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Einst gefeiert, jetzt gestürzt: Was bleibt von Dieter Wedel?

Melanie Schröder

Jähzorniges Genie: Dieter Wedels Unberechenbarkeit war lange Kult, jetzt bedeutet sie sein Karriereende. Nach etlichen Männern im US-Kulturbetrieb bringen massive Vorwürfe sexueller Gewalt nun auch den deutschen Regisseur zu Fall. Und auch sein Filmerbe?

Einst ein gefeierter Regisseur, jetzt beispiellos gestürzt: Dieter Wedel.
Einst ein gefeierter Regisseur, jetzt beispiellos gestürzt: Dieter Wedel.
Foto: dpa

Einfach nur „Horror“. Unter diesem Titel würde Dieter Wedel sein Leben aktuell verfilmen. Das sagte er kürzlich der „Bild“-Zeitung. Warum? Weil seine Geschichte die eines beispiellosen Absturzes ist. Sie erzählt vom Fall eines einst gefeierten Theater- und vor allem Fernsehregisseurs. Jetzt wird gegen ihn wegen sexueller Übergriffe ermittelt.

Vielleicht würde Wedel „Horror“ als autobiografische Mediensatire verstehen und sie wie in seinen filmischen Anfängen in den 70er-Jahren multiperspektivisch einfangen. Um zu zeigen, dass „man sich der Wahrheit immer nur annähern kann, sie aber niemals eindeutig zu rekonstruieren ist“. So erklärte er seinen Regieansatz einmal in Bezug auf ein „Tatort“-Drehbuch.

Nur eine Annäherung an die Wahrheit kann es auch hinsichtlich der aktuellen Anschuldigungen von Schauspielerinnen geben. Deren Vorwürfe sexueller Gewalt reichen rund 30 Jahre zurück. Eine lange Zeit – und auch ein Grund dafür, warum heute so widersprüchliche Versionen zur Figur Wedel existieren. Seine Ex-Lebensgefährtin Ingrid Steeger erklärt etwa in einem Interview: „Er hat es nicht nötig, Frauen zu vergewaltigen, die werfen sich ihm eh alle zu Füßen.“ Anders erinnert sich Schauspielerin Renan Demirkan: „Seine Handlanger achteten peinlichst genau darauf, dass er stets mit ausreichend ‚stimulierender Auswahl’ an Komparsinnen und Schauspielerinnen versorgt war.“ Ein Bruchteil der Männer der Wedel-Familie – Heiner Lauterbach, Mario Adorf, Henry Hübchen – hingegen erklärt allein: „Kein Kommentar.“

Blick auf Filmerbe ändert sich

Und Wedel selbst? Er sieht sich als Opfer einer Medienkampagne, streitet die Vorwürfe vehement ab. Ist es eigentlich Sache der Gerichte, die Schuldfrage zu klären, nehmen sich dieser Aufgabe fälschlicherweise die Medien an. Was Schlagzeilen aber bei aller Effekthascherei zeigen: Der Blick auf Wedels Filmerbe verändert sich.

Etwa weil der heute 75-Jährige stets betonte, wie viel in seinen Drehbüchern über ihn selbst steht. In seiner Autobiografie „Vom schönen Schein und wirklichen Leben“ schreibt er 2010, er habe sich stets hinter den fiktiven Figuren versteckt und sich selbst als die eine oder andere handelnde Person betrachtet. Wedel schimmert durch die Altherrenwitze seiner Mehrteiler, durch die Scherze unter der Gürtellinie und jene Liebesbeziehungen, die von Dominanz und Machtausübung geprägt sind. Wenn wieder die Rede von einer „Spritztour“ ist, zu der eine Dame eingeladen wird, wenn etliche Getränke im Schritt eines Herren oder im Ausschnitt der Frauen landen oder Ingrid Steeger in der festgelegten Rolle des Naivchens von perversen Fesselspielen bei einer Verabredung erzählt, mutet das nun anders an.

Nachdem mehrere Frauen gegenüber der Wochenzeitung „Die Zeit“ Dieter Wedel vorgeworfen haben, sie während der gemeinsamen Arbeit sexuell belästigt oder sogar vergewaltigt zu haben, ermittelt die Staatsanwaltschaft München gegen den Regisseur. Mehrere TV-Sender haben zudem Aufklärung in Verbindung mit ihren Produktionen zugesagt. Darunter der Saarländische Rundfunk (SR), der Norddeutsche Rundfunk (NDR) sowie Zdf, Sat.1 und die Produktionsfirma Bavaria Film. Das ZDF hat nach eigenen Angaben bisher keine schriftlichen Hinweise gefunden, die die Vorwürfe sexueller Übergriffe bestätigen würden. Ein Fall aus dem Jahr 1981 soll hingegen in den Akten des SR verzeichnet worden sein, wurde aber nicht verfolgt. Die geschäftsführende Familienministerin Katarina Barley (SPD) spricht vom Eindruck eines Schweigekartells der öffentlich-rechtlichen Sender wie Kollegen im Fall Wedel.

Zwar war es nie ein Geheimnis, dass Wedel Frauen in Masse aufriss – er hat sechs Kinder von sechs Frauen und lebte immer wieder in polygamen Beziehungen –, dass er zudem ein Tyrann und Choleriker am Set war, der zum Äußersten ging, um seine Ziele zu erreichen. Dennoch wird dieser Stil nicht länger Kult sein dürfen, kann nicht mehr mit Sätzen wie „Es war wenigstens echte Leidenschaft“ weggewischt werden, wie Heike Makatsch in Wedels Autobiografie über die schon schwierige Arbeitssituation mit dem Regisseur reflektierte.

Bis vor Wochen war Wedel vieles: ein begabtes Kind, das die Grundschule übersprungen und bereits mit 23 Jahren den Doktor in Theaterwissenschaft in der Tasche hat. Erste größere Erfolge feiert er mit Mehrteilern aus dem Leben der Durchschnittsdeutschen – der Familie Semmeling. Wedel begleitet sie beim Bau eines Eigenheims („Einmal im Leben“, NDR, 1972) oder dem Abenteuer Pauschaltourismus („Alle Jahre wieder“, NDR, 1976). In den wilden 70ern, als die Ehe aus der Mode ist, richtet er den Blick auf ein unaufregendes Ehepaar. Themen gegen den Strom zu setzen, zu überraschen, so habe er seine Arbeit immer verstanden, erklärt er in seiner Autobiografie.

Auch deshalb wendet er sich später den Schattengestalten zu, macht Wirtschaftsthriller zu seiner Marke. Dem Ende der bundesdeutschen Kaufhaus-Ära spürt er in „Der große Bellheim“ (ZDF, 1993) nach – unstrittig sein Höhepunkt. Mit dem Mehrteiler erarbeitet er sich den Ruf des Chronisten der Bundesrepublik. Und das trotz der immensen Plagiatsvorwürfe, die einen Großteil seines Schaffens durchziehen. Intrigen und Korruption beschäftigen ihn weiter – in den großen Mehrteilern „Schattenmann“ (ZDF, 1996) und „König von St. Pauli“ (Sat.1, 1998). In Letzterem erzählt er vom Rotlichtmilieu, baut über Jahre Schauspieler zu Größen auf, indem er Rollen auf ihre Person zuschreibt. Ein geschlossenes System, von dem profitiert, wer mit ihm auskommt.

„Glücksfall“ für Rheinland-Pfalz

Zurück zum Theater zieht es Wedel schließlich als Chef der Nibelungen-Festspiele in Worms. 2014 erhält er für dieses Amt den Verdienstorden des Landes Rheinland-Pfalz. SPD-Ministerpräsidentin Malu Dreyer nennt ihn damals einen „Glücksfall“. Heute fordert sie als Vorsitzende des ZDF-Verwaltungsrats Antworten. Gegenüber „Bild“ erklärt sie, ZDF-Intendant Thomas Bellut um Aufklärung zu bitten und „Vorschläge für eine Optimierung präventiver Maßnahmen zu unterbreiten“.

Seine letzte Stelle als Intendant der Bad Hersfelder Festspiele hat Wedel aufgrund der Vorwürfe kürzlich niedergelegt. Jetzt, wo er von der öffentlichen Bühne verschwunden ist, fordert etwa Regisseur Simon Verhoeven, auch sein Werk aus dem Bewusstsein zu verbannen. Der Ruf nach einem Ausstrahlungsverbot entspricht Konsequenzen, die im Zuge vieler Vorwürfe sexueller Gewalt derzeit selbstverständlich gezogen werden: Schauspieler Kevin Spacey wird aus Filmen geschnitten, eine Ausstellung des Künstlers Chuck Close abgesagt. Diese Tabuisierung ändert jedoch nichts. Sie behindert die Auseinandersetzung mit diskussionswürdigen Themen. Wie Nico Hofmann, Intendant der Nibelungen-Festspiele, sagt, verändert der heutige Blick auch Wedels Werke ganz automatisch: „Sie werden neu für sich und über ihn sprechen.“
Als Teil der (Fernseh-)Geschichte, auch als künstlerische Spiegelung der alten Bundesrepublik müssen und können sie dem Publikum nach wie vor zugemutet werden. Nur so kann Meinungsbildung stattfinden, nur so kann jeder selbst entscheiden, welche Horrorgeschichte Wedels später Sturz wirklich erzählt.

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