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    Koblenz

    Hinter den Kulissen: Wie sich Dörthe Dutt in Schale wirft

    Bloß nicht ziehen! Diese Formel hat Dörthe Dutt schon früher am Abend formuliert. Als sie jetzt das kleine, glitzernde Hütchen aus ihrer roten, lockigen Perückenpracht befreien möchte und sich eine Haarnadel nicht sofort löst, muss sie sich an ihr Credo halten.

    Von unserer Redakteurin Anke Mersmann

     

    Die Perücke sitzt zwar fest, aber allzu sehr strapaziert sie diese lieber nicht. Konzentriert fummelt Dörthe Dutt an ihren Haaren, ein paar Sekunden noch, dann ist die Nadel gelöst, hält sie das Hütchen in der Hand. Ganz entspannt, ein Routinegriff, den Madame Dutt sogar ohne einen Blick in ihren kleinen Tischspiegel bewältigt. Ein Lächeln, ein Augenaufschlag mit den ultralangen künstlichen Wimpern. "So, es kann weitergehen", sagt sie, halb zu sich selbst, vor allem aber zu Patricia, die in der Garderobe am Rande des Kuppelsaals die Stellung hält, um Dörthe in die Glitzerfummel hinein- und wieder herauszuhelfen. Das geschieht sechsmal an diesem Abend.

    28 Shows am Stück

    Denn draußen vor der kleinen Umkleide läuft das Festungsvarieté, zeigt einer der Künstler sein Können, dem Dörthe zuvor die Bühne bereitet hat. Sie moderiert die Show, 28 Vorstellungen reißt sie innerhalb eines Monats herunter. Sie, die von Udo Eulgem verkörperte Figur, die Grande Dame des Koblenzer Karnevals, deren Fangemeinde sich unter anderem wegen der Narrenbunt-Sitzungen und der Rosa Bütt im Café Hahn von Session zu Session vergrößert, mischt jetzt im Varieté mit. Und wie.

    Madame Dutt gibt sich passend zum Motto der Show burlesque. Sie zelebriert das erotisch Aufreizende mit Verve, mit Leidenschaft für Travestie und einem gewissen Augenzwinkern: Die knappen Kostüme der Dörthe Dutt sind heiß, die Beine in den schwindelerregend hohen Stöckelschuhen ellenlang. Sie gibt sich verführerisch und behält dabei ihren derben Charme und das frivol-freche, gern auf Koblenzer Platt schwätzende Mundwerk, für das ihre Fans sie so mögen. Dass sie mit dieser Mischung auch in der Varietéshow ankommt, freut Dutt. "Ich treffe hier ja zum großen Teil auf ein anderes Publikum als sonst. Ich hab mich vorher schon gefragt, ob das alles so klappt", sagt sie, während sie sich kurz an ihren Tisch in der praktisch-nüchternen Garderobe setzt, im kleinen Spiegel das Make-up checkt. Alles wunderbar.

    Allzu hektisch ist dieser Teil der Show gerade nicht für sie – der nächste Kostümwechsel kommt erst. Wenn sie das nächste Mal ins Scheinwerferlicht hinausstöckelt, kann sie die knappe Korsage mit den pinken Streifen und die Strapse anbehalten, die sie gerade trägt. Zeit genug also, um kurz in ein trockenes Brötchen zu beißen und dem Lipgloss zuliebe mit dem Strohhalm einen Schluck Cola zu trinken. "Hmmm. Das dunkle Geheimnis der Frau Dutt. So bleibe ich wach", kommentiert sie ihr Getränk – Prosecco darf es ansonsten auch gern sein.

    Die Varietéshow zu moderieren, ist für Dörthe Dutt ein Abenteuer, ein Lob für ihre bisherige Arbeit und eine künstlerische Herausforderung in einem: Sie lebt zwar für die Bühne, im Scheinwerferlicht blüht sie auf, kommt aber aus dem alternativen Karneval. Wenn da mal nicht alles wie am Schnürchen läuft, sorgt es im Zweifel für einen zusätzlichen Lacher bei ihrem Publikum.

    Neue Erfahrung

    Jetzt aber, als Moderatorin eine mehrstündige Show zusammenzuhalten, erstmals mit einem Regisseur zu arbeiten, auf internationale Künstler zu treffen und Abläufe bei ihren Auftritten zu beachten, an denen unter anderem ein Küchen- und Serviceteam hängt, um ein Viergangmenü zu servieren – "das ist schon eine andere Liga", sagt Dutt.

    Eine Liga, in der sie sich offensichtlich wohlfühlt: Mit den Kollegen scherzt sie bei jeder Gelegenheit herum, spricht von der "kleinen Varietéfamilie", vertraut auf Securiy-Mann Thorsten als Glücksbringer: Ihn drückt sie vor jeder Show. Dörthe genießt die trubelige Geschäftigkeit hinter den Kulissen, Einblicke in künstlerische Arbeit, die über den Tellerrand von Koblenz hinausgeht.

    Zwar hat sie eine eigene Garderobe. Vor der Show aber macht sie sich in der Gemeinschaftsgarderobe im ersten Stock über dem Kuppelsaal fertig – also dann, wenn sich Udo Eulgem in Dörthe Dutt verwandelt, wenn die roten Locken aufgesetzt werden und die Schminke aufgetragen wird. Gut eineinhalb Stunden braucht er, bis ihm Dörthe aus dem Spiegel entgegenstrahlt. Die Dörthe, die dann unten in ihrer Garderobe am Kuppelsaal in die hohen Hacken steigt und hinaus auf die Bühne stöckelt.

    So auch jetzt wieder, dieses Mal singt sie ein Chanson, liegt auf dem Flügel, gibt die Inhaberin eines Burlesque-Schuppens, strahlt, schwingt die Beine – und flucht kurz, dass sie auf Französisch singen muss. Typisch Dutt. Großer Beifall. Abgang. Zurück zur Garderobe. Dieses Mal wird es etwas hektischer: Raus aus dem Kostüm, rein ins nächste. Es muss etwas schneller gehen, Dörthe bleibt aber gelassen: "In der Rosa Bütt habe ich manchmal nur eine Minute Zeit, um das Kostüm zu wechseln." Jetzt sind es vier, fünf Minuten.

    Ohne Hilfe geht es nicht

    Raus aus der Korsage. Garderobenhilfe Patricia steht bereit, legt ihr einen langen, mit silbernen Pailletten besetzen Rock um, Dörthe schlüpft ins glitzernde Oberteil, Patricia hilft mit dem Reißverschluss. "Ohne Hilfe geht das nicht. Wenn man nur Kostüme hätte, die vorn zu schließen sind – das sähe ja auch nicht schön aus", sagt Dutt, dreht sich dabei vor die große, offen stehende Glastür – ihr Ersatz für einen Spiegel. "Der ist vergessen worden", verrät sie und lacht. "So geht es aber auch ganz wunderbar." Und für den Feinschliff, etwa, wenn sie das Lipgloss nachpinselt, hat sie einen kleinen Tischspiegel zur Hand.

    Schon liegt ein Eisbär aus Plüsch über ihrer Schulter, schon sitzt das Hütchen in den Locken, streift sie sich die Handschuhe über, einen Armreif, steigt in die Pumps – fertig für den nächsten Auftritt.

    Ihre Kostüme entwirft Dörthe selbst, eine Freundin schneidert sie für sie. "Die Kleider sind ganz wichtig für mich. Sie müssen ausgefallen sein, und mittlerweile ist Dörthe ja auch für ihre vielen Kostümwechsel bekannt." Diese gehören für sie zu jeder guten Travestie dazu.

    Für ihr Lieblingskostüm im Varieté – ein filigraner, hübscher Fummel mit Schmetterlingsflügeln – hat sich Dörthe übrigens von Dita von Teese inspirieren lassen, der wohl bekanntesten New-Burlesque-Künstlerin unserer Tage. Als Dörthe hineinschlüpft, strahlt sie einmal mehr, blickt lächelnd um sich, geht zum schwarzen Vorhang ihrer Garderobe, zieht ihn zur Seite und geht ins Licht der Scheinwerfer. Dorthin, wo sie hingehört.

     

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