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Jimi Hendrix: Der Mann, der den Himmel küsste

Michael Stoll

Er hat die Rockmusik vor 50 Jahren quasi im Alleingang von Grund auf erneuert. Seine Songs, vor allem aber seine Gitarrenkünste waren radikal neu, sprengten die Grenzen des bis dato Bekannten – spieltechnisch, spirituell, aber auch politisch. In nur wenigen Jahren, von 1966 bis zu seinem frühen Tod 1970, zettelte der Afroamerikaner eine Kulturrevolution an, veränderte die Rezeptur und Rezeption von Popmusik nachhaltig. Der Mann, der im Liedtext zu „Purple Haze“ den Himmel küsste, das Genie Jimi Hendrix, wäre an diesem Montag 75 Jahre alt geworden.

Den ersten Platz unter den besten Gitarristen aller Zeiten hat ihm seit seinem frühen Tod niemand streitig gemacht: Wenige Jahre genügten Jimi Hendrix, um zur Legende zu werden. Er wurde an diesem Montag vor 75 Jahren geboren. Foto: dpa
Den ersten Platz unter den besten Gitarristen aller Zeiten hat ihm seit seinem frühen Tod niemand streitig gemacht: Wenige Jahre genügten Jimi Hendrix, um zur Legende zu werden. Er wurde an diesem Montag vor 75 Jahren geboren.
Foto: dpa

Seine erste weiße Gitarre der Marke Fender Stratocaster soll ihm 1966 ein Callgirl geschenkt haben, eine von vielen Freundinnen. Die Liebe seines Lebens hat wohl sechs Saiten, seit er sich mit 15 Jahren im heimischen Seattle für kleines Geld eine billige Klampfe kauft. Die Ehe der Eltern zerrüttet, die Mutter Trinkerin und früh verstorben, James Marshall, so sein richtiger Vorname, ist ein Schulversager und rasch polizeibekannt. Musik muss für ihn schon früh Parallelwelt zum Druck der Straße und der sozialen Verhältnisse gewesen sein. Er entdeckt sein Talent, übt besessen. Das Militär entlässt ihn vorzeitig, er verdingt sich als Gitarrist in Kombos von Little Richard, Curtis Knight und Jackie Wilson. 1965 dann die erste eigene Band, Jimmy James and the Blue Flames. Bei einem Konzert im New Yorker Künstlerviertel Greenwich Village ein Jahr später ist der frühere Animals-Bassist Chas Chandler so beeindruckt, dass er den jungen Musiker umgehend unter Vertrag und mit nach London nimmt.

Der Auftritt einer Naturgewalt

Rhythm 'n' Blues und Soul sind seine musikalischen Wurzeln. Der gospelgetriebene, sexuell stimulierende Rock 'n' Roll Little Richards hat ihn beeinflusst. Und er liebt den elektrischen Blues, allen voran Gitarristen wie Buddy Guy. In Swinging London ist der Blues zu der Zeit das Ding. Gitarristen wie Jeff Beck, Eric Clapton oder Jimmy Page sind Helden. Hendrix aber kommt über sie wie eine Naturgewalt. Aus Blues wird Bluesrock, und den öffnet der Grenzgänger aus den USA wiederum für Soul, Blues und Funk. Und er bedient sich beim Folk; die Single „Hey Joe“ war so ein Folksong, ehe er ihn die Mangel nimmt und mittels nie zuvor gehörter Töne in die Umlaufbahn jagt. Ein Hit! Bob Dylan nicht zu vergessen, dessen surreale Texte auch Jimis „Lyrics“ prägen, dessen Sprechgesang für ihn vorbildlich wird und dessen Hymne „All Along the Watchtower“ er eindrucksvoll interpretiert.

Das alles zusammen hätte bei anderen Künstlern schon für zwei Leben und drei Karrieren gereicht, Hendrix aber will und kann mehr als nur stilistischen Crossover: Er erschafft sich eine neue Welt der Klänge, Töne und Schwingungen. Diesmal aber nicht abgekapselt wie in seiner Jugend, sondern zusammen mit ihn begleitenden Musikern – Schlagzeuger Mitch Mitchell und Bassist Noel Redding in der ersten Besetzung der Jimi Hendrix Experience, später die Band of Gypsys mit Billy Cox und Drummer Buddy Miles, schließlich eine zweite Experience-Formation.

Stets im Mittelpunkt: die ungewöhnliche Spieltechnik, Experimentierfreude und Expressivität des Gitarristen, Sängers und Komponisten. Perfekt verschmilzt der Linkshänder Solo- und Rhythmusspiel, wie er es in den schwarzen Bands gelernt hat. Wie im Blues singt er in seinen Stücken Phrasen und lässt als Antwort seine Gitarre sprechen. Als junger Kerl schon wollte er auf sechs Saiten den orchestralen Klang von Swingbands, das Zischen des Windes nachahmen. Und das tut er jetzt: Er spielt zweistimmig, jazzig, verfremdet Sounds mithilfe von Effektgeräten, lässt Gitarrenspuren im Studio rückwärts laufen, improvisiert live und im Studio hemmungslos, schickt Harmonien und Melodien mit brachialer Lautstärke durch Verstärker und Boxen, integriert Verzerrungen, Rückkopplungen, Atonales in seine Musik. Das brennt und groovt wie eine Voodoomesse.

Hendrix geht auf eine Reise, einen Trip, gefördert, wenn nicht ausgelöst durch die Droge LSD. Seine psychedelische Musik, so sagt er, soll Zuhörer hypnotisieren und gleichzeitig ihre Sinne schärfen: Töne sehen, Farben hören, Gefühle transzendieren – Hendrix scheint all das zu können in Songs wie „Bold as Love“, „Are You Experienced“, „Voodoo Child“ oder dem hymnischen „Little Wing“. Musik als spirituelle Kraft, Bewusstsein erweiternd, ein Erweckungserlebnis, wie er es selbst ausdrückt, und was es für nicht wenige Fans ja auch ist.

Seine zu Lebzeiten veröffentlichten Alben „Are You Experienced“, „Axis: Bold as Love“ und „Electric Ladyland“ stoßen in bislang unbekannte Sphären vor. Auftritte wie die bei den Festivals in Monterey, bei Woodstock oder auf der Isle of Wight sind legendär. Wohl auch deshalb, weil Hendrix die Gitarre mit den Zähnen oder hinter dem Rücken spielt, sein Instrument auf der Bühne sogar abfackelt. Diesen abgefahrenen Hippie, den Verrückten muss man gesehen haben. Merkt er zu spät, dass für viele im Publikum weniger die Musik als die Show wichtig ist?

Eine Anklage ganz ohne Worte

Zweifellos prägt Jimi Hendrix das Bild des „Summer of Love“, hat maßgeblichen Anteil daran, dass Musik und Lifestyle des Underground Mainstream wird. Und wie kaum einer vor ihm kommentiert er in Songs wie „House Burning Down“ oder „Machine Gun“ mit musikalischen Mitteln die Aufstände seiner farbigen Landsleute und den Krieg in Vietnam, ohne dabei zu schwadronieren. Als er schließlich ohne Worte beim Woodstock-Festival das hymnische „Star Spangeld Banner“, die amerikanische Nationalhymne, im Feedbackgewitter seiner Gitarre auflöst in ein Schlachtfeld aus pfeifenden Raketen, explodierenden Granaten, wirbelnden Hubschraubern und menschlichen Schreien, wird dies weltweit als Anklage des politischen Establishments beachtet und verstanden.

Hendrix' überraschender Tod im September 1970 ist ein tragisches Unglück. Er erstickt an Erbrochenem im Schlaf. Zuvor sollen Drogen und Stress bei ihm zu Depressionen geführt haben. Das Bild von der Kerze, deren Docht von beiden Enden her brennt, dürfte bei dem Musiker also ein Stück weit zutreffen. Er ist aber keiner, der sich, wie so viele andere, mit der Heroinnadel das Licht auslöscht.

Hat Hendrix den Rock früh vollendet, wie viele meinen, oder hätte er weitere musikalische Welten entdeckt, wenn er nicht mit 27 Jahren gestorben wäre? Welche Musik würde er spielen, wenn er noch lebte? Die Frage beschäftigt Fans wie Experten bis heute. Dass sich der Künstler in imposanter Geschwindigkeit stetig weiterentwickelte, ist ebenso eindeutig wie die Tatsache, dass es kaum einen Gitarristen im Blues, Jazz oder Rock gibt, der nicht von ihm beeinflusst ist.

Welche Vision aber schwebte dem Musiker vor? Eine Deutung gibt der Journalist Peter Kemper, Autor der Biografie „Jimi Hendrix – Leben, Werk, Wirkung”. Er schreibt: „Hendrix schwebte ein völlig neues Bandkonzept vor: Ein loser Verbund von Musikern, eine Gemeinschaft Gleichgesinnter nach dem Vorbild einer Kooperative, wie sie zum Beispiel der Free-Jazz-Pionier Sun Ra mit seinem Arkestra realisiert hatte.”

Von unserem Redakteur Michael Stoll

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