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Koblenz

Familienausflug zur Punkrockparty

Markus Kuhlen

Lieber einen Abend mit Mama und Papa verbringen – oder bei der Punkparty mit ihnen die Sau rauslassen? Was auf den ersten Blick unvereinbar scheint, haben die Broilers am Donnerstagabend bei ihrem Auftritt in Koblenz mühelos unter einen Hut bekommen. Mitten im Getümmel verpassten sich Irokesenträger beim Pogo Bierduschen, während in den hinteren Reihen der Sohnemann auf den Schultern saß und fast alle Hits ebenso inbrünstig mitsang wie sein Vater im deutlich in die Jahre gekommenen Fan-T-Shirt.

Große Gesten, großer Abend: Sammy Amara, Frontmann der Broilers, weiß, wie er mit seiner Band für einen grandiosen Konzertabend mit Punkrock sorgen kann. In der ausverkauften Conlog-Arena ließen sich die Broilers feiern – und das von mehreren Generationen von Fans.  Foto: dpa
Große Gesten, großer Abend: Sammy Amara, Frontmann der Broilers, weiß, wie er mit seiner Band für einen grandiosen Konzertabend mit Punkrock sorgen kann. In der ausverkauften Conlog-Arena ließen sich die Broilers feiern – und das von mehreren Generationen von Fans.
Foto: dpa

In den 25 Jahren ihres Bestehens haben die Düsseldorfer ganz offensichtlich Fans aus allen Generationen angezogen – und nicht mehr losgelassen. Da fanden sich in der Conlog-Arena schlecht versteckte Geheimratsecken neben den neusten Trendfrisuren, klassische Handtaschen neben Turnbeutel-Rucksäcken und in die Jahre gekommene Rockabillys neben kaum volljährigen Punkfans. Wie es sich für solch ein Familientreffen im Dezember gehört, kam dann auch noch der Weihnachtsmann mit Geschenken vorbei. Doch dazu später mehr.

Ein Vierteljahrhundert Broilers also – auf der Bühne ist der Band davon nichts anzumerken. Kraftvoll, schnell und laut wirbelt sie durch zwei Stunden voller Hits. Kein Wunder, die Düsseldorfer können auf zwei Nummer-eins-Alben zurückgreifen – die beiden letzten Platten eroberten die Spitze der Charts. Da kann man es sich auch erlauben, als Wartemusik vor dem Konzert nicht wie andere Bands Hintergrundmusik laufen zu lassen, sondern die Fans mit einer Punktrilogie aus Pennywise, Agnostic Front und Sham 69 auf Betriebstemperatur zu bringen. Die rund 5000 in der ausverkauften Conlog-Arena dankten es mit lautem Mitsingen, bis das Intro zum ersten Hit „Zurück zum Beton“ einsetzt. Getragene Akustikgitarre, leise Klatscher – dann ein Knall, E-Gitarre und ein erstes dröhnendes „Ohohohoooo“. Party eröffnet.

Beim vierten Song „Harter Weg“ tauchen aus dem Dunkel der Bühne dann drei Bläser auf – die ganz wenigen in der Arena, die bis dahin still standen, hält es nun auch nicht mehr. Und so kann das folgende „Tanzt du noch einmal mit mir?“ nur rhetorisch gemeint gewesen sein – Koblenz tanzt, springt und singt mächtig. Was wiederum die Band zu befeuern scheint, die zumindest zu Beginn auf längere Ansagen verzichtet, dafür von Song zu Song immer lauter, immer schneller, immer kraftvoller wird.

Dementsprechend wird es in der Arena wärmer, die Pfützen aus von beim Tanzen verschütteten Bier auf dem Boden größer. „Ihr arbeitet bestimmt alle hart, ihr Koblenzer“, ruft Sänger Sammy Amara auch in die Menge. „Aber ihr feiert auch hart.“ Hart zu arbeiten hatten dann tatsächlich einige Fans. Zu „Wie weit wir gehen“ fordert die Band auf, dass jeder seinen Lieblingsmenschen auf die Schultern nimmt. Die ersten Töne des Songs erklingen, die ersten Mädchen werden auf Schultern gehoben – erst einzelne, dann Dutzende, am Ende scheint sich fast das gesamte Publikum nach oben hin verdoppelt zu haben – ein beeindruckendes Bild.

Das noch besonderer wird, weil mitten unter den emporgehobenen Menschen auf einmal ein Weihnachtsmann auftaucht. Roter Mantel, Rauschebart und ein Geschenksack, so steht er minutenlang auf den Schultern seines Kumpels und singt mit. Und kurz danach landet ein Geschenkesack auf der Bühne. Die Band unterbricht kurz das Konzert, fragt ungläubig, ob das für sie sei, und will öffnen. Allein, dazu fehlen Schere oder Messer, was Sänger Amara zum launigen Ausspruch in Richtung seiner Band bringt: „Was ist mit euch los? Habt ihr keine Messer dabei? Ich dachte, ihr seid Rocker.“ Irgendwann ist der Sack dann doch offen, und die Broilers mit Plätzchen und Gin Tonic beschenkt. Bescherung in Koblenz.

Da lässt sich die Band nicht lumpen und zündet zu „Nur nach vorne gehen“ die Punkrockversion einer Kerze an – eine bengalische Fackel. Und zwar so, wie es sich gehört. Erst eine auf der Bühne, dann zwei, dann drei, dann vier im Publikum. Kurz danach endet die zweistündige Party, die Band verneigt sich, auf der riesigen Leinwand dahinter prangt groß das Wort „Danke!“. Die Fans strömen aus der Halle – was sie über alle Altersschichten verbindet, ist ein seliges Lächeln im Gesicht: egal ob Sohnemann, Papa oder Punk.

Von unserem Redakteur Markus Kuhlen

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