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Koblenz

Julian Prégardien: Mit Liedern Räumen neuen Sinn gebne

Seine ersten sängerischen Erfahrungen machte er im Limburger Domchor, als Sohn des Tenors Christoph Prégardien war er ohnehin stets mit Gesang in Berührung. Heute berührt der Tenor Julian Prégardien sein Publikum weltweit mit seinen tiefgründigen Liedinterpretationen, aber auch in den großen Konzertsälen und auf der Opernbühne. Am 8. Juli gibt er in der Rhein-Mosel-Halle in Koblenz den Startschuss zum Festival RheinVokal – mehr als genug gute Gründe, mit Julian Prégardien zu sprechen.

Der Tenor Julien Prégardien ​
Der Tenor Julien Prégardien ​

Herr Prégardien, Sie werden oft auf den Unterschied zwischen dem Singen auf den großen Opernbühnen und dem intimen Erlebnis eines Liederabends angesprochen. Jetzt eröffnen Sie RheinVokal mit bekannten Liedern – aber mit Orchesterbegleitung und in einer großen Halle. Passt das zusammen?

Ich verstehe, dass man solche Arrangements aus künstlerischer Sicht zuerst zwiespältig sieht, weil man das Gefühl hat, man solle mit dickem Pinselstrich eine feine Bleistiftzeichnung nachzeichnen. Aber ich habe mit solchen Arrangements eine großartige Erfahrung mit dem Landesjugendsinfonieorchester Rheinland-Pfalz gemacht. Etwa bei „Im Abendrot“ oder „Du bis die Ruh“ – den intimsten, ruhigsten Stücken von Schubert, die man sich nur vorstellen kann. Und welche Wirkung die auf eine Riesengruppe wie ein Orchester haben können, ist einfach unglaublich. Das waren alles junge Leute – ich würde so weit gehen zu sagen, die kamen dabei in einen ganz anderen Lebensrhythmus hinein.

Festivalprofil:

„RheinVokal – Festival am Mittelrhein“ ging als internationales Festival für Vokalmusik erstmals 2005 an den Start, bei den Konzerten mit Fokus auf die Region Mittelrhein zwischen Bingen und Remagen werden zahlreiche historische Stätten bespielt. Auffällig ist die Vielzahl eigens für das Festival erstellter Konzertprogramme. Dank der Beteiligung des SWR werden viele Konzerte live oder zu einem späteren Zeitpunkt übertragen – in SWR 2 und weltweit.

Karten und Infos: bei den Kommunen, zentral unter Tel. 02622/926 42 50 sowie online unter www.rheinvokal.de

Und ich hätte gewettet, Sie würden „Du bist die Ruh“ lieber in einem kleinen Raum mit Klavier singen ...

Das geht auch mit Orchester! Große Gruppen können wunderbar leise spielen – und ich werde die Lieder sicher nicht zu Opernarien vergrößern. Und ganz ehrlich: Ich habe mit Orchesterbegleitung das langsamste „Du bist die Ruh“ meines Lebens gesungen. Das würde ich mich so mit Klavier nie trauen, aus der Vorsicht heraus, es könnte mir mit Klavier zusammenbrechen. Diese Arrangements sind ein ganz eigenes Erlebnis – und sie entstanden ja auch, um das Lied anderen Schichten zugänglich zu machen, als es zeitweilig eine wahre Überfülle von Liederabenden gab.

Davon kann heute keine Rede mehr sein: Als Sie vor 33 Jahren geboren wurden, war die große Zeit der Liedkultur lange vorbei. Wie sehen Sie die Chancen des Liedes?

Ich habe sehr ermutigende Erfahrungen gemacht, etwa Liederabende mit vielen Zuschauern auch unter 50 Jahren. Aber das war dann nicht in der Wigmore Hall oder bei der Schubertiade, sondern etwa bei der St. Goar Festival Academy oder beim kleinen zweijährlichen Kunstliedfestival „Der Zwerg“ in Sindelfingen mit seinem sehr durchmischten Publikum.

Sie kommen ständig mit neuen, bekannten und unbekannteren Räumen musizierend in Kontakt. Was macht ein Raum mit Ihnen, wenn Sie ihn erstmals betreten?

Wenn ich in einen Raum geschickt werde, um ihn mit Musik zu füllen, sehe ich es vor allem als Herausforderung an zu sehen, wie er dabei mitspielt und neues Leben durch Musik gewinnt. Immer wieder kann man so unerwartet etwa Industriegebäuden einen ganz anderen, neuen Sinn verleihen.

Wie sieht so ein Erstkontakt praktisch aus – stimmen Sie ein paar Töne an?

(lacht) Nein, ich stelle mich nicht in die Mitte, um dreimal in die Hände zu klatschen und vier Töne zu singen. Man merkt schon am Trittschall, wie ein Raum geschaffen ist. Und man darf nicht vergessen, dass das gefühlte Erleben als Musiker meist ein ganz anderes als das der Zuhörer ist.

Das müssen Sie bitte erklären!

Es gibt durchaus einige Säle, wo ich als Sänger das Gefühl habe, Teil des Ganzen zu sein: Obwohl ich auf der Bühne stehe, geben sie mir dasselbe Genussgefühl wie dem Zuhörer, das passiert beispielsweise im herausragenden Saal des Concertgebouw Amsterdam. Und dann gibt es viele neue Säle, die so konzipiert sind, dass der Zuhörer gut hört, der Musiker aber leider nicht. So wie die Elbphilharmonie oder das KKL in Luzern, in denen es nicht ganz soviel Spaß macht zu singen. Man fühlt sich isoliert. Und weil mir eben ein Gemeinschaftsgefühl so wichtig ist, gebe ich rund 30 Liederabende pro Jahr, egal ob in Kammermusiksälen oder im Privatkonzert oder eben im Sommer in der Rhein-Mosel-Halle. Ich kann allen Formen etwas abgewinnen, weil uns die Lieder so viel über ihre Zeit und ihre Komponisten erzählen.

Das Gespräch führte Claus Ambrosius

Tipp 1
Lieder mit Orchester
Unter der musikalischen Leitung des Dirigenten Michael Sanderling (Foto) am Pult der Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern singt der an der Oper Frankfurt engagierte Tenor Julian Prégardien Lieder von Schubert und Franz Liszt sowie eine Opernarie von Hector Berlioz.

8. Juli,

Rhein-Mosel-Halle Koblenz

Tipp 2
SWR Vokalensemble
Das Spitzenensemble – eine tragende Säule von RheinVokal – stellt in diesem Jahr an ostasiatischen Gebetsritualen orientierte Werke des Komponisten Toshio Hosokawa den berühmten „Fest- und Gedenksprüchen“ und den „Gesängen für Frauenchor“ von Johannes Brahms gegenüber.

19. Juli,

St. Kastor

Tipp 3
Konzert mit Raffaele Pe
Der junge Italiener Raffaele Pe gilt als neuer aufstrebender Star unter den Countertenören. Beim Festival RheinVokal singt er geistliche Motetten aus dem barocken Neapel, die Alessandro Scarlatti im Jahr 1697 den gefeierten Kastratensängern seiner Zeit in die virtuosen Kehlen komponiert hat.

29. Juli, Neuwied, Herrnhuther Brüdergemeine

Tipp 4
Mitsingen möglich
Pater Philipp Meyer dirigiert das Barockorchester Cappella Confluentes sowie die Cappella Lacensis und den RheinVokal-Projektchor in Charpentiers Te Deum und der Missa Salzburgensis von Heinrich Ignaz Franz Biber. Erfahrene Chorsänger können mitwirken, Infos unter www.rheinvokal.de

19. August

Laacher See, Abtei Maria Laach

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