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Koblenz

Erstmals in Deutschland: Ingmar Bergmans "Wolfsstunde" als Puppentheater

Das Koblenzer Theater zeigt von Samstag an als erstes deutsches Haus eine Bühnenumsetzung von Ingmar Bergmans Film „Wolfsstunde“. Mit Puppen soll diese ebenso surreal und düster werden wie die filmische Vorlage des schwedischen Meisterregisseurs aus dem Jahr 1968.

Aus einem Schwarz-Weiß-Film von 1968 wird in einem Künstleratelier unweit des Koblenzer Theaters intimes Puppentheater: Die Puppenspieler Myriam Rossbach, Christian Pfütze und Hendrika Ruthenberg in Ingmar Bergmans „Wolfsstunde“.
Aus einem Schwarz-Weiß-Film von 1968 wird in einem Künstleratelier unweit des Koblenzer Theaters intimes Puppentheater: Die Puppenspieler Myriam Rossbach, Christian Pfütze und Hendrika Ruthenberg in Ingmar Bergmans „Wolfsstunde“.
Foto: Katharina Dielenhein

Eine Frau und ein Mann auf einer einsamen Insel, ein Adelsgut samt passend verstörenden Bewohnern, Rückblicke in die Vergangenheit der Hauptpersonen, die nach und nach dunkle Geheimnisse entschlüsseln: Das klingt nach einer mysteriösen und spannenden Geschichte. Und ihr Autor ist kein Geringerer als der vor bald 100 Jahren geborene schwedische Meisterregisseur Ingmar Bergman (1918–2007). Er hat diese Geschichte unter dem Titel „Wolfsstunde“ 1968 verfilmt, bereits seit 2002 liegt die Übersetzung des Drehbuches im Wiesbadener Theaterverlag Musik und Bühne vor – und trotzdem hat sich noch niemand an den Stoff des prominenten Autors gewagt.

Die Zurückhaltung kann Juliane Wulfgramm, Chefdramaturgin des Koblenzer Theaters, in einer Hinsicht durchaus verstehen: „Der Film erzählt eine Geschichte von den dunklen Seiten des Lebens, und er arbeitet mit surrealen Mitteln. Das ist nicht leicht auf der Bühne umzusetzen.“ Wulfgramm allerdings, die nicht nur ein Schweden- und Bergmanfan, sondern praktischerweise auch gut bekannt mit dem Wiesbadener Verlagsleiter ist, fiel „Wolfsstunde“ beim Durchlesen diverser Bergman-Stücke auf der Suche nach einem interessanten Projekt für Koblenz direkt ins Auge: „Ich hatte sofort eine Umsetzung durch Puppentheater im Sinn!“

Nichts für schwache Nerven: Der Film „Wolfsstunde“ ist im schwedischen Original „Vargtimmen“ mit englischen Untertiteln und Max von Sydow und Liv Ullman in den Hauptrollen auf YouTube verfügbar.

Auch Ingmar-Bergman-Stiftung ist begeistert

Die Idee kam auch an berufener Stelle bestens an: Jan Holmberg von der schwedischen Ingmar-Bergman-Gesellschaft, mit dem Wulfgramm in Kontakt steht, ist vom Ansatz der Koblenzer Uraufführung überzeugt und schrieb schon im vergangenen Sommer: „Ich muss sagen, das klingt absolut fantastisch! ,Wolfsstunde’ als Puppentheater klingt ausgesprochen passend ...“

Quasifilmische Übergänge, Surreales: Dafür ist Figurentheater natürlich prädestiniert. Den kleinen Binnenbezug des Films zum Puppentheater – solches kommt im Film mit einem Ausschnitt aus Mozarts „Zauberflöte“ vor – brauchte es dann gar nicht mehr, um Wulfgramms Interesse nachhaltig zu wecken. Wobei die „Zauberflöte“ nur einer von vielen Hinweisen auf die reichen autobiografischen Bezüge ist, die Ingmar Bergman seiner „Wolfsstunde“ mitgegeben hat: Mit dieser Oper hatte er sich intensiv beschäftigt und sie 1975 als international wahrgenommene Filmversion umgesetzt.

Die Angst vorm Dunkel, die bewusste, einsame Auseinandersetzung mit den Naturgewalten: All das sind weitere Dinge, die in Bergmans Leben wie auch in „Wolfsstunde“ eine wichtige Rolle spielen. Und: eine Hauptfigur, die wie so oft bei Bergman den Namen Alma trägt. In Koblenz wird diese Alma gleich mehrfach auf der überaus intimen Bühne Werkstatt Kunstraum mit Platz für gerade einmal 30 Zuschauer stehen: Die drei Puppenspieler übernehmen als Schauspieler verschiedene Facetten der Figur. Zusätzlich spielen sie Puppen, die Jan Müller, der in dieser Produktion auch die Inszenierung und Raumgestaltung übernommen hat, aus China bezogen hat. Das Modellieren der Köpfe der vielseitig spielbaren, rund 80 Zentimeter hohen Figuren hat Müller dabei selbst übernommen. Und dass auch er, der in Koblenz unter anderem schon die Regie für das Kindertheaterstück „Findus zieht um“ übernommen hat, ein echter Bergman-Fan ist, macht sich nicht zuletzt in der Ähnlichkeit der Puppe der Figur des Johan mit dem schwedischen Kultregisseur deutlich.

Renate Bleibtreu hat mit Bergman-Expertenwissen geholfen

Seit einem Dreivierteljahr bereiten sich Jan Müller und das Theater auf die Produktion vor, Juliane Wulfgramm konnte in dieser Zeit mehrfach auf die Expertise der Übersetzerin des Filmtextbuchs zurückgreifen: Renate Bleibtreu, Schwester der 2009 verstorbenen Schauspielerin Monica Bleibtreu, konnte ihr bei Begriffen und Wendungen, deren konkrete Bedeutung sich nicht erschließen wollte, weiterhelfen. Bleibtreu hatte 2002 Ingmar Bergmans mehr als 800 Seiten umfassendes Werkporträt „Im Bleistift-Ton“ herausgegeben.

Durch die lange und intensive Zusammenarbeit mit dem Regisseur für das Buch konnte sie zu einer speziellen Frage, die sich in den Koblenzer Vorbereitungen zur „Wolfsstunde“ ergaben, eine Antwort des mittlerweile lange verstorbenen Bergman zu genau jener Stelle weiterreichen: „Ich liebe es, wenn ich die Leute in die Irre führen kann!“ In dieser Hinsicht kommt die „Wolfsstunde“ in deutscher Erstaufführung in Koblenz also quasi mit Unterstützung des Autors auf die Bühne – wenn auch in einer, die für Interpretationen den denkbar weitesten Spielraum offenlässt.

Von unserem Kulturchef Claus Ambrosius

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