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"Das Traumschiff": Seichte Unterhaltung in seichten Gewässern?

Nach 36 Jahren verlässt Heide Keller das „Traumschiff“. Grund genug, die Schauspielerin der Chefhostess Beatrice zu würdigen und die ZDF-Reihe zu rühmen. Beides mag überraschen, ist doch weder Kellers Rolle komplex noch sind die „Traumschiff“-Folgen anspruchsvoll. Wir befinden uns in den seichten Gewässern der TV-Unterhaltung, anscheinend nur produziert, um die Feiertagsstimmung nicht zu trüben. Als Phänomen ist das „Traumschiff“ dennoch hochinteressant, denn die Sendung ist eine der letzten Konstanten im deutschen Fernsehen und bei den Zuschauern noch immer sehr beliebt. Aber warum nur?

Darf man zum Abschied weinen? Chefhostess Beatrice (Heide Keller) verlässt das Traumschiff. Kreuzfahrtdirektor Oskar Schifferle (Harald Schmidt) aber bleibt an Bord der ZDF-Produktion. Foto: ZDF/Dirk Bartling
Darf man zum Abschied weinen? Chefhostess Beatrice (Heide Keller) verlässt das Traumschiff. Kreuzfahrtdirektor Oskar Schifferle (Harald Schmidt) aber bleibt an Bord der ZDF-Produktion.
Foto: ZDF/Dirk Bartling

Weil kein Format so sehr zu beruhigen vermag wie dieses. Da ist zunächst die sanft wogende Titelmusik von James Last, deren kaum nach echten Instrumenten klingenden Streicher die Couchlandschaft des Zuschauers in ein Inselparadies verwandeln. Dann die obligatorische Begrüßung der Gäste durch Beatrice: In den ersten sieben Minuten einer jeden „Traumschiff“-Folge werden nicht nur alle wesentlichen Figuren eingeführt und ihre Probleme benannt, sondern bereits jetzt, ehe das Schiff abgelegt hat, deuten sich schon sämtliche Lösungen an.

Was auf dem Schiff nicht vorkommt

Heide Kellers Augen versichern mütterliche Fürsorge, ihr in nahezu jeder Nahaufnahme kokett schmunzelnder Mund verspricht ein Happy End. Diese Gewissheit ist es, durch die die Sendung jedes Wohnzimmer zu einem sicheren Hafen macht. Gefahren und Risiken werden, noch bevor sie auftreten, abgefangen, sodass am Ende alles gut, nein, besser wird.

Zuvor jedoch gilt es, erfolgreich diverse zwischenmenschliche Untiefen zu umschiffen. In der Neujahrs-Folge „Das Traumschiff: Los Angeles“ verliebt sich ein Mann in eine Frau. Das kommt häufiger vor, nicht nur auf hoher See. Doch die Frau ist die Freundin seines Bruders, was der Ärmste eine Szene später erfährt. Die Herzensdame ist dann auch hin- und hergerissen. In diesem Konflikt zeigt sich ein Wesenskern der Produktion: „Das Traumschiff“ ist ein Format der Vermeidung – von Tragischem und Erotischem. Weder ereignet sich nun ein antikes Drama mit tödlichem Ausgang, noch gibt es die französische Filmlösung: eine Ménage-à-trois. Auf dem Traumschiff kommt man lieber zur Vernunft, die Figuren sehen ein, für wen sie geschaffen sind oder eben nicht.

Auch Nico, der Schulabbrecher, der unbedingt Stuntman werden will, gelangt dank des allzeit besonnenen Kapitäns zur Einsicht, dass es viel vernünftiger ist, zur Marine zu gehen. Mögen manche verreisen, um ihr ordentliches Leben in produktive Unordnung zu bringen, dient ein Urlaub auf dem Traumschiff dazu, das Durcheinander zu ordnen, das Gewellte zu glätten – und den Wilden, wenn er sich an Bord befindet, zu zähmen. Anders ist es mit den „Wilden“, denen die Passagiere beim Landgang begegnen.

Diese führen archaisch anmutende Tänzchen auf, verkörpern mit zwei Apfelsinen im Haar und an den Hüften drapierten Bananen vitalistische Lebensfreude. Oder aber sie sind kriminell, und stehlen oft mit dem Schmuck noch gleich die dazugehörige Gattin, welche wiederum des Gatten Schmuckstück ist. Bei jedem Landgang passiert etwas vorhersehbar Unvorhergesehenes: Wenn es kein Diebstahl ist, dann vergisst ein herzkranker Passagier seine Pillen an Bord oder jemand hat einen Unfall – wie in der neuen Folge, in der der Möchtegern-Stuntman vom Wege abkommt. Die Lehre lautet stets: Wandre nicht jenseits der ausgetretenen Touristenpfade. Natürlich passiert nie etwas Schlimmes. Auch diesmal fällt in der Bordarztkabine wieder der Satz; „Das hätte auch anders ausgehen können.“ Nein, auf dem Traumschiff eben nicht!

Wenn in der Los-Angeles-Folge eine pubertierende Tochter schon an Bord von den Sehenswürdigkeiten der kalifornischen Stadt schwärmt und der Vater dann entnervt abwehrt: „Das haben wir doch alles schon 100-Mal im Fernsehen gesehen“, hat die Szene eine gewisse Doppelbödigkeit, denn kurz darauf bekommen wir das, was wir tatsächlich schon 100-Mal im Fernsehen gesehen haben, noch einmal gezeigt – inklusive des berühmten Schriftzugs in den Hollywood Hills. Es geht nicht darum, Fremdes zu erfahren, sondern Seh- und Denkgewohnheiten zu bestätigen, die dann beim Finale, dem Captains Dinner mit Eisbomben und Wunderkerzen, vom Kapitän erneut bekräftigt werden.

Eine wirkliche Dame

Schon Siegfried Rauch, Sascha Hehns Vorgänger in der schiffsführenden Rolle, gab zum Wohlsein aller Weisheiten von sich, die so allgemein waren, dass sie nie falsch sein konnten. Diesmal aber ist es anders, denn die Einzige der ursprünglichen Crew nimmt Abschied: Beatrice beziehungsweise Heide Keller. Es kommt sogar zu einem klassisch sozialdemokratischen (also die SPD vor der Agenda 2010 meinenden) Moment, wenn die Kamera bei der Verabschiedung die Arbeiter im Maschinenraum, in der Wäscherei und Küche zeigt, die den dekadenten Kreuzfahrtluxus erst möglich machen.

Beatrice, die nur zu Anfang einmal einen Mann an Bord verführte, sonst aber mit dem Schiff verheiratet war, bleibt stark. Eine Frau wie sie weint nicht. Sie, die so oft das Privatleben ihrer Gäste navigierte, trennt strikt das Öffentliche vom Privaten. Sehr richtig sagt der Kapitän in seiner Rede auf die Chefhostess: „Und ist es nicht wie bei einem guten Theaterstück? Es kommt nicht darauf an, wie lange es dauert, sondern wie gut man es spielt.“ Beatrice bleibt bis zum Schluss ein Geheimnis und eine Dame – wie Heide Keller selbst. Als Keller zum Schluss in die Kamera blickt, gelingt ihr Großes, ja, Berührendes. Wehmut, Schmerz, Glück und Dankbarkeit vereint sie in ihrem Gesicht. Ihr Mund schmunzelt jetzt nicht, er bedankt sich. Und auch der „Traumschiff“-Zuschauer sagt: Danke, es war schön mit Ihnen.

„Das Traumschiff: Los Angeles“ ist am 1. Januar um 20.15 Uhr im ZDF zu sehen.

Von unserem Reporter Wolfgang M. Schmitt

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