40.000
  • Startseite
  • » Kultur
  • » Ein aufreibender Publikumsliebling: Was ein Bühnendauerbrenner mit zwei Schauspielerinnen macht
  • Aus unserem Archiv
    Koblenz

    Ein aufreibender Publikumsliebling: Was ein Bühnendauerbrenner mit zwei Schauspielerinnen macht

    Was bedeutet es, ein Werk über Jahre zu spielen? Zwei Schauspielerinnen des Koblenzer Theaters berichten aus dem Innenleben von David Mamets "Die Anarchistin".

    Kammerschauspielerin Tatjana Hölbing (links) und Raphaela Crossey liefern sich in „Die Anarchistin“ einen wuchtigen Dialog. Das Stück, das im Neuen Justizzentrum gespielt wird, steht in der fünften Spielzeit auf dem Programm des Theaters Koblenz.
    Kammerschauspielerin Tatjana Hölbing (links) und Raphaela Crossey liefern sich in „Die Anarchistin“ einen wuchtigen Dialog. Das Stück, das im Neuen Justizzentrum gespielt wird, steht in der fünften Spielzeit auf dem Programm des Theaters Koblenz.
    Foto: Theater Koblenz/Dielenhein

    Sie streiten heftig, diskutieren, fallen einander immer wieder ins Wort. Genervt. Gereizt. Auf der einen Seite die mutmaßlich hinter Gittern geläuterte Terroristin Cathy, auf der anderen die Gutachterin Ann. Beide schenken sich nichts, sie sind zwei Kontrahentinnen, die sich ein aufreibendes, zermürbendes Wortgefecht liefern. So stehen sich Raphaela Crossey als Ann und Kammerschauspielerin Tatjana Hölbing als Cathy gegenüber, wenn sie in „Die Anarchistin“ auftreten und vehement gegeneinander spielen – inzwischen in der fünften Spielzeit.

    Seit so langer Zeit taucht das beim Publikum stark gefragte Zweipersonenstück immer wieder im Spielplan des Theaters auf. Unsere Zeitung sprach mit den beiden Darstellerinnen darüber, wie sich ein so lange gespieltes Stück verändert und ob sich das Verständnis für die Rolle wandelt, wenn sie einen über so ungewöhnlich lange Zeit durch die Schauspielkarriere begleitet. Zumal das an ethischen und moralischen Fragen reiche Stück kein bequemes Schauspiel ist – „das spielt man nicht so runter“, sagt auch Crossey. Allein schon wegen der ungewöhnlichen Spielsituation nicht.

    Die beiden Frauen zeigen das Stück in einem nüchternen Raum im Neuen Justizzentrum, Tisch und Stuhl sind ihr Spielbereich. Ihre Zuschauer sitzen direkt neben ihnen und werden Zeugen des verhörartigen Gesprächs, in das sie unvermittelt geraten, sobald sie den Raum betreten. Hier gibt es keinen Vorhang, keine Bühne, nur grelles Licht und direkte Nähe zwischen Darstellern und Publikum. „Diese Intimität ist schon eine andere Form des Spielens, und ich finde sie fordernd“, meint Crossey. Gerade in den ersten Minuten, dann, wenn die Konzentration riesig ist, bekomme sie noch viel von den Zuschauern mit, Gesprächsfetzen, Räuspern, die Dauerwipper mit dem Fuß, eben all das, was von einer Bühne aus sonst von Weite und Dunkelheit des Zuschauerraums geschluckt wird.

    Volle Konzentration

    Dabei, meint Crossey, „darf man sich im kleinen Raum und bei diesem Stück nicht einen Moment der Unachtsamkeit erlauben.“ Auf der großen Bühne sei das leichter einzufangen. Im Justizzentrum aber, in dem schnellen Dialog miteinander, ist laut Crossey kein Platz für Unsicherheiten – eigentlich. Es sei denn, man weiß sie zu nutzen: „Die beiden Figuren sind ja auch unsicher: Wenn wir als Schauspieler unsicher werden, können wir das wunderbar verwenden.“ Also aus dem Moment heraus spielen – und dabei darauf vertrauen können, dass die Bühnenpartnerin darauf eingeht.

    Denn auch das Vertrauen und eine feine Sensorik für das Gegenüber haben sich in den fünf Jahren ausgebildet, in denen Crossey und Hölbing ihre Figuren in „Die Anarchistin“ spielen. „Wir harmonieren ungemein gut miteinander. Das ist auch extrem wichtig für das Stück, weil es sich doch von Aufführung zu Aufführung verändert, natürlich im Rahmen der Inszenierung“, sagt Hölbing. Es gebe Tage, da spiele man aggressiver, provokanter, betone den Text anders als gewohnt – auf all dass muss die jeweils andere reagieren, damit das Stück seine Dynamik und die Fallhöhe den Konflikt der beiden Figuren betreffend behält. „Ich finde, dass keine Vorstellung wie die andere ist. Das Stück gibt den Raum dafür, deshalb kann es eine solche Dynamik haben“, meint Crossey. Diese können sie ausnutzen, weil sie über die lange Spieldauer viele Erfahrungen mit dem Stück gesammelt hätten – mehr als je zuvor. Weder Crossey noch Hölbing haben bislang ein Werk so lange gespielt.

    Bloß keine Fehler

    „Anfangs waren wir sehr darauf bedacht, bloß keine Textfehler zu machen: Wir sind nur zu zweit und haben ungeheure Textmassen, die permanent ineinandergreifen“, erinnert sich Crossey. „Aber mit der Zeit haben wir gemerkt, dass, wenn uns doch mal ein Fehler passiert, wir das Stück so drehen können, dass das, was wichtig für die Geschichte ist, doch noch kommen kann.“ Solche Kniffe mitten im Spiel kommen aus Erfahrung – und einer vertrauensvollen Harmonie untereinander.

    Es gibt jedoch einen Punkt, an dem Hölbing und Crossey unterschiedlicher Meinung sind: wie sehr sich eine Figur verändert, wenn sie einen so lange begleitet. Crossey findet, dass ihre Rolle Ann ihr näher geworden ist. „In fünf Jahren verändere ich mich als Mensch, das kann schon in einen Charakter einer Figur einfließen. Ich glaube deshalb, dass eine Figur näherwächst“. Tatjana Hölbing zieht mehr Abstand zu Cathy vor: „Die Figur ist mir nicht nähergekommen. Soll sie auch nicht. Es ist schließlich ein Job.“

    Ein Job, der durchaus arbeitsam ist. „Die Anarchistin“ stand in den vergangenen fünf Spielzeiten nicht pausenlos auf dem Spielplan, sondern in Intervallen. Zudem mussten Vorstellungen unter anderem wegen Krankheit umgelegt werden. Für Crossey und Hölbing bedeutete dies, dass sie vor jeder Wiederaufnahme „den Text hochholen“ müssen, also wieder erneut verinnerlichen. Bei so einem Brocken von Manuskript sei es jedes Mal ein enormer Akt, weil nebenbei ja noch die Arbeiten in anderen Produktionen laufen.
    Diese Textarbeit wird keine von beiden Schauspielerinnen vermissen, wenn in dieser Spielzeit „Die Anarchistin“ endgültig abgespielt sein wird. Das Spiel aber, die gemeinsame Arbeit im Team und mit Souffleuse Sabine Jungk, werden sie schon vermissen. Dafür findet Crossey positive Worte zum Abschluss: „Ehrlich gesagt: Es gibt Stücke, da macht nicht jede Vorstellung Spaß. Dieses hier gehört ganz sicher nicht dazu.“

    Von unserer Redakteurin Anke Mersmann

    "Die Anarchistin" von David Mamet

    Das Theater Koblenz nimmt „Die Anarchistin“ am Montag, 6. November, wieder auf seinen Spielplan. Die Vorstellung beginnt um 20 Uhr im Neuen Justizzentrum. Eine weitere Wiederaufnahme ist nicht mehr geplant, weil das Justizzentrum laut Chefdramaturgin Julian Wulfgramm den Raum nicht mehr zur Verfügung stellen kann.

    Die Handlung
    Die „Anarchistin” ist Cathy, eine Frau, die wegen Mordes angeklagt ist – infolge eines bewaffneten Banküberfalls durch eine Terrorgruppe, der sie angehörte. Sie sitzt seit 35 Jahren im Gefängnis und beantragt ihre Freilassung. Sie sei, so sagt sie, im Gefängnis ein anderer Mensch geworden. Ihr gegenüber sitzt Ann. Sie soll als Sachverständige in einem Gespräch mit der Gefangenen herausfinden, ob diese entlassen werden kann, ohne eine weitere Gefährdung der Gesellschaft darzustellen. Ann steht kurz vor dem Ende ihrer beruflichen Karriere. Seit Jahren wartet sie auf ein Schuldbekenntnis Cathys.

    Hintergrund
    David Mamets Stück „Die Anarchistin” wurde 2012 in New York uraufgeführt. Die Premiere am Theater Koblenz war im Januar 2014. Aufgrund der ungebrochen großen Nachfrage wird die Inszenierung von Markus Dietze daher bereits in der fünften Spielzeit im außergewöhnlichen Spielort, dem Neuen Justizzentrum, gezeigt.


    Karten und Informationen 
gibt es im Internet unter www.theater-koblenz.de

    Kultur
    Meistgelesene Artikel
    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik
    Claus Ambrosius 

    Leiter Kultur

    Claus Ambrosius

     

    Kontakt per Mail

    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

    Redakteurin Kultur

    Anke Mersmann

     

    Kontakt per Mail

    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

    Redakteurin Kultur

    Melanie Schröder

     

    Kontakt per Mail

    Event-Kalender
    Veranstaltungstipps

    Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!