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Perspektiven auf die heutige Männlichkeit: Der schwule Mann

Wolfgang M. Schmitt

Wer von moderner Männlichkeit spricht, darf vom schwulen Mann nicht schweigen. Nicht, weil die neuen Männer alle homosexuell sind, sondern weil schwule Männer, wie der Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch sagt, heute eine „Vorreiterrolle“ einnehmen. Es sei nicht übertrieben, „davon zu sprechen, dass die Heterosexualität homosexualisiert worden ist“. Doch was meint der ehemalige Direktor des Frankfurter Instituts für Sexualwissenschaft damit?

Der Mann von heuteIn einer Serie haben wir das Thema Mann und Männlichkeit in der Gegenwart beleuchtet – alle Teile finden Sie unter www.rhein-zeitung.de/kulturTeil 1: Der verunsicherte MannTeil 2: Der schöne MannTeil 3: Der schwule MannTeil 4: Der zornige MannTeil 5: Der tugendhafte Mann
Der Mann von heuteIn einer Serie haben wir das Thema Mann und Männlichkeit in der Gegenwart beleuchtet – alle Teile finden Sie unter www.rhein-zeitung.de/kulturTeil 1: Der verunsicherte MannTeil 2: Der schöne MannTeil 3: Der schwule MannTeil 4: Der zornige MannTeil 5: Der tugendhafte Mann

„Die Pluralisierung zum Beispiel und die öffentliche Inszenierung. Sie waren die Ersten, die gleichzeitig treu und untreu leben konnten. Das gab es vorher nie – öffentlich Sex neben der Beziehung leben.“ Weil es kein tradiertes Modell – wie etwa die bürgerliche Ehe für Heterosexuelle – gab, dem Homosexuelle unhinterfragt folgen konnten beziehungsweise mussten, und weil Homosexualität lange Zeit nur im Verborgenen gelebt werden durfte, bildeten sich neue Formen des Zusammenlebens heraus, die die mit dem Bürgertum aufkommende Verbindung von Liebe und Sexualität infrage stellen oder zumindest als nur eine mögliche Alternative unter vielen erscheinen lassen.

Der heterosexuelle Mann von heute kann sich – wenn auch eher unbewusst oder unfreiwillig oder gar widerwillig – an schwulen Lebensmodellen orientieren, ist doch das eigene – man denke an die hohe Scheidungsrate, an Bindungsängste und an den Markt der Liebesmöglichkeiten im Netz – zunehmend brüchig geworden. Die neue Unübersichtlichkeit für den Heterosexuellen ist für den Homosexuellen eine recht vertraute, mit der er sich arrangiert hat, ja, die er sich bisweilen lustvoll zunutze macht. Doch nicht nur in dieser Hinsicht bilden schwule Männer die Vorhut, der die anderen folgen.

Die Erfindung der Homosexualität

Sigusch erklärt in seinem exzellenten Buch „Neosexualitäten“ (Campus-Verlag), dass der schwule, einstmals subversive Lebensstil nach und nach die Mitte der Gesellschaft erreicht hat: „Schwule haben uns auch gelehrt, dass ein Mann mehr als zwei Feinrippunterhosen haben kann, sie haben den männlichen Körper kommerzialisiert und brachten uns bei, ihn zu schmücken und zu präsentieren, auch als Sexualkörper. Auch an der Berufsfront haben Schwule immer so agiert, wie es heute gefordert wird – flexibel, ohne starre Familienbindung, universell einsetzbar.“ Eine im buchstäblichen wie im übertragenen Sinne erstaunliche Karriere.

Dabei ist die Homosexualität eigentlich eine relativ junge „Erfindung“. Natürlich gab es immer schon gleichgeschlechtliche Liebe, doch der Begriff und die damit verbundenen Definitionen und Repressionen entstehen erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Und zwar in Deutschland. In seiner hervorragenden Studie „Das andere Berlin“ (Siedler-Verlag) zeigt der Historiker Robert Beachy, wie Berlin zu einem „schwulen Eldorado“ in Europa wurde. An der Spree gab es Dutzende, wenn nicht Hunderte Lokale für Homosexuelle – dabei balancierte man stets auf der Grenze zwischen Legalität und Illegalität.

Bemerkenswerterweise sorgten aber gerade das homosexuellenfeindliche preußische Sodomiegesetz und die Kriminalisierung gleichgeschlechtlicher männlicher Liebe dafür, dass überhaupt über Homosexualität gesprochen, sie definiert wurde und sich Schwule aus Protest öffentlich zu ihrer Neigung bekannten, unterstützt von Intellektuellen, die sich mit ihnen solidarisierten. Verbote sind nie nur Verbote, denn das Aussprechen eines Verbots macht immer auch etwas überhaupt erst sagbar. Wer den Film „Cabaret“ mit Liza Minnelli gesehen hat, bekommt eine Ahnung von diesem anderen Berlin, das erst durch den Nationalsozialismus ausgelöscht wurde – wenngleich es auch homosexuelle Nazis gab.

Die Ehe für alle

Aber Berlin war nicht Deutschland, deshalb ist die Karriere der Homosexualität besonders beachtlich. Wurden schwule Männer vor nicht allzu langer Zeit noch diskriminiert, inhaftiert oder – wie im Nationalsozialismus – sogar getötet, sieht dies in der Gegenwart radikal anders aus: Zweifellos gibt es noch immer Homophobie und Vorurteile in der Gesellschaft, in Familien und Institutionen, auch werden schwule Jungs in Schulen nicht selten gemobbt, doch mit einem gewissen historischen Abstand betrachtet, ist der Aufstieg des homosexuellen Mannes aus der Subkultur in den Mainstream enorm – und scheint am 1. Oktober des vergangenen Jahres einen vorläufigen Höhepunkt erreicht zu haben, als die Ehe für alle in Kraft trat.

Das aber sehen nicht alle so, und damit sind nicht Neurechte und Neokonservative gemeint, die am liebsten die Uhr der Geschichte zurückdrehen würden. Manche Schwule befürchten, die Ehe für alle könnte sich als Pyrrhussieg herausstellen. Zwar hat die Schwulenbewegung über Jahrzehnte hinweg für gesellschaftliche Anerkennung gekämpft, aber lag das Ziel wirklich darin, so zu werden wie die Heterosexuellen? „Jetzt schreitet die Heterosexualisierung der Homosexualität voran“, schreibt Sigusch. In der Tat ist es nicht allzu verwunderlich, dass viele Konservative die Ehe für alle befürworten, steckt dahinter doch zugleich ein gewisser Normalisierungsdruck, der Schwule in bürgerlich konforme Bahnen schiebt.

Der Mann von heute
Unser Reporter Wolfgang M. Schmitt beleuchtet in einer fünfteiligen Serie das Thema Mann und Männlichkeit in der Gegenwart. Folgende Teile erwarten Sie:

Teil 1: Der verunsicherte Mann
Teil 2: Der schöne Mann
Teil 3: Der schwule Mann
Teil 4: Der zornige Mann
Teil 5: Der tugendhafte Mann

Nicht nur der Philosoph Herbert Marcuse wies im Zuge von 1968 bereits darauf hin, dass Toleranz eine repressive Seite haben kann, ebenso ließ Jahre zuvor Jean Cocteau den schwulen Ich-Erzähler in „Das Weißbuch“ am Ende sagen: „Dank des Strafgesetzbuches, das seit Napoleon und dem Lebenswandel des Chefs seiner Justiz, Cambacérès, noch immer gilt, bringt mich dieses Laster in Frankreich nicht ins Gefängnis. Aber ich dulde nicht, daß man mich toleriert. Dafür bin ich zu verliebt in die Liebe und in die Freiheit.“

Auch die Schwulen darf man sich insofern als verunsicherte Männer vorstellen: Unsicher, aufgrund der neuen Sicherheit, die der Hafen der Ehe bieten soll. Die Verunsicherung, wie denn nun zu leben sei, könnte künftig noch größer werden, wenn es um die Frage nach Kindern geht. Immer lauter werden Stimmen Homosexueller, denen das Adoptionsrecht nicht genügt und die überdies das Konzept der Leihmutterschaft befürworten. Frauen – oft aus prekären Verhältnissen, häufig aus Indien – tragen dann für das schwule Doppelverdienerehepaar Kinder nach Wunsch aus.

Elton John inszeniert sich zum Beispiel mit seinem Partner und seinen von einer Leihmutter ausgetragenen Kindern gern als moderne Familie. Der ebenfalls schwule Modemacher Domenico Dolce (von Dolce & Gabbana) erntete heftige Kritik, als er über Johns Familienkonstrukt sagte: „Ich bin schwul, ich kann keine Kinder haben. Ich denke, man kann nicht alles im Leben haben.“ Dabei ist dies eine Erkenntnis, die nicht nur homo-, sondern auch heterosexuellen Männern helfen könnte. Nur weil alles möglich ist, muss Mann nicht alles Mögliche machen.

Von unserem Reporter Wolfgang M. Schmitt
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