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    Koblenz

    "La Bohème" oder: Einmal um die ganze Welt

    Oper ist künstlich. Menschen singen einander an, statt miteinander zu reden, und alle akzeptieren das. Gestandene Mannsbilder geben den jungen Burschen, honorige Kammersängerinnen schminken sich ein bisschen mehr auf jugendlich: Opernstimmen müssen reifen, das gehört zu den Notwendigkeiten des Musiktheaters noch deutlicher dazu als bei anderen Bühnenkünsten.

    Wenn Tradition im Weg steht

    Manche Künstlichkeit hat sich aber auch über die Jahrzehnte unter dem Deckmantel der Inszenierungstradition zwischen die Oper und ein nicht komplett von ihr überzeugtes Publikum geschoben. Beispiel: Giacomo Puccinis „La Bohème“, uraufgeführt vor immerhin 121 Jahren. Wer den Text liest, bekommt eine handfeste Geschichte mitten aus dem prallen Leben serviert: Vier junge Männer, mittellos, aber reich an Visionen, teilen sich eine ungeheizte Wohngemeinschaft. Einer von ihnen lernt eine ebenso arme junge Frau kennen – und will mit ihr binnen Minuten ins Bett. Sie erwidert das Buschfeuer der Verliebtheit – will vorher allerdings noch mit ihm auf eine Party gehen. Danach kann man dann ja weitersehen ...

    Sieht man sich Inszenierungen von „La Bohème“ an, die sich an Konventionen der Uraufführungszeit orientieren, ist davon nicht viel zu erkennen: Mimì (doppelt arm dran, weil von Anfang an tuberkulosekrank) trägt ein hübsches Kostüm, alles bleibt pittoresk, wenn man den italienischen Text nicht versteht, könnte es sich beim Kennenlernen der beiden um eine völlig jugendfreie Romanze handeln.

    Lange Vorrede, kurzer Sinn: Wenn es einer Regie gelingt, den Sinn der Oper für ein junges Publikum zu transportieren, ohne dabei das Stück für plumpe Effekte zu opfern, hat „La Bohème“ auch eine Chance bei Zuschauern, die noch nicht wissen, an welchen Stellen der Oper das Taschentuch für das gemeinsame Mitleiden bereitzuhalten ist. Und das ist das Kompliment, dass man der Neuproduktion am Theater Koblenz und deren Regisseurin Bettina Geyer durchaus machen kann.

    Geyer und ihr Team sind keine Bilderstürmer, wohl aber Erfinder neuer Bilder: Gemeinsam mit Bühnenbildner Fabian Lüdicke und Kostümbildnerin Carla Friedrich hat die Regisseurin nach aktuellen Ausdruckmöglichkeiten für die Phase im Leben junger Menschen gesucht, in der Freiheit groß und materielle Sicherheit klein geschrieben wird. Die letzte Ausfahrt vor der für die meisten unweigerlich folgenden Bürgerlichkeit sozusagen – heraus kommt in Koblenz ein Opern-Roadmovie im globalen Dorf.

    Die vier Künstlerfreunde des Stücks sind im Kleinwagen unterwegs. „Einmal um die ganze Welt“ erträumte sich Karel Gott schon 1967, und die große Weltreise ist tatsächlich heute eine der beliebten Aussteigeroptionen unserer Zeit. Statt mit Luxusreisen wird heute eher angegeben, mit wie wenig Gepäck man unterwegs ist, digitale Nomaden geben gar ihren festen Wohnsitz ganz und gar auf, sind als bekennende Minimalisten überall und nirgends zu Hause.

    Solche Gedanken kann man verfolgen im Bühnenbild Fabian Lüdickes, der das Spiel vor der Skyline Schanghais beginnen lässt – auf einem Campingplatz. Die weiteren Spielorte fühlen an ein x-beliebiges Partylokal, an eine heruntergekommene städtische Gegend, schließlich an eine abgetakelte Tankstelle, an der die vier Freunde weiterreisen wollen, dies aber durch den Tod Mimìs unterbrochen wird.

    Schön ist es nicht, dieses globale Dorf, auch nicht seine Kostüme, die das Weihnachtsfest der Oper eher wie ein chinesisches Neujahrsfest erscheinen lassen. Aber „schön“ ist eben auch kein ästhetischer Imperativ in der Globalisierung des weltweiten Geschmacks.

    „Schön“ beginnt es auch nicht im Orchester: Enrico Delamboye lässt die Rheinische Philharmonie auch die Störeffekte, die harten Kanten herauspräparieren, bevor mit den beiden großen Arien der Protagonisten der Puccini-Schmelz Stück für Stück Einzug hält. Außerdem unterstreicht der Koblenzer Chefdirigent auch die überraschend vielen asiatisch angehauchten Momente der Partitur im „Momus“-Akt, geht so mit der Inszenierung Hand in Hand. Dass Delamboye einer der wenigen Dirigenten ist, der Sängern mit dem Orchester geradezu ein Bett bereiten kann, bestätigt sich auch an diesem Abend. Haus-, Extra- und Kinderchor erfüllen das beinahe schon peinigend bunte Feierbild mit Präzision und Verve, die Solistenriege zeigt sich in dieser Produktion in einer geschlossenen Ensembleleistung ohne Abstriche. Die Hauptpartien übernehmen zwei Gäste: Die italienische Sopranistin Sara Rossi Daldoss bringt das dunkle und üppige Timbre mit, das einer Mimì sehr gut ansteht, geht ganz mit der Regie mit. Als ihr Liebhaber Rodolfo findet der Tenor Marco Antonio Rivera, der seine lyrische Stimmbasis mit kerniger Konzentration zu Durchschlagsvermögen verbindet, nach dem sicheren Abschluss seiner großen Arie zu einer gesanglich wie darstellerisch überzeugenden Leistung. Christoph Plesser als erstaunlich voluminös und höhenstark agierender Marcello und Jongmin Lim mit edel timbriertem Bass als Colline und Nico Wouterse als Schaunard runden die Solistenriege vokal ab, aus der eine Sängerin besondere Beachtung verdient.

    Musetta plus X

    Selten hört man eine stimmlich so rundum kontrollierte, mühelos präsente Musetta wie die der Sopranistin Hana Lee. Dass sie, wie alle anderen Solisten auch, das Regiekonzept vollständig mitgeht und den Niedergang ihrer Figur auch szenisch kompromisslos durchzieht, wertet ihre Partie über das Gewohnte deutlich hinaus auf.

    Das Koblenzer Publikum ist zum Opernsaisonauftakt bestens gelaunt und spendet den Musikern und der Produktion eifrig Beifall – noch mehr sagt die Stille aus, die nach grandiosen Szenen wie Mimìs „Done lieta usci“ im dritten Bild herrscht. Zu Herzen gehend dargeboten von Sara Rossi Daldoss, so schön eben, dass Beifall stören würde – ein seltener und kostbarer Moment.

    So beginnt die Opernsaison in Koblenz mit einer runden Produktion eines Stückes, das in jeder denkbaren Regie ein Kassenerfolg würde. Umso besser, dass die Produktion Nachdenkenswertes aufzeigt, ohne es mit dem Holzhammer aufzwingen zu wollen.

    Karten und Infos unter Tel. 0261/129 28 70 sowie online unter www.theater-koblenz.de

    Von unserem Kulturchef Claus Ambrosius

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