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Koblenz

"Ganz Ohr"-Auftakt: Lyrik aus dem Paradies

Das Koblenzer Literaturfestival "Ganz Ohr" hat begonnen - mit der historischen Liebeslyrik von Raoul Schrott, eingebettet in die Koblenzer Literaturmatinee im Stadttheater. Mit seinen Liebesgedichten aus vier Jahrtausenden führt der österreichische Autor im zweiten Teil der Matinee ein ziemliches Eigenleben.

Raoul Schrott
Raoul Schrott machte den Anfang: "Ganz Ohr" hat begonnen.
Foto: Ganz Ohr

Koblenz – Das Koblenzer Literaturfestival "Ganz Ohr" hat begonnen - mit der historischen Liebeslyrik von Raoul Schrott, eingebettet in die Koblenzer Literaturmatinee im Stadttheater. Der österreichische Autor, Literaturwissenschaftler und Übersetzer ist vielfach preisgekrönt (unter anderem 2004 mit dem Joseph-Breitbach-Preis). Mit seinen Liebesgedichten aus vier Jahrtausenden führt er im zweiten Teil der Matinee ein ziemliches Eigenleben - abseits des eigentlichen "Paradies"-Themas der traditionsreichen Veranstaltung.

Doch das ist beileibe kein Manko. Schrott, schon biografisch das Musterbeispiel eines global aktiven, über alle Genre-, Zeit- und Stoffgrenzen hinweg Schreibenden, plaudert anregend, informativ und unterhaltsam zugleich. Und mit seinen Übersetzungen bläst er mühelos den Staub von Jahrtausenden hinweg. Er lässt die Liebeserklärung und Gebet vermischenden Anrufungen der sumerisch-assyrischen Göttin Inanna, die multifunktional für Fruchtbarkeit, Liebe und erfolgreiche Kriegführung zuständig ist, genauso lebendig wirken wie die ersten, subjektive Gefühle ausdrückenden Liebesgedichte aus dem ägyptischen Theben oder die drastisch-sinnenfrohen Gedichte Catulls an seine geliebte Lesbia.

Das im Hinterkopf wird denn auch klar, wo die Quellen für Schrotts eigene Lyrik sprudeln, ohne dass da jemals der Eindruck gelehrsamer Verbissenheit entsteht. Vielleicht hätte er ja nur sein Eichborn-Bändchen über die "Erfindung der Poesie" kreuzen müssen mit seinem Brevier über die Engel und den Himmel der Heiligen, um ein bisschen näher ans paradiesische Thema zu kommen, um das sich die von Jana Gwosdek und Reinhard Riecke gelesenen Texte des ersten Teils redlich bemühten.

Natürlich, Liebe spielt auch da notwendig mit. Vielleicht noch nicht bei John Miltons monumentalem epischen Gedicht "Paradise Lost", in dem Adam und Eva nach dem Sündenfall ihr Eden nur noch in Flammen aufgehen sehen. So aber doch mehr oder minder offensichtlich in den Gedichten eines Wilhelm Müller, in dessen empfindsamer "Rose im Paradies", oder auch in den Beziehungsproblemen eher komische Seiten abgewinnenden Texten eines Karl May (!) oder Wilhelm Busch. Sei dem, wie dem sei: Verloren ist das Paradies allemal, siehe Milton.

Das gilt auch für seine individuellen Varianten wie in dem bei der Matinee uraufgeführten Mini-Schauspiel der Theater-Hausautorin Sibylle Dudek. Da verschwindet ein kohlenpöttisches Stahlwerk auf Nimmerwiedersehen in der Baugrube für ein Schickimicki-"Freizeitparadies".

Adieu "Kanalgarten", wie Schrott das Paradies philologisch korrekt und anschaulich erläuterte - vielleicht lag ja deshalb über allen Musikstücken, die das Duo aus Karsten Huschke (Klavier) und Kristian Schwertner (Geige) beisteuerte, ein Hauch von süß-wohliger Tränenseligkeit - von Jules Massenets "Méditation" bis zu den gefühligen Romanzen Schumanns und Johan Severin Svendsens. Lieselotte Sauer-Kaulbach


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