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    NS-Kunstraub oder nicht? Der Fall Gurlitt in Bonn

    Die Gurlitt-Schau in Bonn wirft ein Schlaglicht auf den Kunstraub der Nazis. Zu sehen sind 250 Werke – von Cranach, Dürer, Monet und Degas, doch die Kunst ist nicht das Huaptaugenmerk dieser Schau. Vielmehr geht es um die Versachlichung einer skandalträchtige Debatte.

    Gurlitt-Schau in Bonn bringt Licht ins Dunkel: Anhand von 250 Werken können Besucher das Feld der Provenienzforschung – der Ermittlung der Herkunft von Kunst – aus nächster Nähe erfahren.
    Gurlitt-Schau in Bonn bringt Licht ins Dunkel: Anhand von 250 Werken können Besucher das Feld der Provenienzforschung – der Ermittlung der Herkunft von Kunst – aus nächster Nähe erfahren.
    Foto: dpa

    Diesmal ist es anders als bei üblichen Ausstellungsbesuchen: Richtet sich der Blick sonst zunächst auf das Werk und dann auf die dazugehörige Beschriftung daneben, ist es in der Ausstellung „Bestandsaufnahme Gurlitt“ in der Bundeskunsthalle Bonn nun umgekehrt. Die Schau lädt nicht zum unbedenklichen Kunstgenuss ein, auch wenn Bilder von so bekannten Künstlern wie Albrecht Dürer, Henri de Toulouse-Lautrec oder Max Beckmann zu sehen sind; sie will vielmehr aufklären und die Geschichten hinter den Gemälden, Zeichnungen, Grafiken und Skulpturen erzählen, die der Kunsthändler Hildebrand Gurlitt (1895–1956) zu einem beträchtlichen Teil während der Nazizeit erworben hatte. Es sind Geschichten, die erschüttern, ja, bisweilen fassungslos machen.

    Gurlitt fungierte, obwohl er selbst durch seine Großmutter jüdischer Herkunft war und die moderne Kunst überaus schätzte, während des „Dritten Reichs“ als Ankäufer für Hitler persönlich. Gurlitt profitierte direkt von dem Schicksal der Juden, die vor den Konzentrationslagern aus Deutschland fliehen mussten und gezwungen waren, ihre Bilder deutlich unter Wert zu verschleudern. Doch nicht jeder Kauf, den Gurlitt tätigte, war illegitim – auch wenn die Ausstellung auf die Marke „Gurlitt“ setzt und er damit auf den ersten Blick als alleiniger Täter erscheint, wird beim Gang durch die große Ausstellung schnell klar, dass das System Kunstmarkt damals hochkomplex war und einfache Schuldzuweisungen kaum möglich sind.

    Geld stinkt nicht

    Kollaborationen und Machenschaften gab es viele, und Kaiser Vespasians Bonmot „Geld stinkt nicht“ war offenbar auch während der NS-Zeit in aller Kunsthändlermunde. Der Blick neben die Werke zeigt, wie weitverzweigt und verworren Gurlitts Netzwerke – aber auch die der Nazis und der Kollaborateure – waren. Das entschuldigt zwar nichts, versachlicht aber die Debatte.
    Die 1500 Werke vermachte Hildebrand Gurlitt seinem Sohn Cornelius (1932–2014), 2013 wurden sie von der bayrischen Staatsanwaltschaft beschlagnahmt. Verdacht: NS-Raubkunst. Der greise Cornelius Gurlitt wurde ins Licht der Öffentlichkeit gezerrt. Noch ehe der mediale Sturm sich gelegt hatte, machten sich Wissenschaftler im Auftrag des Staates daran, auf Spurensuche zu gehen und zu erforschen, woher die Gemälde tatsächlich stammen.

    „Bestandsaufnahme Gurlitt. Der NS-Kunstraub und die Folgen“ ist bis zum 11. März 2018 in der Bundeskunsthalle Bonn zu sehen. Der Ausstellungskatalog ist bei Hirmer erschienen und kostet 29,90 Euro. Weitere Infos gibt es online unter www.bundeskunsthalle.de

    Cornelius Gurlitt verpflichtete sich dazu, die als Raubkunst identifizierten Werke zu restituieren; seine Sammlung vererbte er dem Kunstmuseum Bern, das für die Ausstellung mit der Kunsthalle kooperiert. „Bestandsaufnahme Gurlitt“ zeigt nun erste Ergebnisse der Provenienzforschung, die aber für jene ernüchternd sein werden, die sich die Bestätigung des skandalträchtigen Anfangsverdachts wünschten. Bislang nämlich wurden gerade einmal sechs Werke als Raubkunst identifiziert. „Jedes Raubkunstwerk ist eines zu viel. Jede Restituierung ist ein Erfolg“, sagt Rein Wolfs, Intendant der Bundeskunsthalle und – neben Agnieszka Lulinska – Kurator der Ausstellung. Das ist zweifellos korrekt, doch es wäre jetzt, nachdem der Skandal vier Jahre vorüber ist, gut, wenn die Ausstellung etwas selbstkritischer mit dem Fall Gurlitt umgehen würde. Umringt von Presseleuten empörte sich dann auch Großneffe Ekkeheart Gurlitt, der sich als Erbe empfindet, in der Ausstellung, dass es doch schließlich allen nur ums Geld ginge. Kaum sei ein Werk restituiert, werde es verauktioniert. Wann aber ging es im Kunstmarkt je nicht um Geld? Und oftmals wird ein Werk einer Erbengemeinschaft übergeben – da man aber nur Geld und kein Gemälde teilen kann, wenden sie sich an Auktionshäuser.

    Eine spannende Spurensuche

    Die Ausstellung zeigt weniger brisante Ergebnisse, als sie die spannende Arbeit der Provenienzforschung für den Laien verständlich macht. Der von dem lateinischen Verb „provenire“ (herkommen) abgeleitete Begriff „Provenienz“ fragt nach der Herkunft eines Kunstwerks. Diese aber ist keineswegs einfach zu klären – viele Quellen sind entweder in den Abgrund der Geschichte gefallen oder wurden bewusst in ebendiesen geworfen. Die Leiterin des Projektes „Provenienzrecherche Gurlitt“, Andrea Baresel-Brand, erklärt, dass die 700 von ihr und ihren Kollegen untersuchten Werke, von denen 250 in Bonn zu sehen sind, nach einem Ampelsystem katalogisiert werden.

    Mit der Farbe Grün werden die in ihrer Herkunft unbedenklichen Werke eingestuft, Gelb ist für die Zweifelsfälle, und in die rote Kategorie fällt, was sicher oder höchstwahrscheinlich Raubkunst ist. Manchmal können auch restauratorische Details Licht ins Dunkel bringen: Ein von einer Restauratorin entdecktes Loch in dem Gemälde „Porträt einer jungen Frau“ von Thomas Couture ließ es zu, den 1944 von der französischen Miliz ermordeten früheren französischen Minister Georges Mandel als Besitzer zu identifizieren.
    Fallen viele Texttafeln über die Herkunft der Werke aufgrund fehlender Quellen eher knapp aus, werden dafür die Lebenswege jüdischer Kunsthändler und -sammler erzählt, die häufig in Konzentrationslagern oder in der Emigration endeten. Das ist, sagt Rein Wolfs, die „moralisch-ethische Perspektive“, neben der historischen, die die Ausstellung einnimmt – und die ruhig wortreicher hätte ausfallen können.

    Von unserem Reporter Wolfgang M. Schmitt

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