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Köln

Elke Heidenreich: Zum 75. eine Rheinreise ins Ich

Claus Ambrosius

Wenn sie am heutigen Donnerstag in Zeitungsartikeln über den grünen Klee gelobt wird und Glückwünsche eintrudeln, findet das eine Person wahrscheinlich ausgesprochen töricht und überflüssig: Elke Heidenreich höchstpersönlich. Die beliebte Schriftstellerin, Literaturkritikerin, Kabarettistin, Moderatorin, Journalistin und Opernlibrettistin hat um Interviewanfragen zu ihrem heutigen 75. Geburtstag einen großen Bogen gemacht. Kein Problem, schließlich erzählt Heidenreich in ihren Büchern viel von sich – auch in „Alles fließt“, einem sehr persönlichen Bericht über eine Rheinreise, der praktischerweise heute in die Buchläden kommt.

Unermüdliche Kämpferin für gute Bücher und selbst Verfasserin zahlreicher ebensolcher: Elke Heidenreich.  Foto: dpa
Unermüdliche Kämpferin für gute Bücher und selbst Verfasserin zahlreicher ebensolcher: Elke Heidenreich.
Foto: dpa

Das vermutlich zur eigenen Geburt führende Stelldichein ihrer Eltern in Wiesbaden, der erste wichtige Kuss in Rheinnähe, fünf Lebensjahre in Bonn, mehr als 30 in Köln, unzählige Stunden im Zug mit Aussichtswagen im Mittelrheintal: Warum macht sich Elke Heidenreich eigentlich noch auf die Suche nach der Antwort auf die sprichwörtliche Frage „Warum ist es am Rhein so schön?“?

Auch deshalb, weil sich über mehr als 1000 Kilometer hinweg in Wanderschuhen, unterwegs mit dem Bus, dem Auto und vor allem mit der „MS Rheinperle“, gemeinsam mit dem Fotografen Tom Krausz immer wieder Ratlosigkeit zu dieser Frage im Angesicht zahlloser Kraftwerke, Industriebrachen und Regulierungsgrausamkeiten breitmachte. Doch Vater Rhein – laut Heidenreich der wohl meistbeschworene Vater der Welt, insofern vielleicht noch „Mütterchen Russland vergleichbar“ – obsiegt über jeden Zweifel: Immer wieder lässt sich die umfassend belesene Rheinreisende, erwartungsgemäß prächtig präpariert mit Rheingedichten, Erzählungen, Mythen und Romanen aus vielen Jahrhunderten, widerstandslos überwältigen von den Eigenheiten eines Flusses, der seit Urzeiten so vieles verbindet und doch auch trennt.

Aufgewachsen ist Elke Heidenreich zwar im Ruhrgebiet – gezeugt aber in Rheinnähe, so gesehen ist sie eigentlich auch Wiesbadenerin. Und dem Rhein bleibt sie seit Jahrzehnten in Hörweite treu – ausgerechnet in Köln, der Stadt, deren politische Bewegungslosigkeit, kulturelle Bräsigkeit und nicht enden wollender Verfilzung sie zunehmend kritisch gegenübersteht.

Wer Elke Heidenreich kennt und schätzt – und das sind, angesichts stets in Windeseile bestens verkaufter Lesungen in Köln, Koblenz und anderswo, nicht gerade wenige Menschen –, wird an „Alles fließt“ schon wegen der alten und neuen Einsichten in das Leben der vielseitigen Bücherfreundin Freude haben. Doch auch als kompakter Reiseführer mit zahlreichen guten Literaturtipps taugt „Alles fließt“: Der lapidar-authentische Ton, der die vielen erfolgreichen Bände mit Erzählungen der Autorin auszeichnet, schlägt sich auch hier, mit leichter Hand erzählt, launig und anekdotenreich nieder. Man möchte am liebsten mitfahren auf der „MS Rheinmelodie“ mit ihrer osteuropäischen Crew, die als Abendunterhaltung herrliche radebrechende Märchenaufführungen zeigt, die mit dem offenbar reichlich im Rahmen des Getränkeabonnements genossenen Roséweines noch mehr an dadaistischer Tiefe gewinnen.

In angesichts vieler bereister Rheinkilometer gebotener Kürze setzt Heidenreich Ausrufezeichen hinter Dinge, die man nicht verpassen sollte – von den zu erwandernden Schönheiten des Quellgebietes über die Schönheiten des Bodensees bis zum Welterbegebiet des Oberen Mittelrheintals: „Eigentlich wollte ich mich über die ganze patriotische Schlösser- und Burgenseligkeit lustig machen – was sollen uns diese albernen, aus der Zeit gefallenen Raubritterruinen –, aber ich kann nicht. Es ist einfach zu schön.“

Dazu kommen Gedichte und Literaturhinweise, viele spontane Quergedanken, Verbindungen zur deutschen und weltumspannenden Geschichte. Damit punktet „Alles fließt“, das auch durch die unprätentiösen und eher stille, unbekannte Orte als Postkartenmotive ins Visier nehmenden Fotografien ein überaus lohnender Beitrag zur viele Buchregalmeter einnehmenden Gattung der Rheinreiseführer geworden ist.

Und wenn Elke Heidenreich zu ihrem 75. doch gesprochen hätte, was hätte man wissen wollen? Zum Beispiel, ob sie bereut, es sich mit dem ZDF vor bald zehn Jahren so verscherzt zu haben, dass die beleidigten Programmchefs die von ihr moderierte „Lesen!“-Sendung begruben. Eine Editionsreihe zu Büchern rund um die Musik folgte, Auftritte auch in einer Produktion der Tanzsparte am Theater Koblenz, zahllose Lesungen im deutschsprachigen Raum.

Und seit 2012 ist sie in der ihr wohl liebsten Rolle als Literaturvermittlerin wieder im TV vertreten, im „Literaturclub“ des Schweizer Fernsehens SRF. Mit einem ständigen Mitstreiter dieser mehr auf leidenschaftliche Empfehlungen denn auf brillante Vernichtungsreden angelegten Sendung, dem Schriftsteller Philipp Tingler, tritt Heidenreich am 16. März bei den Koblenzer Literaturtagen im Theater auf – von Glückwunschbekundungen zum runden Geburtstag am Signiertisch ist möglicherweise lieber abzusehen.

Elke Heidenreich (Texte), Tom Krausz (Fotografie): „Alles fließt“, Corso/Verlagshaus Römerweg, 256 Seiten, 24,90 Euro

Von unserem Kulturchef Claus Ambrosius

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