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Kinga Glyk im RZ-Interview: Erst Internetstar, dann Bass-Phänomen

Was andere Künstler in Pop und Rock schon oft vorgemacht haben, ist im Jazz die ganz große Ausnahme: mit einem Stück Millionen Mal im Internet geklickt zu werden. Die polnische Bassistin Kinga Glyk hat das geschafft.

Kinga Glyk war gerade 19 Jahre alt, als sie 2016 in einer Dachwohnung solo Eric Claptons „Tears in Heaven“ aufnahm – das Video schlug beim Internetpublikum wie eine Bombe ein. Und mit dieser Popularität im Rücken wurde ein Traum für sie wahr: 2017 durfte sie „Dream“, ihr bereits drittes Album, bei Warner Music veröffentlichen, einem der wichtigen Major Label. Und das sogar mit teils eigenen Kompositionen. Die Fachpresse jubelt, die Konzertveranstalter auch: Die Auftritte des Kinga Glyk Trios sind rasch ausverkauft – wie in Koblenz am kommenden Dienstag. Wie die junge Ausnahmebassistin tickt, verrät sie im Gespräch mit unserer Zeitung.

Sie haben schon früh ein Faible für die vier dicken Saiten entwickelt, sind bereits im Alter von zwölf Jahren aufgetreten – wie kam es dazu?

Ich fing an, meine Fähigkeiten am Bass zu entwickeln, als ich so zehn bis elf Jahre alt war. Der Anfang war nicht einfach, weil dieses Instrument für ein junges Mädchen wirklich schwer zu spielen ist und die Saiten hart sind. Aber das Verrückte war: Ich wusste schon damals, dass ich Bassistin werden möchte. Und als sehr kleines Kind stand ich vor dem Radio und tat so, als ob ich Bass spiele. Ich habe diesen tiefen Klang und die rhythmischen Melodien sofort geliebt.

Was hat Ihr Vater, der Jazzdrummer ist, dazu gesagt?

Damals fragte ich meinen Vater, ob er mir einen Bass nach Hause bringen könne, weil ich gern mit diesem Instrument spielen möchte. Er sagte, kleine Mädchen spielen keinen Bass, das ist für sie zu hart. Ich solle doch lieber Geige, Gitarre oder Piano ausprobieren. Ich blieb stur und habe ihn davon überzeugt. Dann hat er mir einen kleinen Fender-Bass mitgebracht. Und sofort war mir klar, dass der Tieftöner meine Liebe ist.

Das Konzert im Koblenzer Café Hahn am Dienstag, 13. März, ist ausverkauft. Weitere Auftritte in der Region am 13. April in Kaiserslautern, am 11. Mai in Bad Homburg und am 23. Juni in Bingen. Weitere Infos unter www.bremme-hohensee.de

Eine Frau spielt Bass – das ist auch heute noch eine Ausnahme. Fühlen Sie sich als Exotin?

Um ehrlich zu sein, habe ich nie das Gefühl, einzigartig oder irgendwie besonders exotisch zu sein. Ich begann, mit diesem Instrument zu spielen, weil es für mich das Besondere am Bass war, meine Gefühle auszudrücken. Aber ich erinnere mich, dass sich damals nur sehr wenige Mädchen an den Bass trauten. Aber das hat sich ja geändert. Heutzutage ist es ziemlich cool für Mädchen und junge Frauen, die dicken Saiten zu bewegen. Einige von ihnen benutzen ihren schönen Körper, um etwas zu erreichen, aber ich kenne nur wenige wirklich gute und authentische Frauen, die tatsächlich gut (Kontra-)Bass spielen. Und diese Musikerinnen bewundere ich.

Gibt es in Ihrer Heimat Frauen, die an vorderster Front Bass spielen?

Ich lebe in einem kleinen Dorf, dort bin ich die einzige Bassistin. Ich kenne da wenige Mädels, die dieses Instrument spielen.

Weltweit sind nur wenige Frauen mit dem Tieftöner wirklich erfolgreich – besonders im Jazz. Da ist vor allem die US-Amerikanerin Esperanza Spalding zu nennen. Ein Vorbild für Sie?

Ja! Ich habe sehr großen Respekt vor Esperanza Spalding und auch vor Tal Wilkenfeld. Ich bewundere sie beide. Und sie sind für mich eine Inspiration, selbst große Dinge zu erreichen.

Quelle: YouTube (erweiteter Datenschutzmodus)

Wie denken Sie über die Rolle der Frauen in der Musik vor dem Hintergrund einer immer noch von Männern dominierten Welt? Hat James Browns „Man's World“ von 1966 immer noch Bestand?

Die Welt verändert sich ständig. Aber was sich nie verändern wird, ist dieses Verlangen und die Abhängigkeit von Frauen und Männern. Und wenn James singt „... this is a man's, man's, man's world ...“ folgt doch gleich darauf im Text: „Doch alles wäre wertlos ohne Frau oder Freundin.“ Es scheint also, dass der Mann eine Frau braucht. Und es kommt hinzu, dass heute mehr Frauen in Bands führend sind. Ich finde es großartig, dass wir federführend Musik fürs Publikum machen können. Jede Frau hat etwas zum Ausdruck zu bringen. Toll ist, dass wir als Frauen die Möglichkeit haben, auch auf der Bühne wichtig zu sein.

Gibt es einen Unterschied im Jazzbereich? Sind die Männer da offener, toleranter als im Rock, Blues, Hip-Hop oder Pop?

Es ist schwer für mich, diese Frage zu beantworten, weil ich eher in der Jazzwelt beheimat bin und dort große Unterstützung von Männern erfahre. Sie sind wirklich offen und spielen gern mit mir. Ich denke, das Gleiche gilt auch in anderen Musikgenres. Natürlich hängt es davon ab, mit wem man es zu tun hat. Da gibt es große Unterschiede. Ich bin optimistisch, dass Männer freundlich und unterstützend sind. Und ich weiß aber, das ich privilegiert bin. Nicht alle Frauen haben dieses Glück.

Haben Sie persönlich abwertende Bemerkungen über Sie als Frau, als Bassistin und Bandleaderin schon erlebt?

Natürlich mögen manche Leute mich nicht, und ich habe schon einige negative Kommentare über mich gehört. Aber das ist normal, denke ich, und ich bin mir bewusst, dass diese Dinge immer wieder passieren werden. Aber ich habe viel Unterstützung von Familie, Fans und Freunden. Sie geben mir viel Mut, was mir Kraft und Inspiration gibt. Und ich bin sehr dankbar für jeden Menschen, der freundlich zu mir ist.

Sie haben Vorbilder aus der Vergangenheit, sind aber fest im Hier und Jetzt verankert. Vermissen Sie trotzdem nichts von der Musik früherer Zeiten?

Ich habe natürlich einige Helden aus der Vergangenheit. Einzigartig für mich ist Jaco Pastorius, er hat etwas Erstaunliches geschaffen. Wenn er auf der Bühne spielte, war das mehr als nur Sound und Noten. Ich bewundere seinen Stil und seine musikalischen Ideen. Musik von früher besitzt Energie, Wahrheit, Ehrlichkeit und Kraft, eine Menge guter Rhythmen und spezielle Bedeutung eines Songs. Heute haben wir manchmal ein Problem mit dem Geschichtenerzählen in der Musik. Sie sollte mehr sein, als Noten nur langsamer oder schneller zu spielen. Wir sollten eine Geschichte aus dem Leben erzählen, wenn wir ein Instrument benutzen. Da waren Musiker früher die Besseren, da sie ihre Gefühle so ausdrückten, indem sie wichtige Dinge durch ihre Musik erzählten. Wir haben sehr gute Vorbilder, wir sollten ihnen zuhören, aber uns niemals auf sie berufen. Das Wichtigste ist, immer du selbst zu sein! Musik ändert sich immer, wir sollten die Musik frei laufen lassen, um sicherzugehen, dass etwas Erstaunliches passieren wird.

Wenn Sie einen Wunsch offen hätten. Wem würden Sie gern in einer Zeitmaschine begegnen?

Mehreren. Ich würde gern Jaco Pastorius und Miles Davis treffen, um sie um Rat zu fragen – und Michael Jackson natürlich.

Die Fragen stellte Michael Schaust

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