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Ein digitaler Lesekreis: Florian Valerius ist Buchblogger auf Instagram

Wolfgang M. Schmitt

Es wird immer weniger gelesen. Die Buchverkäufe gehen zurück, bis zu sechs Millionen Leser soll, so eine Studie, die Buchbranche zwischen 2011 und 2016 verloren haben.

Der literarische Nerd: Florian Valerius ist seit 2016 erfolgreich bei Instagram unterwegs.
Der literarische Nerd: Florian Valerius ist seit 2016 erfolgreich bei Instagram unterwegs.
Foto: Jens Weber

Die Gründe dafür sind vielfältig: Nachlassende Konzentration und abnehmende Lesekompetenzen tragen ebenso dazu bei wie ein immer literaturfeindlicher werdender Schulunterricht, in dem der Schüler zum Humankapital für den Arbeitsmarkt degradiert wird. Zudem hat das Buch durch die TV-Streamingdienste mit ihren zeitfressenden Serien harte Konkurrenz bekommen, welche Feuilletonisten noch verstärkten, indem sie fälschlicherweise behaupteten, Fernsehserien seien die neuen großen Gesellschaftsromane. Hinzu kommt die fortschreitende Digitalisierung: Wer beispielsweise Bus oder Bahn fährt, sieht die Passagiere unaufhörlich auf ihren Smartphones tippen, vertieft in ein Buch ist kaum jemand mehr. Es ist allerdings gut möglich, dass diese Smartphonenutzer gerade auf Instagram, dem Facebook für Fotos, unterwegs sind.

Nicht jedoch, um dort Bilder von Models oder Fitnessgurus zu bestaunen, sondern um sich mit Literatur zu beschäftigen. Sehr wahrscheinlich ist, dass sie dabei auf das Profil von Florian Valerius stoßen, der sich auf der Plattform „literarischernerd“ nennt und täglich originelle Fotos von Büchern hochlädt und diese mit persönlichen Kommentaren versieht. Valerius, hauptberuflich Filialleiter einer Buchhandlung in Trier, gehört zu den bekanntesten deutschen Buchbloggern auf Instagram.

Statt Fitnesstipps servieren Buchblogger Leseempfehlungen

2017 wurde er auf der Frankfurter Buchmesse vom Börsenverein des deutschen Buchhandels mit dem Buchblog-Award ausgezeichnet. „Er wird als Mensch hinter dem Account sichtbar, der andere mit seiner Leidenschaft ansteckt“, sagte die ehemalige Literaturkritikerin und jetzige Geschäftsführerin des Piper Verlags, Felicitas von Lovenberg, bei der Verleihung. Am 29. Januar kann Valerius auf einen weiteren Preis hoffen: Er ist – neben dem Fotografen Paul Ripke und der Staatsoper Berlin – in der Kategorie „Instagram-Account des Jahres“ für den Preis „Die goldenen Blogger“ nominiert.

Im Zeitalter der Digitalisierung hat sich das Prinzip Lesekreis radikal gewandelt: Trafen sich früher begeisterte Leser zu einem festen Termin im Monat, um über Bücher zu reden, findet dies heute – nur im größeren Kreis und eigentlich ständig – in den sozialen Medien statt. Instagram ist dafür eine ideale Plattform, weil die Kombination aus Fotos und Texten, die kommentiert werden können, einen ständigen Austausch ermöglicht.

Man zeigt dabei Gesicht: Der 35-jährige Valerius posiert etwa mit Kaffeetasse vor seinem Bücherregal oder blickt nachdenklich in einen neuen Roman. Häufig ist auch das Buch selbst der Star des Fotos, wenn der Bildhintergrund mit dem Cover abgestimmt wird. Ist im Titel von dornigen Rosen die Rede, liegt das Buch in selbigen. „Es geht um die Haptik und die Optik des Buches“, sagt er. So feiert das Analoge im Digitalen eine Renaissance – E-Books sähen langweilig aus.

Zum Buchblogger wurde Valerius eher zufällig. Es war während der Fußball-EM 2016: „Ich saß zu Hause, habe aus purer Langeweile ein paar Fotos von meiner Japanreise bei Instagram hochgeladen, und dann ging es los. Ich weiß noch, wie sehr ich mich gefreut habe, als die ersten 100 Follower da waren.“ Er begann Bücher, die er mochte, zu fotografieren und darüber zu schreiben. „Die ersten Wochen war ich komplett ahnungs- und planungslos. Ich habe heute manchmal noch das Gefühl, dass ich keinen konkreten Plan habe. Vieles kommt einfach aus dem Bauch heraus.“ Mittlerweile folgen dem „literarischen Nerd“ mehr als 7000 Menschen bei Instagram.

Sie schätzen seine lockere Art, in der er über seine Lektüreerlebnisse berichtet, sie lieben seine Fotos – aber auch sein Aussehen wird mit Komplimenten bedacht: Auf einem Foto zeigt er sich, passend zu Umberto Ecos Buch „Die Geschichte der Schönheit“ mit Schönheitsmaske. Instagram verleitet zum Narzissmus, ohne Selbstdarstellung, das heißt, ohne die Inszenierung von Authentizität geht es nicht. Valerius weiß das und spielt damit gekonnt. Doch es geht ihm in erster Linie darum, „Leute zum Lesen zu animieren“ und zu zeigen, dass Buchmenschen keine Langweiler sind. Immer wieder schreiben ihm Leute, dass sie jahrelang nicht gelesen haben, durch ihn aber wieder Lust am gedruckten Wort bekommen haben. Seine Schwester sei das beste Beispiel: Eigentlich habe sie nie ein Buch angefasst, seitdem sie die Posts ihres Bruders verfolgt, verschlingt sie regelrecht die empfohlenen Romane.

Mit professioneller Literaturkritik hat das Buchbloggen auf Instagram wenig zu tun: Wahrt der Kritiker Distanz, verbietet sich, „Ich“ zu sagen, und will er weder vom Autor noch vom Publikum unbedingt geliebt werden, setzen Buchblogger auf Nähe, erzählen von ihren Gefühlen und wollen von der Community Anerkennung haben.

„Ich lese dann etwas und schreibe darüber, wenn ich Bock darauf habe“, stellt Valerius jedoch klar. Die meisten Bücher kommen gut weg bei ihm, weil er eine sehr persönliche Vorauswahl trifft. Es geht nicht darum, die Literaturlandschaft abzubilden, sondern nur das vorzustellen, was ihn auch wirklich interessiert.

Zwei ganz unterschiedliche Arten des Rezensententums

„Dadurch, dass ich kein Geld damit verdiene, bin ich vollkommen frei in dem, was ich bespreche. Manchmal ziehe ich Bücher aus dem Regal, die ich vor zehn Jahren gelesen habe.“ Auch das schätzen seine Follower, die täglich mehr werden. Überhaupt wächst die Anzahl Literaturbegeisterter auf Instagram stetig – viele Verlage und Autoren haben längst Instagramprofile. Es gibt noch einen markanten Unterschied zwischen einem Instagram-Rezensenten und einem Kritiker. Während der Kritiker einen Text veröffentlicht und daraufhin höchstens ein paar Leserbriefe eintrudeln, muss der Blogger mit seiner Community kommunizieren – ein permanenter Lesekreis eben. Fotos von Kollegen müssen geliket, Fragen von Followern beantwortet werden. Das wird erwartet. Valerius hat seinen Tag nach Instagram getaktet. Mindestens zwei Stunden täglich kommuniziert er mit seinen Followern, gleich nach dem Aufstehen geht es los. Immer hat er sein Smartphone dabei.

Und dann zeigt er seine Hände: Vom vielen Tippen hat er inzwischen Hornhaut auf den Fingerkuppen. Buchblogger zu sein, ist harte Arbeit. Hoffentlich bleibt bei all dem weiterhin genug Zeit zum Lesen.

Von unserem Reporter Wolfgang M. Schmitt

Florian Valerius bloggt unter: www.instagram.com/literarischernerd

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