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Koblenz

Keine Sorge, es ist nichts Ernstes: Willi und Ernst mischen ein Krankenhaus auf

Melanie Schröder

In der neuen Folge „Zum Schängel“ verbringen Willi und Ernst Weihnachten im Krankenhaus. Dort halten sie nicht nur die Belegschaft in Atem, sie schaffen auch wie gewohnt viel Raum für jede Menge Schenkelklopferwitz, Altherrenhumor und Lokalkolorit.

Auch im Krankenbett noch ein Rebell: Bühnenrenter Ernst (Markus Kirschbaum) landet in der 15. Folge von „Zum Schängel“ auf Station und hält die gesamte Belegschaft in Atem.
Auch im Krankenbett noch ein Rebell: Bühnenrenter Ernst (Markus Kirschbaum) landet in der 15. Folge von „Zum Schängel“ auf Station und hält die gesamte Belegschaft in Atem.
Foto: Kay Müller

Bei dieser Frage gehen leidenschaftliche Autofahrer an die Decke – vor allem jene der höheren Semester: Sollten sich Senioren noch hinters Steuer setzen? Oder darf man sie getrost als Gefahr für die Allgemeinheit betrachten? In der Autostadt Koblenz nimmt das vielleicht beliebteste betagte Bühnenduo Willi und Ernst dieses heikle Thema auf, um daraus, wie es seit Jahren in der Vorweihnachtszeit Tradition ist, ein komödiantisches Volkstheater voller Höhen und Tiefen, plötzlicher Wendungen und Schenkelklopferwitze in Mundart zu entspinnen.

Regisseur Dirk Zimmer bringt Willi (Dirk Zimmer) und Ernst (Markus Kirschbaum) dabei zunächst groß raus – als Schlagzeile in den Lokalnachrichten: Die zwei Rentner haben versucht, mit ihrem Opel Kapitän in die Gasse am Entenpfuhl zu fahren, dabei mit Karacho einen Poller plattgemacht und so nicht nur einen Schaden von 20.000 Euro verursacht, sondern sich selbst auch einige Knochenbrüche zugefügt. Folgerichtig also, dass die neueste, 15. Folge des Erfolgsformats „Zum Schängel“ im Krankenhaus spielt.

Weihnachten im Krankenhaus

In „Weihnachten im Stift oder Halleluja auf Station 3“ wird Authentizität hinsichtlich der Kulissen großgeschrieben: Die Seniorenresidenz Moseltal hat zwei Krankenbetten zur Verfügung gestellt, Christian Binz (Bühnenbild und Kostüme) setzt sie ohne ironische Brüche in einem Standardkrankenzimmer in Szene – samt Notknopf, fahrbarem Beistelltisch und Waschbecken für die Katzenwäsche.

Als Ort des nüchternen Expertenwissens und Sachverstands fungiert diese Krankhausszenerie als starker Kontrapunkt zur impulsiven Erzählung, die nicht an Witzen unterhalb der Gürtellinie spart. Gerade dieser Gegensatz entlockt dem Publikum in der voll besetzten Kulturfabrik nicht nur Lacher, sondern regelrechte Kreischanfälle. Wenn etwa Tammy Sperlich und Matthias Brandebusemeyer versuchen, ein ärztliches Fachgespräch am Krankenbett des mysteriösen Patienten Fritz (Bruno Lehan) zu führen, und Ernst nebenbei damit kämpft, unter der Bettdecke – natürlich überspitzt Grimassen schneidend und eigenartig verrenkt – in eine Urinflasche zu pinkeln, toben die Zuschauer mit Szenenapplaus. Ein schriller Widerspruch, der zur Schau stellt, wie Zimmer die akademische, nüchterne Medizinerwelt auf schlichte menschliche Bedürfnisse des kleinen Mannes treffen lässt.

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Durch Slapstickelemente wie diese versetzt Zimmer sein Publikum auf der nonverbalen Ebene in Ekstase, der Sprachwitz ergibt sich hingegen häufig durch schnoddrige Kalauer, Mundartfinessen und eine plumpe Portion Altherrenwitz. Nur ein Beispiel: Im Krankenhaus soll ein Krippenspiel aufgeführt werden. Schwester Lea (Eva Horstmann) würde dabei gern die Rolle des Schafs übernehmen, woraufhin Ernst entgegnet: „Die ist ja auch scharf.“ Und natürlich bekommt auch die Bezeichnung „Intensivschwester“ in diesem Bühnenstück eine ganz andere Bedeutung. Witze wie diese sind es, die das Gefühl wecken, in einer Live-Sitcom gelandet zu sein. Die Publikumslacher für teils erwartbare Gags erinnern an eingespieltes Glucksen und Gackern aus der Dose – Willi und Ernst haben sich eben über Jahre ein treues Stammpublikum erspielt, das sie genau für diesen direkten, gern auch schlüpfrigen Humor feiert, der sich mit ordentlich Lokalstolz paart. Angst vor dem einen oder anderen flachen Gag darf man in diesem Format nicht haben.

Theaterzauber im Finale

Und irgendwie passt platt ja auch – immerhin wird die gesamte Krankenhausbesatzung dazu angehalten, das weihnachtliche Krippenspiel auf Kowelenzer Platt vorzutragen – ein wirklich humorvoll klingendes Finale (Musik: Christian Weller), von dem nicht zu viel vorweggenommen werden soll. Nur so viel sei verraten: Selda Selbach beschert dem Stück in der Rolle der guten, türkischen Seele, die Willi und Ernst liebevoll umsorgt, einen schönen Bühnenmoment und ein Plädoyer für Mitmenschlichkeit.

Eine Konstante, auf die Zimmer schon in vorherigen „Schängel“-Folgen Wert legte: Wieder schreibt er seinen Dialogen Fingerzeige auf gesellschaftliche Problemlagen ein, ohne moralisch anbiedernd oder tief greifend pathetisch zu werden. Die sexistischen Scherze, die Ernst gern pflegt, werden ironisch kommentiert, die Zweiklassenmedizin zwischen gesetzlicher und privater Versicherung ebenso aufgespießt wie die Koblenzer Stadtpolitik.

So erklärt Ernst zu seinem Unfall mit dem Poller etwa: „Ich dachte, der wäre so marode wie unsere Straßen und Brücken.“ Auch der Oberbürgermeister bekommt sein Fett weg: Denn dank ihres Scharfsinns gelangt Willi und Ernst eine seiner letzten Gehaltsabrechnungen in die Hände. Im Krankenhaus müssen die Freunde nämlich nicht nur genesen und Weihnachten feiern, auch ein kleiner Politkrimi will gelöst werden. Diesen treibt der zwielichtige Bettnachbar Lehan voran, der gemeinsam mit Schwester Heike (Stefanie Kirschbaum) zur Schlüsselfigur des Stücks wird. Dieses geballte Auf und Ab unterhält auf gewohnte „Zum Schängel“-Art, ein Glück: die durch und durch sympathische Besetzung.

Von unserer Redakteurin Melanie Schröder

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