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    Hennes Bender ist erregt

    Hennes Bender steht auf subversive Komik und wundert sich oft über seine schlauen Antworten in Interviews. Demnächst tritt er im Unterhaus auf.

    Hennes Bender ist ein echtes Arbeiterkind. Als Schüler spielte er mit  Vorliebe Sketche aus "Rudis Tagesshow" auf dem Pausenhof nach.
    Hennes Bender ist ein echtes Arbeiterkind. Als Schüler spielte er mit Vorliebe Sketche aus "Rudis Tagesshow" auf dem Pausenhof nach.

    Mainz/Bochum - Hennes Bender, der kleine Comedian aus dem Ruhrpott, kommt mit seinem neuen Programm "Erregt!" ins Mainzer Unterhaus. Zuvor erzählt er im Telefoninterview von seiner Herkunft, dem Gewicht der Populärkultur und der therapeutischen Wirkung von Comedy.

    Ihre Eltern arbeiteten bei Opel, sind Sie also eins dieser wenigen Arbeiterkinder, die es in Deutschland bis an die Uni geschafft haben?

    Ja, ich bin ein echtes Arbeiterkind. Ich bin in Bochum aufgewachsen, im Opel-Viertel. Mein Vater arbeitete Wechselschicht, das hat mich schon sehr geprägt. Ihm war auch ganz klar, dass ich was studieren sollte. Universitäten gab es im Ruhrgebiet ja erst ab Mitte der 60er Jahre. Das kam noch vom Kaiser her, der die Leute dort nicht allzu gebildet haben wollte, deswegen wurden die Unis im Ruhrgebiet erst spät gegründet. Ich habe dann Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften studiert.

    Aber Ihr Geld verdienen Sie heute mit Comedy. Wäre das Ihrem Vater recht gewesen?

    Er wäre zufrieden gewesen, dass ich meinem Lebensunterhalt mit etwas bestreiten kann, was mich glücklich macht. Ich bin ja auch kein Einzelfall. Wenn man sich die Kollegen anguckt: das sind ja alles Querseinsteiger. Lehrer zum Beispiel mit dem Drang auf die Bühne wie Volker Pispers.

    Wann ging das los mit Ihrem Hang zur Komik?

    Eigentlich schon in der Schule. Ich war nie der Klassenclown, aber ich war im Hintergrund subversiv. Das, was Otto, Loriot oder Monty Python machten, fand ich extrem interessant. "Nonstop Nonsens" habe ich immer auf Kassette mitgeschnitten, und bei "Rudis Tagesshow" habe ich die Gags mitgeschrieben und am nächsten Tag auf dem Schulhof nachgespielt. Die Mechanismen des Humors haben mich immer fasziniert

    Ihre Magisterarbeit dreht sich um die Mittelaltersymbolik in den Filmen Terry Gilliams und Monty Pythons, bei Ihren Auftritten spielen "Star Wars" und "Spongebob" eine Rolle. Populärkultur ist Ihnen wichtig?

    Nehmen Sie Shakespeare, das war ja auch Unterhaltung für normale Leute. Die ganze Trennung von E und U, Kabarett und Comedy geht mir derbe gegen den Strich. Unterhaltungskultur ist sehr wichtig, weil sie so viele Leute verbindet. In Amerika weiß jeder, was "Wizard of Oz" ist. Bei uns müssen Sie erst mal erklären: Was ist "Star Wars", was "Star Trek". So was nicht für voll zu nehmen, das ist typisch Deutsch. Uns fehlt so eine kulturelle Allgemeinbildung, dafür können alle über Fußball oder das Dschungelcamp reden. "Spongebob" ist auch eine sehr philosophische Sendung, ähnlich wie die Simpsons, die sind in Amerika inzwischen an jeder Uni Thema. Und nicht umsonst warnt die katholische Kirche vor Harry Potter, der hat ein ganz anderes Konzept als sie. Harry Potter setzt sich mit Dogmatismus und Faschismus auseinander.

    "Erregt!" ist Ihr fünftes Solo. Was ist anders als bei den vorigen Programmen?

    Man entwickelt sich ja als Komiker, und auch ich nehme mir heraus, mich entwickeln zu dürfen, eventuell die Leute damit zu irritieren. Ich liebe diese Irritationsmomente. Ich möchte mich nicht hinstellen und sagen: Ich mach nur das und das. Ich fände es langweilig, immer nur meinen Film abzuspulen. Unterhaltung sollte sich sowieso immer ein bisschen der Zeit anpassen. Zur großen Koalition zum Beispiel war Flaute im Kabarett, dann kam Westerwelle, alle freuten sich auf ein neues Feindbild. Dann machte der den Mund auf, und die Kabarettisten sagten: "Sorry, das können wir nicht toppen." Die Zeiten des politischen Feindbilds sind vorbei, auch das Kabarett ist vielfältiger geworden.

    Was kriegt das Publikum zu sehen und zu hören?

    Ich bin immer noch der, der sich mit Sprache auseinander setzt, der sich aufregt. Ich komme über Ecken auf Themen, mit denen die Leute nicht rechnen. Kommunikation und Kommunikationsmittel, Sprache, Konsumkritik, das sind immer noch meine Themen. Es wird ein fulminantes Finale mit Licht, Musik und Pyroeffekten geben. Das lasse ich mir auch im Unterhaus nicht nehmen. Als ich das Programm schrieb, gab es die Proteste gegen Stuttgart 21 oder diesen Skandal auf der Gorch Fock noch gar nicht. Aber da merkt man: Erregung liegt zur Zeit in der Luft. Die Leute lassen sich nicht mehr alles gefallen.

    In Ihrem vorigen Solo sangen Sie zum Schluss "Short People" von Randy Newman. Das war ein Höhepunkt des Abends. Gibt es diesmal mehr Musik?

    Als ich das Programm ausprobiert habe, gab es noch viel mehr Songs. Aber ich habe gemerkt: Songs sind bei dem, was ich mache, immer ne Bremse. Außerdem kann ich nur fünf Minuten am Stück wirklich gut singen. Es muss passen, wenn ich ein Lied singe. Es muss gut sein. Ein Lied darf keine Krücke sein. (Bender zögert) Ein Lied darf keine Krücke sein ... Ein Lied kann eine Brücke sein ... Das muss ich mir aufschreiben. Ich sage in Interviews manchmal Sachen, wo ich mich frage: Hab ich das gerade selber gesagt?

    Vor zwei Jahren dauerte Ihr Auftritt im Unterhaus drei Stunden. Eine halbe Stunde weniger, ein paar etwas schwächere Sachen raus, und es wäre perfekt gewesen.

    Ich habe zweieinhalb Stunden gespielt ... gut, vielleicht zweidreiviertel. Ich schimpfe ja selbst immer mit Kollegen, die zu lange machen: "Bring das, was du sagen willst, auf den Punkt. Klimper zwischendurch nicht auf dem Klavier rum, das interessiert keine Sau." Nur: Man hat so viel zu sagen, und wenn man Sachen ablegt, ist das, als hätte man die nicht mehr lieb, als würde man ein Kind in die Ecke setzen. Kürzen hat etwas mit Selbstdisziplin zu tun. Ich verspreche, dass ich bei zweieinhalb Stunden bleibe.

    Das Publikum spielt bei Ihren Auftritten immer ein große Rolle.

    Ja, und so nah wie diesmal war ich noch nie am Publikum. Dabei ist das ursprünglich aus der Not geboren. Wenn ich früher vor 20, 30 Leuten spielte, konnte ich nicht so tun, als wären es ein paar Tausend. Ich musste die einbeziehen. Aber mich interessiert bis heute wirklich, wer da sitzt, wo die herkommen, was die so machen.

    Nehmen Sie sich immer noch gern selbst auf den Arm?

    Ich gehe immer von mir aus und suche die Schuld nicht bei anderen. Auf andere mit dem Finger zu zeigen ist leicht, sich selbst in Frage zu stellen ist viel schwieriger. Das ist aber mein Ansatz, ich bin mein bestes Opfer.

    Auf der Bühne und auch hier im Interview legen Sie ein irres Sprechtempo vor.

    Das hat einen therapeutischen Nebeneffekt: Im Alltag bin ich ein langweiliger Mensch, denn mein Adrenalin muss ich aufheben, damit ich abends das Rumpelstilzchen rauslassen kann.

    Merken Sie was von der Wirtschaftskrise, einen Zuschauerschwund?

    Nein. Ich glaube, mir im Laufe der Jahre ein loyales Publikum erspielt haben. Es läuft erstaunlicherweise ein bisschen besser bei mir, seitdem ich nicht mehr jeden Fernsehscheiß mache. So gut ich "Neues aus der Anstalt" finde, es ist immer ein bisschen viel Priol. Ich mache es lieber anders: Ich halte live das, was ich im Fernsehen nicht verspreche.

    Das Gespräch führte Gerd Blase.

    Hennes Bender ist vom 9. bis 12. Februar mit "Erregt!" im Unterhaus zu Gast, Kartentelefon 06131/232 121.

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