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Koblenz

Poetische Erkenntnis: Die Welt ist ein Dorf

Das Dorf scheint in der Gegenwartsliteratur beliebter denn je, ganz unabhängig von massenweise Regionalkrimis oder Historienromanen, die in die Buchläden drängen.

Norbert Scheuer
Norbert Scheuer
Foto: dpa/Picture Alliance

Etwa Mariana Lekys Roman „Was man von hier aus sehen kann“, der erst kürzlich zum Lieblingsbuch unabhängiger Buchhandlungen gewählt wurde, oder Juli Zehs „Unterleuten“ entfalten große Gesellschaftspanoramen im Kleinen, auf der Mikroebene Dorf. Zur alten Schule dieser Sparte gehört Norbert Scheuer. Der 1951 in Prüm geborene Schriftsteller spannt seine Romane – der erste von bislang sechs erschien 1999 – stets an einem Ort auf: Kall in der Eifel. In gewisser Weise schreibt Scheuer Heimatliteratur, doch jene der unverkitscht-fantastischen, von Kritikern hochgelobten Art.

Einen Einblick in sein aktuelles Buch „Am Grunde des Universums“ gab er jetzt in der Stadtbibliothek Koblenz aus besonderem Anlass: dem 190. Geburtstag der Einrichtung. Im Zentrum des Jahrestages sollte bewusst kein offizieller Festakt stehen, sondern die Literatur selbst, erklärt Bibliotheksleiterin Susanne Ott.

Ein fast magischer Ort

Und Scheuer, der 2000 den erstmals ausgelobten Koblenzer Literaturpreis erhielt, 2009 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand und 2015 für den Leipziger Buchpreis nominiert war, nahm ihre Einladung ohne zu zögern an. „Ich mag Bibliotheken. Ein- bis zweimal in der Woche besuche ich die in Köln“, sagt er, immer lächelnd. Für ihn seien Bibliotheken fast magische Orte, weil sie einen Fleck der Stille und Ruhe inmitten pulsierender Städte bilden. Ein stimmiges Bild auch für den Koblenzer Zentralplatz.

Will man darüber hinaus ein verbindendes Element zwischen Scheuer und dem Anlass finden, so mag es deren Türöffnerfunktion sein. Die Poesie Scheuers zeigt, wie Geschichten aus einem scheinbar geschlossenen Raum, dem Dorf Kall, Fenster in die Welt öffnen, eben so wie eine Bibliothek über Jahre zwischen etlichen Buchdeckeln Wissen und Fantasien sammelt, die die Horizonte ihrer Besucher weiten. Scheuer gelingt das sogar derart gut, dass inzwischen Reisegruppen das Kall seiner Bücher entdecken wollen. „Natürlich ist es aber ein fiktiver Ort“, kommentiert er das Phänomen. Und doch werden die Suchenden in seinen Augen fündig: „Das ist die Eigentümlichkeit der Literatur, sie bildet eine Fantasiewelt, die man in die wirkliche Welt mitnimmt. Deswegen meint man, alles wiederzuerkennen.“

Wie etwa die Kaller Cafeteria in einem Supermarkt, in der Scheuer sein großes Figurenensemble aufspannt. Sie ist das eigentliche Dorfzentrum, weil Klatsch und Tratsch hier ankern. Er wird von den „Grauköpfen“ ausgetauscht, dem Ältestenrat Kalls, Männer im Ruhestand. „Die Grauköpfe sind eine fünf- bis zehnköpfige Hydra, der nichts entgeht, die immer dort ist, wo in Kall und Umgebung gerade etwas abgerissen oder gebaut wird. Sie wissen über alles Bescheid“, liest Scheuer und erklärt: „Sie haben die Funktion eines griechischen Chores, kommentieren alles und jeden.“ Etwa die übergeordneten Erzählstränge: Im Ort soll ein Stausee ausgebaut und ein Ferienpark errichtet werden. Damit schreibt Scheuer seinem Roman eine politische Tiefenebene ein – die Profitgier, die viele Kaller umtreibt. Das Motiv des sich Bereicherns bildet eine Konstante in „Am Grunde des Universums“ und in Scheuers Literatur generell, jedoch nicht in rein materieller Hinsicht.

Grenzen stetig abschreiten

Bilder der Grenzüberschreitung, der Flucht aus dem Vertrauten finden sich immer wieder. Scheuers Figuren arbeiten sich am Verschieben, Vergrößern der eigenen Horizonte ab. Etwa wie Gregor, der plant, den Atlantik in einem Faltboot zu überqueren, oder auch Lünebach, der mit einem Raumschiff ins Universum aufbrechen will. Fantastische, mystische und mythische Nebenschauplätze wie diese eröffnet Scheuer, als seien seine kleinen Geschichten Träume, die man nach dem Aufwachen wieder vergessen hat, so hat er es in einem Interview einmal gesagt.

Warum das Dorf Kall für diese Träumereien immer wieder der geeignete Schauplatz ist? „Nun ja, es ist eine anthropologische Konstante, dass man es als Mensch nur mit einer begrenzten Anzahl an Personen aufnehmen kann. Es ist egal, ob eines meiner Bücher in Berlin oder New York spielen würde, auch diese Städte werden im Figurenensemble eines Romans zum Dorf.“

Von unserer Redakteurin Melanie Schröder

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