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Köln

Die Lage ist aussichtslos, aber nicht ernst: Samuel Becketts "Endspiel" umjubelt in Köln

Wolfgang M. Schmitt

„Ende, es ist zu Ende, es geht zu Ende, es geht vielleicht zu Ende“, heißt es in Samuel Becketts "Endspiel" gleich am Anfang – und dennoch geht es weiter – im Kölner Schauspiel auf furiose Weise.

Herrlich absurd, wunderschön traurig: In der Kölner Inszenierung von Samuel Becketts „Endspiel“ passt alles – hervorragende Schauspieler wie Martin Reinke treffen auf eine durchdachte Inszenierung und ein absolut präzises Bühnenbild.
Herrlich absurd, wunderschön traurig: In der Kölner Inszenierung von Samuel Becketts „Endspiel“ passt alles – hervorragende Schauspieler wie Martin Reinke treffen auf eine durchdachte Inszenierung und ein absolut präzises Bühnenbild.
Foto: Krafft Angerer

Es gibt da diesen jüdischen Witz: Ein Mann geht zum Schneider, um sich eine Hose nach Maß für die Silvesterfeier nähen zu lassen. Nach vier Tagen soll er wiederkommen. Doch der Hosenboden sei missraten, sagt der Schneider, er müsse sich noch acht Tage gedulden. Nach acht Tagen ist die Schnittnaht noch nicht perfekt. Aber in 14 Tagen … Schließlich ist schon der Frühling da, und der Kunde sagt voller Zorn zum Schneider: „Der Herr hat in sechs Tagen die Welt erschaffen, und Sie schaffen es nicht, mir in drei Monaten eine Hose zu nähen.“ Der Schneider entgegnet selbstgefällig: „Aber sehen Sie sich mal die Welt an – und sehen Sie meine Hose.“

Den Witz erzählt Nagg in Samuel Becketts „Endspiel“, aber er erzählt ihn schlecht, wie er selbst gesteht. In der Inszenierung des Stücks am Schauspiel Köln muss ihm sogar die Souffleuse Stichworte geben – ein wunderbarer, komischer Moment. Der Witz ist die Essenz von Becketts Drama: Die Welt ist eine schlecht sitzende Hose. Wobei unklar ist, ob da draußen überhaupt noch eine Welt existiert. Immer wieder befiehlt Hamm seinem Diener Clov, zum Fenster zu gehen, um zu schauen, was da draußen los ist. Vieles deutet darauf hin, dass fast alles verschwunden ist. „Ende, es ist zu Ende, es geht zu Ende, es geht vielleicht zu Ende“, sagt Clov gleich am Anfang – und dennoch geht es weiter.

Weitere Informationen zu Terminen und Tickets unter www.schauspiel.koeln

In Köln werden die Figuren knapp zwei Stunden lang ein herrlich absurdes, wunderschön trauriges Schauspiel aufführen, sich zwischendurch mehrmals verbeugen, bis der zur Unbeweglichkeit verdammte und mit Blindheit gestrafte Hamm sich wieder sein „altes Linnen“, ein Taschentuch, auf sein Gesicht legt – ein Bild für die Entindividualisierung, den Gesichtsverlust.

Furioser Fokus auf dem Spiel

Viele Inszenierungen des Stücks konzentrieren sich auf den ersten Teil des Titels, das Ende. Auf die Bühne gehievte Bedeutungsschwere, die den Zuschauer ebenso erdrückt wie die Intention des Autors. Denn Beckett möchte den zweiten Teil des Titels, das Spiel, betont wissen – das tut die Kölner Inszenierung von Rafael Sanchez furios. Schon das mit ein paar Matratzen und Stühlen sowie einer verrosteten Tonne provisorisch zusammengewürfelt wirkende, aber eigentlich absolut präzise Bühnenbild (Thomas Dreißigacker) bietet genug Raum für Clownerien und Slapstickeinlagen. An der Seite steht ein Gabelstapler – gut möglich also, dass die Zivilisationsreste bald weggeschafft werden. Ein Streichquartett aus vier Frauen mit blonden Perücken hinter einer kleinen Wand in der Bühnenmitte unterstreicht mit viel Esprit das Komische und Tragische (Komposition: Cornelius Borgolte).

Einer vielleicht nicht ganz wahren Anekdote zufolge sollen im Ersten Weltkrieg deutsche Frontsoldaten ihren österreichischen Kameraden gekabelt haben, dass die Lage zwar ernst, aber nicht aussichtslos sei, worauf die Österreicher antworteten: Die Lage ist aussichtslos, aber nicht ernst. Dieser Haltung entsprechen Becketts Figuren, die sich gegenseitig piesacken, herumkommandieren, mit Frage-Antwort-Spielen die Zeit vertreiben, die nicht vergehen will. Als Hamm fragt: „Wie viel Uhr ist es?“, antwortet Clov: „So viel wie gewöhnlich.“ Während Hamm an seinen Stuhl gefesselt bleibt, eilt Clov hin und her, lacht hysterisch und droht alleweil an, seinen Herrn zu verlassen. Doch die gegenseitige Abhängigkeit in diesem Herr-Knecht-Verhältnis ist derart total, dass wohl selbst der wortreiche Meisterdialektiker Hegel verstummt wäre. Sind im Dramentext Nagg und Nell bloß noch Autoritätsschrumpfformen, wie Abfall in Tonnen geworfen, hat Regisseur Sanchez sie vor eine Tonne gesetzt, wo sie sich lethargisch auf den – schwindenden – Geist gehen.

Große schauspielerische Leistung

Es gibt Schauspieler, deren Größe man schon daran erkennt, wie sie husten, schnaufen, sich räuspern – solche sind Martin Reinke, Bruno Cathomas, Pierre Siegenthaler und Margot Gödrös. Es ist eine Freude zu sehen und zu hören, wie nuancenreich und intelligent sie nicht nur Worte, sondern auch sonstige Geräusche von sich geben. Larmoyanz, Zorn, Verzweiflung und Abgeklärtheit sind da so zu vernehmen, wie sie mit Worten kaum wiederzugeben wären. „Schweigend nur ist der Name des Unheils auszusprechen“, gibt Theodor W. Adorno in seinem Essay „Versuch, das Endspiel zu verstehen“ zu bedenken. Für Martin Reinke, der als Hamm in eine einzige Silbe die gesamte Absurdität des Daseins legen kann, war es ein besonderer Abend, auch wenn er es gar nicht ahnte. Beim euphorischen Schlussapplaus wird er mit einem Blumenstrauß und der Nachricht überrascht, dass dies für ihn die bereits 200. Premiere seiner Theaterkarriere ist.

Wie immer bei Beckett stellt sich natürlich die Frage nach der Bedeutung des Ganzen. Adorno meinte, das „Endspiel“ zu verstehen, „kann nichts anderes heißen, als seine Unverständlichkeit verstehen, konkret den Sinnzusammenhang dessen nachkonstruieren, daß es keinen hat“. Was freilich nicht bedeutet, dass dieser Abend sinnlos ist. Im Gegenteil, schon weil die hervorragenden Schauspieler und Rafael Sanchez mit seiner durchdachten Inszenierung die Sinnhaftigkeit des Theaters offenbar werden lassen. Theater ist, wenn angesichts des Endes einfach weitergespielt wird.

Von unserem Reporter Wolfgang M. Schmitt

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