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Berlin

René Kollo: Statt zum Musical ging es zur Oper

Frühe Prominenz erlangte René Kolle in den 60ern mit dem Schlager "Hello, Mary Lou" – im selben Jahrzehnt startete seine Karriere als führender Bayreuther Wagner-Tenor. Am 20. November wird der Spross einer Berliner Musikerdynastie 80 Jahre alt.

Von „Hello, Mary Lou“ bis zu Wagners „Tristan“: René Kollo  Foto: dpa
Von „Hello, Mary Lou“ bis zu Wagners „Tristan“: René Kollo
Foto: dpa

Wenn man in Deutschland nach Besonderheiten im Kulturleben sucht, fällt einem diese eine sofort vor die Füße: Die Unterscheidung von ernster und unterhaltender, also E- und U-Musik, wird hierzulande verbissener hochgehalten als anderswo. Und das nicht mal nur vom Kulturbetrieb allein, sondern auch und gerade von Teilen des sich auf der „E“- als vermeintlich besseren Seite wähnenden Publikums. Davon ein Lied singen konnten in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Künstler der Klassikszene, die Abstecher zu vermeintlich leichteren Musen wagten und deren künstlerische Integrität deswegen angezweifelt wurden.

Trotzdem gibt und gab es diese Karrieren über vermeintliche Grenzen hinweg: René Kollo, der am 20. November seinen 80. Geburtstag feiert, ist wohl das prominenteste Beispiel dafür. Als Spross einer Operettendynastie hat er sich in seiner Laufbahn auch diesem Genre von der klassischen Operette bis zu den Hits aus Berliner Operetten seines Großvaters Walters und seines Vaters Willi gewidmet – der Karrierestart aber kam ganz unerwartet mit einem Schlager.

Für die deutsche Version des Ricky-Nelson-Titels „Hello, Mary Lou“ suchte die Plattenfirma Polydor 1961 einen geeigneten Sänger – der sich in Jazzkellern die Ausbildung verdienende junge Kollo, der optisch als blitzsauberes Teenieidol und auch als Schwiegermutterliebling durchging, feierte damit einen Überraschungserfolg und versuchte sich in den Folgejahren auch zweimal, zuletzt 1965, beim deutschen Vorentscheid zum Eurovision-Schlagerwettbewerb.

Im gleichen Jahr aber wurden die Karriereweichen neu gestellt: Parallel zu einer Schauspielausbildung hatte René Kollo Gesangsstunden genommen, um sich möglicherweise im Musicalbereich weitere Chancen zu erschließen. Seine Gesangslehrerin, eine ehemalige Opernsängerin, erkannte das Potenzial der kräftigen, dabei klangschönen Tenorstimme und bildete sie konsequent aus. Nach einem ersten, auf Anhieb erfolgreichen Vorsingen begann René Kollo als Opernsolist in Braunschweig. Die Chemie stimmte nicht zwischen dem selbstbewussten Jungsolisten und der Theaterleitung – und auf der Bewerbungstour bekam Kollo, dann aber zum letzten Mal, eine Absage aufgrund seiner Schlagervergangenheit.

Die Deutsche Oper am Rhein erkannte das Talent, dann ging es Schlag auf Schlag: Bereits 1968 wurden die Wagnerfestspiele in Bayreuth auf ihn aufmerksam, testeten Kollo 1969 als Steuermann im „Holländer“ und als einen der „Meistersinger“ aus – und übertrugen ihm umgehend große Aufgaben, die ihm als noch jungen Sänger in die Spitzenphalanx des schweren Heldentenorfachs katapultierten.

Elf Vorstellungen als Siegfried, fünf als Parsifal, neun als Walther von Stolzing in den „Meistersingern“, dreizehn als Lohengrin, acht als Tristan: Bis 1985 zählte Kollo zu den Stars auf dem Grünen Hügel – bis zum großen „Tannhäuser“-Skandal. Eine dreiviertel Stunde vor der Premiere sagte der Tenor wegen Heuschnupfens ab, der Ersatzkollege musste kurzfristig einspringen. Eine Krisensituation, die das Verhältnis mit der Festspielleitung zerstörte und Kollos Arbeit in Bayreuth beendete.

Aber die Wagner-Welt besteht ja nicht nur aus Bayreuth: In der legendären „Ring“-Inszenierung Götz Friedrichs an der Deutschen Oper Berlin und in vielen weiteren Produktionen weltweit stand René Kollo als Wagner-Held auf der Bühne, zuletzt 2000 als Tristan. Seine besten Zeiten, die grob die 70er-Jahre umspannen, sind etwa in einer immer noch legendären „Tannhäuser“-Aufnahme unter Leitung von Sir Georg Solti und auf weiteren Einspielungen dokumentiert. Und noch viele Jahre länger nahm Kollo Platte um Platte auf, „elf Regalmeter“, wie er betont, die er frühestens mit 90 mal durchhören möchte.

Hadern mit heutiger Opernwelt

In Charakterrollen des Opernrepertoires und mit Konzerttourneen war der Sänger noch lange unterwegs, gab als Schauspieler den „Jedermann“ in Berlin. Mit der Opernwelt, zu dessen Großen er lange gehörte, hadert er: Kollo reiht sich ein in die Gruppe derjenigen, die gegen „Regietheater“ wettern, und er betont bei jeder sich bietenden Gelegenheit, die goldenen Jahre der Oper miterlebt zu haben, die nie mehr zurückkehren. Über die Verbitterung, nicht mehr gefragt zu sein, obwohl man sich noch im Vollbesitz der Kräfte wähnt, ist bei jedem Interview viel herauszuhören – in seinen Memoiren „Mein Leben und die Musik“ gibt es zusätzlich auch viel Aufschlussreiches über das Musikgeschäft in Deutschland über Jahrzehnte und Generationen hinweg zu erfahren.

Claus Ambrosius

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