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    Fans trauern: Mit Joy Fleming geht eine der Vielseitigsten

    Ehrlich geradeaus, immer authentisch, gesegnet mit einer gewaltigen Stimme: Dafür liebten ihre Fans die Sängerin Joy Fleming. Von Pop über Schlager bis Soul, Blues und Jazz war sie eine der vielseitigsten deutschen Sängerinnen – am Mittwoch ist sie unerwartet im Alter von 72 Jahren gestorben.

    Seit mehr als fünf Jahrzehnten stand sie auf der Bühne: Jetzt ist die Sängerin Joy Fleming im Alter von 72 Jahren gestorben. Foto: Joy-Productions
    Seit mehr als fünf Jahrzehnten stand sie auf der Bühne: Jetzt ist die Sängerin Joy Fleming im Alter von 72 Jahren gestorben.
    Foto: Joy-Productions

    Von unserem Kulturchef Claus Ambrosius

    Ein großer Hit ist für einen Musiker zunächst ein Segen – mit zeitlichem Abstand manchmal aber auch ein Fluch. So kann zwar selbst ein Ein-Hit-Wunder jahrelang die Miete zahlen, doch die Festlegung auf einen Titel oder ein Genre ist nicht immer vergnügungssteuerpflichtig. Auch Joy Fleming hatte strenggenommen „nur“ einen Hit, und das mit Hindernissen: 1975 schmetterte sie für Deutschland beim damals noch als „Grand Prix“ ausgetragenen Eurovision Song Contest ihren Titel „Ein Lied kann eine Brücke sein“. Der nach der deutschen Vorentscheidung hoch gehandelte Song fällt im Live-Entscheid durch: Dem überambitionierten Dirigenten gehen am Pult die Gäule durch, er übertönt beinahe die stimmstarke Sängerin, die noch dazu nicht ihren besten Tag hat. So belegt Joy Fleming in Stockholm nur den 17. von 19 Plätzen – doch der Titel macht seinen Weg und ist bis heute eine der deutschen ESC-Hymnen.Und: Joy Fleming muss „Ein Lied ...“ natürlich noch viele Hunderte Male schmettern. Selbst, als sie auf ihrer langen musikalischen Reise immer mehr bei Soul und ihrem geliebten Blues Schwerpunkte findet, für die es in Deutschland aber bekanntlich nur einen begrenzten Markt gibt, verlangen ihre Fans den Titel immer wieder. Beinahe 40 Jahre lang steht er auf der Titelliste ihrer vielen Liveauftritte – „und den hohen Ton, den schaffe ich immer noch genauso!“, sagte Fleming strahlend in einer SWR-Dokumentation zu einem runden Geburtstag. Bis zuletzt stand sie auf der Bühne – jetzt ist die Sängerin im Alter von 72 Jahren zuhause auf ihrem Bauernhof im Rhein-Neckar-Kreis gestorben.

    Der heimische Sender spielt eine wichtige Rolle in ihrem Leben: 1968 tritt die 1944 in der Nordpfalz geborene Erna Strube beim „Talentschuppen“ im damaligen SWF auf – ein Wendepunkt für die junge Sängerin, die nach einer Lehre als Verkäuferin ihr Geld in Mannheimer Bars verdient, in denen dort stationierte Amerikaner nach Musik aus der US-Heimat verlangen. Die 16-jährige Erna singt nach, was gefällt und muss dabei offenbar vor keiner Schwierigkeit aufstecken: Noch Jahrzehnte später erzählen die Zeugen ihrer frühen Jahre von dem Mädchen mit der Riesenstimme, das sich quer durch ein großes Repertoire singt.

    Von Natur aus hat Joy Fleming, wie sie sich bald nennt, eine große Stimme mit einem enormen Umfang. Auch die solide Technik muss ihr felsenfest mitgegeben worden sein: Sie, die Zeit ihres Lebens vor allem Livekünstlerin sein wird, schont sich nicht. Noch bei ihren letzten Auftritten vor ein paar Wochen kommt das Publikum ganze zwei Stunden auf seine Kosten.

    Nach den Galeerenjahren in Klubs und Bars probiert sich Joy Fleming aus, covert mit ihrer ersten Band Joy & The Hit Kids von 1966 auch die Beatles. Die 1969 in Joy Unlimited unbenannte Gruppe nimmt mit seiner kreativen Mischung zwischen Jazz-Rock und Psychedelic Rock eifrig Platten auf, so richtig durchzustarten gelingt der Band aber nicht.

    Joy Fleming macht als Solokünstlerin weiter und setzt auf eine Karte, die sie schon mit Joy Unlimited ausspielen wollte: Neben den damals marktgängigen englischsprachigen Titeln hatte die Band auch deutsche Lieder im Programm – in ihrer Muttersprache macht Joy Fleming schließlich ihre nachhaltigste Karriere. Aber nicht auf Hochdeutsch: Der „Neckarbrückenblues“ ist ihr erster Erfolg in Kurpfälzer Mundart mit Mannheimer Einfärbung. Weitere Titel und Alben folgen. Für Walter Bockmeyers Trash-Heimatfilm „Die Geierwally“ (1988) fängt sie sogar an zu jodeln – und auch hierbei zeigt sie ihre Professionalität.

    Sie macht Musik, die sie mag

    Die Jahre vergehen, die Moden wechseln, Joy Fleming ist mittlerweile nach zwei gescheiterten Ehen dreifache Mutter und Besitzerin eines kleines Zoos, wie sie ihre Großfamilie aus Kindern, neuem Lebensgefährten und vielen Tieren auf ihrem Bauernhof selbst beschreibt. Im eigenen Tonstudio macht sie die Musik, die ihr gefällt, zwischendurch ist sie immer wieder zu Konzerten unterwegs. Der ganz große Erfolg, den ihr viele zutrauen und vor allem wünschen würden, tritt nicht ein. Dafür ein stetiger: Ob solo auf Tour, ob bei einer Schlagergala oder wenn der SWR Bigband kurzfristig eine Swinglegende abhanden kommt – Joy Fleming ist da und liefert.

    Und alle Jahre wieder ist da noch der Eurovision Song Contest: Noch drei Mal versucht sich Fleming im Vorentscheid, gibt die Jurorin, macht zum glücklosen Auftritt von 1975 gute Mine zum bösen Kleid. Und singt, singt, singt – mit Herz, ohne Drumherum, echt. „Manchmal muss ich weinen, so schön ist die Musik“, sagt sie bei einem ihrer letzten Auftritte. Wer sie einmal live erlebt hat, weiß, dass Joy Fleming das mit jeder Faser ernst meinte.

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