40.000
Aus unserem Archiv
Frankfurt

Kunst trifft Baustelle: Das bringt das Ausstellungsjahr 2018 am Main

Auch die undankbaren Aufgaben anpacken: Als Ausstellungsstandort hat sich Frankfurt „auf internationaler Flughöhe positioniert“, sagt Dreifach-Direktor Philipp Demandt. Im nächsten Jahr werden allerdings Bauarbeiten die Besucher behindern.

Er will den Museumsbaustellen am Main visionär begegnen: Philipp Demandt leitet gleich drei Kunstinstitutionen in Frankfurt. Wie er die Häuser in die Zukunft retten will? Mit neuen Blickwinkeln auf Kunst.
Er will den Museumsbaustellen am Main visionär begegnen: Philipp Demandt leitet gleich drei Kunstinstitutionen in Frankfurt. Wie er die Häuser in die Zukunft retten will? Mit neuen Blickwinkeln auf Kunst.
Foto: dpa

Ein Museumsbesuch beginnt mit einem Blick auf das Haus, meint Philipp Demandt, der gleich drei Frankfurter Kulturinstitute leitet. Aber alle drei Häuser sehen derzeit ziemlich alt aus: Die Sandsteinfassade des Städels am Main ist mehr schwarz als beige, die ungleich jüngere Sandsteinfassade der Schirn Kunsthalle in Römernähe zerbröselt sogar und gibt kein gutes Bild ab für die „neue Altstadt“, die in knapp einem Jahr eröffnet werden soll. Das Liebieghaus schließlich benötigt dringend ein neues Dach sowie komplett neue Technik.

Vor 13 Monaten hat Philipp Demandt die drei Häuser von Max Hollein übernommen, der nach 15 Frankfurter Jahren nach San Francisco wechselte. Jetzt hat Demandt undankbare Aufgaben angepackt. Sanierungen sind nicht so spektakulär wie der unterirdische Neubau des Städels für die Kunst nach 1945 oder die Erweiterung der Sammlung durch Schenkungen von Banken. Beides gelang Hollein. Aber der 46-jährige Demandt ist viel ruhiger als der zwei Jahre ältere Hollein. Das heißt aber nicht, dass nun weniger oder nur noch kleine Ausstellungen stattfinden, wie Demandts gestriger Rück- und Ausblick zeigt.

Kunst und Wissenschaft verbinden

Erst vor acht Tagen wurde in der Schirn eine Schau über die Kunst in der Weimarer Republik eröffnet, die schon 10.000 Besucher gesehen haben. Und für die nächsten Jahre sind die Planungen für Ausstellungen weit gediehen, die auch Demandts Handschrift erkennen lassen. Dass ihn der Grenzbereich zwischen Kunst und Naturwissenschaft interessiert, verraten Themen wie „Wildnis“ oder zeitgleich im Oktober 2018 eine Schau über Wilhelm Kuhnert, den ersten Freilichtmaler Afrikas. Zu Lebzeiten war er ein Star, heute schätzen nur Sammler seine Werke, die Kunsthistoriker haben ihn vergessen.

Die Schau dürfte für einige Aufmerksamkeit sorgen, zumal die Schirn im nächsten Sommer wegen Innensanierung für vier Monate geschlossen wird. Davor, ab März, geht das Haus der Frage nach, wie politisch die zeitgenössische Kunst ist, 50 Jahre nach 1968. Zuletzt hatte ja die Kasseler documenta für viel Kritik wegen ihrer eminent politischen Ausrichtung und der teils oberlehrerhaften Haltung der Kuratoren gesorgt. Doch nach der Weimarer Republik dürfte ab 16. Februar erst einmal der jung verstorbene Street-Art-Künstler Jean-Michel Basquiat zu Andrang führen. Kürzlich wurde ein Basquiat-Gemälde für 100 Millionen Euro versteigert – das ist zwar eine gute Werbung für die Schau, treibt aber auch die Versicherungssummen in die Höhe und belastet damit den Etat der Schirn.

Bürgerliches Engagement groß

Wie gut, dass die Sanierung der Städel-Fassade kein Geld kostet. Aber das erledigen beileibe keine Freiwilligen mit dem eigenen Kärcher, denn das würde die Fassade nur zum Bröckeln bringen. Vielmehr fand sich eine edle Spenderin, die die professionelle Reinigung und Sanierung aus ihrer Kasse bezahlt – immerhin ein siebenstelliger Betrag, wie Demandt anmerkt. Das ist typisch für die Stadt Frankfurt, die sich auf ein breites bürgerschaftliches Engagement verlassen kann, zumal einige Betuchte in der Stadt oder in der Nähe wohnen.

Neben der Wiederherstellung der Bauten treibt Demandt auch die Digitalisierung voran. In fünf Jahren soll der komplette Bestand des Städels digital zugänglich sein, auch mit ausführlichen Beschreibungen der Werke. Das soll Lust auf mehr machen und die Besucher ins Haus locken. Originale sind in der heutigen Zeit erst recht gefragt, ist sich Demandt sicher. Auch kleine Filme werden immer wichtiger, um erste Eindrücke von der Sammlung oder von Ausstellungen zu vermitteln. Allein das Städel bietet inzwischen 200 solcher Kurzfilme. Offenbar kommen die Besucher heute nicht mehr von alleine. Und das, obwohl das Museum viel zu bieten hat.

Ab Februar 2018 etwa eine Schau über den Barockmaler Rubens, im Herbst gefolgt vom 1997 gestorbenen Victor Vasarely, der selbst das Opfer seiner populären Op-Art-Motive wurde. Niemand wollte diese optischen Täuschungen mehr sehen, weil sie überall hingen, auf Werbeplakaten und in der Arztpraxis. Aber gerade das treibt Demandt an. Welche einstigen Stars lohnt es, wieder unter die Lupe zu nehmen, fragt er. Demandt erweist sich als Glücksfall für Frankfurt. Er ist kein Marketingmann wie Hollein, hat aber einen Blick für die Kunst – und für propere Museumsbauten.

Von unserem Mitarbeiter Christian Huther

Kultur
Meistgelesene Artikel
Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik
Claus Ambrosius 

Leiter Kultur

Claus Ambrosius

 

Kontakt per Mail

Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

Redakteurin Kultur

Anke Mersmann

 

Kontakt per Mail

Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

Redakteurin Kultur

Melanie Schröder

 

Kontakt per Mail

Event-Kalender
Veranstaltungstipps

Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!