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    Koblenz

    Kader Attia: Schwarzmalerei für eine bessere Zukunft

    Spätestens seit der documenta 2012 und seiner Installation „The Repair. From Occident to Extra-Occidental Cultures“ zählt er international zu den angesagtesten Künstlern der Gegenwart – jetzt sind Werke des französischen Künstlers Kader Attia im Ludwig Museum Koblenz zu sehen.

    Glitzernder Schein auf alten Kühlschränken: die „Skyline“ Kader Attias
    Glitzernder Schein auf alten Kühlschränken: die „Skyline“ Kader Attias
    Foto: attia

    Von unserer Mitarbeiterin Lieselotte Sauer-Kaulbach

    Auch wenn es in diesen Tagen allen Grund zum Feiern hätte – es wird stolze 25 Jahre alt –, präsentiert sich das Ludwig Museum Koblenz bei seiner aktuellen Ausstellung in tiefem Trauerschwarz. Schwarz der Boden, schwarz die Wände, schwarz die Decke. „Schuld“ daran ist Kader Attia, 1970 als Sohn algerischer Eltern in Frankreich geboren, in Algerien und den Banlieues, den Vororten von Paris, aufgewachsen. Spätestens seit der documenta 2012 und seiner Installation „The Repair. From Occident to Extra-Occidental Cultures“ zählt er international zu den angesagtesten Künstlern der Gegenwart.Nein, ganz so Schockierendes und Aufrüttelndes wie damals, als Attia Fotografien von Verwundeten des Ersten Weltkriegs zeigte, die notdürftig wieder zurechtgeflickt worden waren, gibt es in der gemeinsam mit der Galerie Nagel Traxler in Berlin, wo Attia lebt, projektierten Ausstellung unter dem Titel „Architektur der Erinnerung“ nicht. Aber das Thema der Verwundung, physisch und psychisch, und das der „Reparatur“ spielen auch hier eine zentrale Rolle, besonders in seinem Film „Réfléchir la mémoire“. Für den erhielt der Künstler, der in Paris und Barcelona studierte, 2016 den renommierten Prix Marcel Duchamp. Im Film geht es 50 Minuten lang um Amputation, Phantomschmerzen, Traumata und deren Therapie, beispielsweise mit Spiegeln, die nicht mehr Vorhandenes, das Gefühl, „ganz“ zu sein, zumindest optisch zurückbringen und so Schmerzen überlisten. Eine „Reparatur“, die letztlich keine wirkliche ist.

    „Reparatur“ meint für Kader Attia, der ebenso sehr Philosoph und Soziologe wie Künstler ist, eine Grundkonstante menschlicher Natur – den Versuch, Schmerz und Zerstörung zu überwinden. Alles, so Attia, sei ein unendlicher, in westlichen und nichtwestlichen Kulturen unterschiedlich gewerteter Prozess des Reparierens, der Wiederherstellung einer Einheit, eines Ganzen. Es ist ein Prozess, der letztlich vergeblich zu sein scheint, der Blessuren der unterschiedlichsten einem Individuum, einer Gesellschaft oder einer Kultur zugefügten Art nicht wirklich heilen kann. Jeder Versuch dazu aber bleibt, auch in vielen Werken Attias, sichtbar – hinterlässt Narben, Nähte, Spuren.

    Letztlich ist selbst die spektakulärste Arbeit der Ausstellung im Ludwig Museum, die Installation „Square Dreams“, eine Art „Reparatur“. Illegale Einwanderer in Frankreich beklebten 19 ausgediente Kühlschränke unterschiedlichster Größen und Fabrikate mit Aberhunderten winziger Spiegelquadrate. So verwandelten sie Zivilisationsschrott in spiegelnde, an die Skylines moderner Megacities erinnernde Türme, Hässliches in zumindest oberflächlich Schönes, in eine Architektur der Erinnerung. Man denkt beispielsweise an nordafrikanische Mosaiken – da würde auch passen, dass Attia kontinuierlich das Thema der Kolonialisierung und deren Verwundungen kritisch hinterfragt.

    Das ist ja das Tückische der schönen „Square Dreams“, dass sie möglicherweise unliebsame Gedanken provozieren. Etwa wie die 300 Kilogramm Couscous, aus denen Mitarbeiter des Museums nach Attias präzisen Anweisungen und mithilfe von Schablonen und Förmchen eine kreisrunde Bodenarbeit schufen. Ein Relief aus traditionsreichem, nahrhaftem Material, sanft gewellt, von scharf konturierten, schwarzen, kraterartigen Flächen aufgerissen. Auch das ist eine „Architektur der Erinnerung“, Erinnerung an Le Corbusier und seine Pläne für die radikale, Verletzungen zufügende Transformation Algiers in eine koloniale, bereits Vorhandenes weitgehend einebnende Stadt.

    Will Kader Attia aber wirklich Wunden heilen, zudecken? Eher nicht, eher wohl sensibilisieren, um künftige Verletzungen zu verhindern. Auch deshalb ist diese Ausstellung, wie Museumsleiterin Beate Reifenscheid betont, perfekt geeignet fürs Jubiläum, Schwarzmalerei für eine hellere Zukunft. Dass ab kommender Woche auch der Afrika-Zyklus von Ruth Baumgarte gezeigt wird, passt: 2016 erhielt Kader Attia den zum zweiten Mal vergebenen Preis ihrer Kunststiftung, die die Malerin und Galeristin kurz vor ihrem Tod gründete.

    Die Ausstellung im Ludwig Museum im Deutschherrenhaus, Danziger Freiheit 1, ist bis 7. Januar zu sehen, Di – Sa 10.30 bis 17, So 11 bis 18 Uhr. Informationen unter www.ludwigmuseum.org

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