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Koblenz

Ganz tiefe Emotion, ganz große Oper: Verdis Requiem

Das Verdi-Requiem ist eine Herausforderung für die Ausführenden und das Publikum – das war schon immer so und wird aller Voraussicht so lange so bleiben, wie sich Menschen von dramatisch durchdrungener Musik bewegen lassen. Die Herausforderung beginnt bei rein praktischen Dingen – schon davon könnte Mathias Breitschaft, Chorleiter des Musik-Instituts Koblenz und Dirigent des neunten Anrechtskonzerts der Saison in der Koblenzer Rhein-Mosel-Halle, sicher ein langes Lied singen. Das Verdi-Requiem und Breitschaft: Diese Verbindung dauert schon lange an und gewinnt dabei an Tiefe wie ein guter Rotwein.

Prächtig besetzt: das zweite Chorkonzert der laufenden Saison der Koblenzer Anrechtskonzerte des Musik-Instituts.  Foto: Thomas Frey
Prächtig besetzt: das zweite Chorkonzert der laufenden Saison der Koblenzer Anrechtskonzerte des Musik-Instituts.
Foto: Thomas Frey

Lange Jahre wirkte Breitschaft als Mainzer Domkapellmeister – wie soll man nur solch gewaltiges, vom leisesten mehrfachen Pianissimo bis zu brachialen Klangausbrüchen reichendes Werk in der denkbar unausgeglichenen Domakustik sinnvoll umsetzen? Breitschaft gelang diese Quadratur gleich verschiedener Kreise – und das dürfte eine kräftezehrende Unternehmung gewesen sein.

Jetzt, in der Rhein-Mosel-Halle, kann Breitschaft in günstigerer Akustik Detail um Detail herauspräparieren – und man muss sagen: Der profilierte Kirchenmusiker hätte auch auf dem Gebiet der Oper einiges zu bieten gehabt.

Effektsicher durch viele Stile

Die vielen Stilarten und Selbstzitate, die Giuseppe Verdi in seiner 1874 uraufgeführten Totenmesse mal breiter ausführt, mal nur ganz kurz antippt, beherrscht der Dirigent mit leichter Hand: Sei es eine Duettsequenz, die an Belcanto-Vertreter wie Bellini oder Donizetti erinnern mag, seien es Erinnerungen an die Emotion „Ewigkeit/Todeserlösung“, wie man sie etwa aus „La Traviata“ oder „Rigoletto“ kennt. Und auch dann, wenn das Requiem in die folgenden letzten Opernwerke Verdis weisen, zum gewaltigen Eröffnungschor in „Otello“ oder in augenzwinkernde Grotesken des „Falstaff“.

Dass die Entstehungszeit des Hauptteils des Requiems nahe der „Aida“ liegt, hat seine Spuren vor allem in den Solopartien hinterlassen – auch sie ein Beitrag zum Thema Herausforderungen. Alle vier Solisten könnten sich in den entsprechenden Hauptrollen des in Ägypten angesiedelten Musikdramas wiederfinden – und ebenso anspruchsvoll wollen sie besetzt sein.

Uneingeschränkt gelingt das beim Anrechtskonzert mit der Sopranistin. Vida Mikneviciute, Ensemblemitglied des Mainzer Staatstheaters, kann die glühende Durchschlagskraft liefern, um sich über Aberdutzende Chorstimmen und Orchesterwogen zu behaupten – und darauf die Stimme zu jenem Leuchten zurückzunehmen, für das zur Beschreibung fast nur das Wort „engelhaft“ passen will. Die vielseitige Sopranistin singt Partien zwischen den großen Operettenrollen und den Heldinnen eines Richard Strauss, ist im Opernverismus („Andrea Chenier“) ebenso gefragt wie als Senta in Wagners „Fliegendem Holländer“ – und sie zeigt im Koblenzer Chorkonzert eine Leistung, die man lang nicht vergessen wird. Daneben hat es die tiefere Frauenstimme bei Verdi schon prinzipiell etwas schwerer, Renée Morloc nutzt die vorhandenen Möglichkeiten aber nach besten Kräften und schöpft dabei vor allem aus ihrer reichen Tiefe Erstaunliches. Da können in diesem Konzert der ebenfalls in Mainz engagierte Tenor Alexander Spemann mit sicht- und hörbarer Anstrengung und der an diesem Abend über weite Teile glanzlos singende und deutlich an Grenzen stoßende Martin Blasius (Bass) nicht mithalten: Es ist der Abend der beiden Solistinnen.

Limburg und Koblenz vereint

Und es ist ein Abend der Rheinischen Philharmonie, die Lust findet am Spiel auf der Effektenklaviatur, mit der Mathias Breitschaft vom Pult aus etwa das „Sanctus“ in bewusst kalkulierte Schrilltöne treibt oder für ein „Amen“ eine wahre Klangwalze entfesselt: Wie schön, dass hier nahtlos die beiden Chöre anschließen, die sich zum Requiem zusammengetan haben. Auch das liegt teils in der Person von Mathias begründet – schließlich wirkte er nach seinem Abitur 1970 bis zum Weggang nach Mainz Mitte der 80er-Jahre am Limburger Dom, von wo aus jetzt der Domchor die kurze Reise nach Koblenz antrat.

Das von Domchordirektorin Judith Kunz einstudierte Ensemble fand dabei mit dem Koblenzer Chor des Musik-Instituts zu einer tiefen Einheit, die in keinem Moment darauf hindeuten ließ, dass die beiden Chöre nicht andauernd zusammen singen – ein besseres Kompliment können sich die beiden Ensembles gegenseitig kaum bescheren.

Dass die Domchordirektorin dann auch noch völlig unprätentiös beim Konzert im Chor mitsingt und von Breitschaft persönlich zum gewaltigen Schlussapplaus ebenso unkonventionell aus dem Chor herausgeholt wird, lässt darauf schließen, dass die Zusammenarbeit insgesamt eine erfreuliche ist – den Zuhörern des sehr gut besuchten Chorkonzertes kann es nur recht sein, gern auch als Auftakt zu künftigen Projekten. Claus Ambrosius

Infos zum letzten Anrechtskonzert der Saison am 4. Mai unter www.musik-institut-koblenz.de

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