Propaganda-Spielfilm der Ufa: Zarah Leander.  Foto: dpa
Star in „Die große Liebe“ von 1942, dem erfolgreichen NS-Propaganda-Spielfilm der Ufa: Zarah Leander.
Foto: dpa

Die Programmankündigung auf der ZDF-Internetseite aber ist alles andere als harmlos. Zuerst hat der Kulturjournalist Manuel Brug in der „Welt“ darauf aufmerksam gemacht – für seinen Text unter der Überschrift „Ufa und SS“ hagelte es kritische Onlinekommentare, sinngemäß: Was kann bitteschön die Musik dafür, in der Nazizeit missbraucht worden zu sein?

Von einem Missbrauch zu reden, wie man es etwa bei von Hitler hochgeschätzten Wagner-Werken tut, wäre hier verfehlt: Schließlich stammen einige Titel des Silvesterkonzertes aus lupenreinen Propagandafilmen. Offenbar kein Problem für das ZDF, das sich zu Sätzen wie „Auch eine scheinbar unpolitische Unterhaltung zeigt immer ein Wertebild“ versteigt. Verharmlosung pur – oder ist der Filmmoment „unpolitisch“, in dem Filmdiva Zarah Leander vor erfreut mitsingenden Wehrmachtssoldaten und SS-Angehörigen im Propagandafilm „Die große Liebe“ von 1942 das Durchhaltelied „Davon geht die Welt nicht unter“ intoniert?

Ein gewisses Problempotenzial scheint man auch beim ZDF zu erahnen: „Dieses Konzert ist für das ZDF und die Künstler eine reflektierte und kritische Auseinandersetzung mit den ,Filmträumen' der Vergangenheit und den ,Misstönen' deutscher Historie“, heißt es. Die Nazizeit als „Misston“ deutscher Historie zu bezeichnen, wäre eine exklusiv neue Erinnerungskultur auf dem Mainzer Lerchenberg. Wie aber eine „reflektierte“ und „kritische“ Auseinandersetzung ausgesehen hat oder aussehen wird, wird das Konzert weisen. Womöglich wird ja nach den Berichten im Vorfeld einiges an Erklärung eingefügt. Aber ist das Silvesterkonzert der richtige Ort für Geschichtsunterricht?

Immerhin soll das Konzert mit einem Werk von Erich Wolfgang Korngold (1897–1857) beginnen: Nach bedeutenden Opernwerken wie „Die tote Stadt“ und „Violanta“ komponierte er, dem aufziehenden Faschismus seiner Heimat entkommend, zahlreiche bedeutende Filmmusiken für Hollywood und konnte wegen ihrer jüdischen Herkunft verfolgte Familienmitglieder rechtzeitig nachholen. Auch dies nur ein „Misston“ der deutsch-österreichischen Historie?

Enden soll das „nostalgische“ Ereignis mit „Musik, Musik, Musik“ aus dem Revuefilm „Hallo, Janine!“ von 1939. In dem braucht Marika Rökk bekanntlich „keine Millionen“, ihr „fehlt kein Pfennig zum Glück“. Hinter vorgehaltener Hand sang man im Untergrund zu dieser Melodie „Wir brauchen keine Kanonen, uns fehlt kein Weltkrieg zum Glück, wir wollen weiter nichts als nur zurück, zurück, zurück“. Aber solche Misstöne will man beim Öffentlich-Rechtlichen wohl höchstens noch dem Arte-Publikum in Themenabenden nachts um halb drei zumuten.

Von unserem Kulturchef Claus Ambrosius

Berlin/Dresden/Wien. Kein Jahreswechsel ohne Musik: Konzerte zu Silvester und Neujahr gehören nicht nur bei großen Orchestern zum Standardrepertoire. Die großen drei schaffen es ins Fernsehen – und deswegen richten sich auch in diesem Jahr die Blicke und Ohren von Millionen von Musikfreunden auf das Geschehen in Berlin, Dresden sowie in Wien. Die Sächsische Staatskapelle Dresden und ihr Chefdirigent Christian Thielemann widmen sich nach mehreren Ausflügen in die Welt der Operette diesmal der Filmmusik (siehe Bericht auf dieser Seite). Solisten in Melodien aus Ufa-Filmen wie „Die drei von der Tankstelle“, „Der blaue Engel“ und „Tanz auf dem Vulkan“ sind Angela Denoke, Elisabeth Kulman und Daniel Behle. Das Konzert wird am Silvestertag ab 17.30 Uhr live im ZDF übertragen.

Bei den Berliner Philharmonikern tritt Sir Simon Rattle zum letzten Mal als Chef der Berliner bei ihrem traditionellen Silvesterkonzert ans Pult. Stargast ist die amerikanische Mezzosopranistin Joyce DiDonato, die unter anderem Orchesterlieder von Richard Strauss aufführt. Auf dem Programm stehen auch Werke von Dvorák, Strawinsky, Bernstein und Schostakowitsch. Das Konzert wird am 31. Dezember in mehr als 230 Kinos in Europa live übertragen, ab 18.45 Uhr ist es zeitversetzt im Kulturkanal Arte zu sehen.

Der Publikumsrenner bleibt das Konzert der Wiener Philharmoniker am Neujahrstag. Es wird in mehr als 90 Ländern ausgestrahlt – in Deutschland vom ZDF ab 11.15 Uhr – und soll über 50 Millionen TV-Zuschauer erreichen. Im Programm dreht sich natürlich fast alles um Werke aus der Strauß-Familie, am Pult steht bereits zum fünften Mal Maestro Riccardo Muti.

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