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    Rheinland-PfalzFlucht vor dem Alltag gelingt nur bedingt: Gewalt ist auch auf Festivals zu Hause

    Nach Open-Air-Absage wegen sexueller Übergriffe in Schweden: Vorfälle gibt es auch 
bei regionalen Festivals wie der Nature One und Rock am Ring - nur das Ausmaß ist ein anderes.

    Für ein Wochenende dreht sich die Welt bunter und lauter: Musikfestivals sind im Sommer die Flucht aus dem Alltag – denkt man. Auch auf ihnen können sich Abgründe offenbaren.
    Für ein Wochenende dreht sich die Welt bunter und lauter: Musikfestivals sind im Sommer die Flucht aus dem Alltag – denkt man. Auch auf ihnen können sich Abgründe offenbaren.
    Foto: Adobe Stock

    Von unserer Redakteurin Melanie Schröder

    Für Musikfans heißt Sommer Festivalzeit. Und egal, zu welchem Sound tage- und nächtelang gefeiert wird, eins eint alle Besucher: das Gefühl, dem Alltag und Konventionen zu entfliehen. Alkohol und andere Rauschverstärker gehören zum Selbstverständnis, Fremde werden Freunde, die Herzen schlagen im gemeinsamen Festivaltakt. Doch auch die Abgründe einer Gesellschaft finden Eingang in die vermeintliche Harmonieblase, die den Alltag doch eigentlich außen vor lassen will. Das zeigt die jüngste Debatte um sexuelle Gewalt beim schwedischen Bråvalla-Festival.

    Nachdem das Fest gefeiert wurde, erklärte der deutsche Veranstalter FKP Skorpio, der auch Megafestivals wie das Hurricane, Southside oder Mera Luna in Deutschland verantwortet: Um ein Zeichen gegen sexuelle Übergriffe zu setzen, fällt das Bråvalla 2018 aus. Zwar sei es nicht zu mehr Übergriffen gekommen, „aber auch ein Vorfall ist einer zu viel“, erklärte eine Sprecherin. 23 Anzeigen wegen sexueller Belästigung, vier wegen Vergewaltigung wurden 2017 gemeldet.

    Situation bei regionalen Festivals

    Dass Festivals keine Inseln der Glückseligkeit sind, beschäftigt auch Oliver Vordemvenne, Geschäftsführer von I-Motion in Mülheim-Kärlich und Veranstalter des Hunsrücker Technofestivals Nature One: „Ein Musikfestival hat mitunter die Größe einer Kleinstadt. Und in diesem Kosmos kann alles passieren, was in einer Kleinstadt auch passiert. Zum Glück wurden uns nie Vorfälle dieser Art gemeldet.“

    Dass die Dunkelziffer hoch sein könnte, dass über sexuelle Gewalt auf Festivals nicht gesprochen wird, will Vordemvenne nicht ausschließen, betont aber: „Wir haben tatsächlich noch nie von solchen Dingen gehört, auch im Nachhinein sind Besucher oder Polizei nie auf uns zugekommen.“ Der zuständige Einsatzleiter der Polizei Koblenz, Heinz-Peter Ackermann, sagt dazu: In den vergangenen Jahren habe es bei jeder Ausgabe des Elektrofestivals ein bis zwei Anzeigen wegen sexuellen Übergriffen gegeben, aber nur 2015 wurde ein Fall versuchter Vergewaltigung als sexuelle Nötigung verurteilt.

    Ähnlich beim Megafestival Rock am Ring. 2011 wurde eine Vergewaltigung auf dem Gelände sogar in der Fernsehserie „Aktenzeichen XY“ verfolgt, aber der Fall blieb ungelöst. Ob es seitdem zu weiteren Übergriffen oder Vergewaltigungen kam, will der Veranstalter, die Marek Lieberberg Konzertagentur, nicht klären – für eine Stellungnahme war auf mehrfache Anfrage niemand zu erreichen. Doch Eugen Linden von der zuständigen Polizeidienststelle Mayen erläutert: Bis auf 2013 wurde seit 2012 in jedem Jahr eine Vergewaltigung während oder nach dem Festival angezeigt, in diesem Jahr liegt der Tatvorwurf einer versuchten Vergewaltigung vor. Allerdings erklärt Linden: „Bei einer zunächst angezeigten Vergewaltigung kann es sich nach späterem Ermittlungsergebnis auch um sexuelle Nötigung handeln, wir gehen bei der Anzeigenaufnahme zunächst immer vom schwereren angezeigten Delikt aus.“ Die Aufklärung solcher Einzelfälle sei aufgrund der Menschenmassen und der daraus resultierenden hohen Anonymität schwierig.

    Frauennotruf Mainz beruhigt

    Zum Dunkelfeld kann auch Linden keine validen Aussagen treffen. Dass es sehr wohl aber mehr junge Frauen in Rheinland-Pfalz gibt, die nach Festivals realisieren, dass sie Opfer von Grenzüberschreitungen wurden, weiß hingegen Annette Diehl vom Frauennotruf Mainz. „Wir kennen die Thematik in Bezug auf Musikfestivals. Allerdings muss man sagen, dass Feste jeglicher Art, auch Wein- oder Stadtfeste, zu Orten für sexuelle Belästigungen oder Vergewaltigungen werden. Gerade da, wo Alkohol im Spiel ist.“ Und sie betont: Die Zahl ist überschaubar. „Es gibt Vorfälle, aber es sollte daraus keine Panik resultieren. Junge Frauen sollten auf jeden Fall weiterhin Festivals besuchen – gut wäre, wenn Festivalveranstalter das Thema in den Fokus nähmen – sowie auch andere Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden.“

    Für Diehl ist der offene Umgang der einzige Weg, eine Besserung herbeizuführen, denn Denk- und Sprachverbote brächten gar nichts: „Dass das Festival in Schweden für 2018 abgesagt wurde, hilft niemandem. Im Gegensatz: Die Mädchen, die sich getraut haben, über die Vorfälle zu sprechen, werden gebrandmarkt. Weil sie das Tabu gebrochen haben. Symbolisch werden alle bestraft.“ Allein Aufklärung könnte helfen. Daher wird ihr Verein im August beim Hunsrücker Lott-Festival vertreten sein und unter dem Titel „Feiern ohne Übergriffe – Sexualisierte Gewalt auf Festivals“ informieren – für mehr Transparenz.

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