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Bonn

Inspirationsquelle YouTube: Horváths "Zur schönen Aussicht"

Wolfgang M. Schmitt

YouTube ist nicht nur die Internetplattform für Katzenvideos, Schleichwerbung und Fitnesscoachings, YouTube ist auch ein unermesslich großes Musik- und Fernseharchiv. Neben Altbekanntem hält die Seite vor allem Abseitiges und Kurioses bereit: Wer kennt schon noch das von Ralf Bendix gesungene Lied „Sekt für das ganze Lokal“? Wer erinnert sich noch an die „Ballade der Sehnsucht“ von Monika Martin?

In der Bonner Inszenierung des Stücks „Zur schönen Aussicht“ können die Schauspieler zwar nach Herzenslust aus dem Vollen schöpfen. Ein überzeugender Schauspielabend entsteht daraus aber nicht. Foto: Thilo Beu
In der Bonner Inszenierung des Stücks „Zur schönen Aussicht“ können die Schauspieler zwar nach Herzenslust aus dem Vollen schöpfen. Ein überzeugender Schauspielabend entsteht daraus aber nicht.
Foto: Thilo Beu

Der YouTube-Algorithmus präsentiert ein Schmankerl nach dem anderen: jetzt ein Lied von Katja Ebstein, dann eines von Nena und schließlich noch eine alte TV-Dokumentation über den Schlagerkomponisten Friedrich Hollaender, der 1933 vor den Nazis fliehen musste. Danach bietet die Plattform quasi zur Auflockerung noch einmal Peter Schillings „Major Tom“ an. Nur wer das Prinzip YouTube kennt, versteht, wie Sebastian Kreyers Inszenierung von Ödön von Horváths „Zur schönen Aussicht“ aufgebaut ist.

Das Prinzip YouTube

Auf die Bühne der Bonner Kammerspiele gebracht werden sollte eigentlich ein recht vergessenes, frühes Volksstück, das von fünf finanziell wie moralisch bankrotten Männern in einem Hotel mit dem eher ironischen Namen „Zur schönen Aussicht“ handelt, und die von einem einzigen zahlenden Gast, der älteren, immer aber noch mannstollen Ada, über Wasser gehalten werden. Bis irgendwann eine junge Frau auftaucht, die den Vater ihres Kindes sucht – und eine stattliche Erbschaft gemacht hat.

Horváths erst 40 Jahre nach seiner Entstehung, 1969 in Graz, uraufgeführtes Stück arbeitet mit typischen Versatzstücken von Lustspielen, doch wie immer geht es bei Horváth keineswegs nur lustig zu. Da offenbaren die Figuren, die nie Herr über ihre Sprache sind, Abgründe und Gemeinheiten, die die Kälte der sozialen Wirklichkeit widerspiegeln. Aber auch ihre eigene Verzweiflung. „Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu“, resümiert Ada gegen Ende des Stücks. Es braucht einen behutsamen, für alle sprachlichen Feinheiten sensibilisierten Regisseur, damit solche Sätze ihre volle, das heißt bittere Wirkung entfalten können. Aber: Ein solcher Regisseur ist Sebastian Kreyer nicht.

Er ge-, nein, missbraucht „Zur schönen Aussicht“ nur als Unterlage für wirklich sehr blöden Blödelhumor, für schwache Slapstickeinlagen und wahllos herbeigesuchte, nein, herbeigeklickte Referenzen. Hier herrscht das Prinzip YouTube: Immer wieder wird in dem wie für Peter-Alexander-Filme geschaffenen Hotelfoyer (Bühne: Matthias Nebel) eine Leinwand heruntergefahren, um YouTube-Clips zu präsentieren – von der Hollaender-Doku bis zum RTL-Dschungelcamp. Kreyer muss viele Stunden auf der Plattform verbracht haben, hilfreicher wäre es gewesen, er hätte das Stück gründlicher gelesen. Playback oder live singen die Schauspieler Hits und solche, die es werden wollten – so wird der Abend zerdehnt, bis sich in der letzten Stunde die Langeweile im Saal wie ein muffiger Teppich ausgebreitet hat. Zwischen den leidlich komischen Einlagen tritt der Regisseur selbst in Erscheinung, um von der Lebensgeschichte Horváths sowie vom Faschismus gestern und heute zu erzählen. Diese moralisch-historischen Bußübungen dienen letztlich dazu, all die Albernheiten guten Gewissens genießen zu können. Könnte man es denn!

Ohne Mehrwert

Zwar dürfen die Schauspieler nach Lust und Laune am Rad drehen – doch drängt sich der Eindruck auf, sie tun dies alles in erster Linie für sich und nicht für das Publikum. Das Theater feiert sich hier selbst, man weiß nur nicht so recht wofür. Denn der Mehrwert im Vergleich zu einem Abend am heimischen Rechner mit YouTube-Videos – und vielleicht noch der Lektüre des Wikipedia-Artikels zu Horváth – ist nicht auszumachen, schon weil die Textvorlage in Bonn bloß eine Nebenrolle spielt. Das Theater wird an diesem Abend genauso heruntergewirtschaftet wie das Hotel „Zur schönen Aussicht“. Drei Stunden in furchtbar stickiger Luft für eine fade Komödie – da sind ein paar Stunden auf YouTube doch wesentlich vergnüglicher.

Tickets und Termine unter www.theater-bonn.de

Von unserem Reporter Wolfgang M. Schmitt

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